Pierre Bonnard: »La Terrasse ensoleillée«/»Die Terrasse im Sonnenlicht« (1939–1946) © Privatbesitz/Kunstforum Wien

Sich im Bild verlieren

Ein gewisser Rückzug in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges kennzeichnet die Bilder Pierre Bonnards. Starre und Schwermut stehen im Widerspruch zu den lebensbejahenden Farben. Nur noch bis 12. Jänner 2020 im Wiener Kunstforum.

Sie schwebt wie ein stiller und stummer Geist durch seine Bilder. Sitzt am Tisch wie ein kleines Mädchen, mit dem Gesicht knapp über der Tischoberfläche, und starrt ins Leere. Mit Bubikopf, hängendem Kopf, eine Teetasse in der Hand. Farben: Gelb und Rosa. Hinter ihr ein dunkles Fenster. »Le dejeuner«/»Das Mittagessen« (1932) heißt das Bild. Die Frau des Malers Pierre Bonnard, Marthe de Meligny, litt an einer rätselhaften Krankheit, sie verschwand immer mehr, löste sich in Luft auf, entzog sich. Der Maler versuchte, sie festzuhalten – zumindest ihren Schwebezustand darzustellen. Ihre häufigen Bäder sollten zu Beginn der Linderung ihres Nervenschwäche-Leidens dienen, doch verbrachte sie anscheinend immer mehr Zeit in der Badewanne. Bonnard malte sie so: mit mädchenhaftem, weißem Körper, völlig entrückt, im durchscheinenden Wasser. Nicht erotisch, sondern mitfühlend, trotz Distanz begleitend. Alles weiße und hellblaue Farben im Badezimmer – der Krieg scheint weit weg, ausgeblendet? Daher die Starre? Oder ficht hier jemand einen Krieg mit sich selbst aus? Weicht Marthe de Meligny aus, hat sie aufgegeben? 1942 starb sie an einem Herzinfarkt. Mitten im zweiten Weltkrieg. Die Bilder schauen nach langen Nachmittagen des Schweigens und der Leere aus. Die Farben sind aber weich und pastellfarben, von Sonnenlicht durchtränkt.

Pierre Bonnard: » Dans la salle de bain«/»Im Badezimmer« (um 1940) © Privatbesitz/Kunstforum Wien

Leere Gesichter
Auf dem Bild »Le petit déjeuner au radiateur«/»Das Frühstück, Heizkörper« (um 1930) hängt Marthe noch mehr über dem Essen, hinten im Spiegel sieht man Bonnard selbst, ohne Gesichtszüge. Eine Feministin schrieb einmal, am liebsten würde sie Marthe zurufen: »Steig’ aus der Badewanne aus und tu’ etwas!« Es ist aber auch möglich, dass die Kuratorin für Wien speziell diese vielen Badebilder aussuchte, um irgendeine Theorie zu untermauern. Denn zum Beispiel in dem Buch »Pierre Bonnard« von Guillaume Morel (Könemann 2018) findet sich sehr wohl Malerei, in der Marthe de Meligny Gesichtszüge aufweist. In Wien schauen die Figuren auf den Bildern nie den*die Betrachter*in an, auch Bonnard selbst weicht auf den Fotos im Wiener Kunstforum meist dem Blick aus. Seine Malerei hat etwas Traumhaftes an sich – verwischte Augen, keine Gesichtszüge, leere Gesichter. Gedämpfte Farben, oft im Gegenspiel: Lila und Grün zum Beispiel, oder Gelb und Blau. Ein anderes Farbenpaar ist Rosa und Orange. Wie auf »La Terrasse ensoleillée«/»Die Terrasse im Sonnenlicht« (1939–1946): Der Maler sitzt verhuscht in einer Ecke des Bildes, vor ihm der weite Raum des Meeres. Die Terrasse öffnet sich über überbordende rosa Blumen ins Nichts. Sehr oft erscheint Wasser auf Bonnards Bildern, in der Psychoanalyse das Zeichen für Kreativität. Konnte diese eigenständige Person, seine Frau – »das Wesen, beinahe noch ein Kind, das ihn wie ein aufgeschreckter Vogel umflatterte«, wie sie ein Freund beschrieb – ihre eigene Kreativität nicht ausleben? Eine Schattenkünstlerin, die über fünfzig Jahre neben einem Maler lebte?

Pierre Bonnard: »Le petit déjeuner au radiateur«/»Das Frühstück, Heizkörper« (um 1930) © Privatbesitz/Kunstforum Wien

Erdfarbenes Schlachtfeld
Bonnard stand im Briefwechsel mit Henri Matisse, der ihn als Maler posthum gegen Kritiker*innen verteidigte. Er verwendete ähnlich wie Matisse oft das Motiv Fenster. Doch seine Fenster sind alltäglicher und dienen nicht so sehr der Dekoration, sie weisen nach außen, auf mögliche Fluchtlinien hin, nicht in den Innenraum hinein wie bei Matisse. Die Farbe war Bonnard laut Kunstforum-Katalog wichtiger als das Motiv, deswegen malte er auch aus der Erinnerung. Im Ersten Weltkrieg war Bonnard noch einer der Maler, die dokumentarisch arbeiteten, das Grauen festhielten. Er malte »die Häuser erdfarben wie das Schlachtfeld selbst«. Sein Vater Eugen Bonnard arbeitete als Bürochef im Kriegsministerium. Vielleicht erklärt dieser Umstand Bonnards Zurückhaltung, obwohl er schon im Ersten Weltkrieg zu alt war, um eingezogen zu werden. Im Gegensatz zu Matisse, der sich 1916 mehrmals freiwillig meldete, tat Bonnard das nie. Ein bekanntes Selbstporträt des Künstlers heißt »Le Boxeur«/»Der Boxer« (1931) und zeigt ein kleines buntes Bild im Bild, über seiner roten Faust. Das verzerrte Gesicht rotbraun, der Körper weiß. Seitlich ein Streifen Blau.

Pierre Bonnard: »Die Farbe der Erinnerung« ist noch bis 12. Jänner 2020 im Kunstforum Wien zu sehen.