Duzz Down San im Fluc © Chris Hessle

Senza Insta

Mit Duzz Down San feiert das produktivste HipHop-Label des Landes seinen zehnten Geburtstag. skug traf Mosch, P.tah, Testa und Chrisfader zum Gespräch über ihre Motivation, ein Label zu betreiben, und darüber, wie sich HipHop in dieser Zeit verändert hat.

An einem lauen Spätsommerabend treffen wir uns zum Interview im Fluc am Wiener Praterstern. Chrisfader liefert den Soundtrack zu den vor dem Lokal herumkreisenden Polizeiwägen – Kreise, die Stunden später in der Verhaftung eines jungen Mannes durch fünfzig schwer bewaffnete Beamte ihren Höhepunkt finden werden. Kamen solche Szenen früher einfach seltener vor oder fällt es mir heute zunehmend schwerer, derartige Beobachtungen auszublenden?

Schnitt, zehn Jahre zurück. Mosch: »Wir haben damals schon alle Sound gemacht, waren aber noch recht verstreut – jeder für sich so dahin, in verschiedenen Städten. Meist haben wir uns dabei an lokalen Vorreitern orientiert, etwa Total Chaos in Innsbruck. Richtig herangeführt wurden wir aber von denen nicht. Daher wurde uns schnell klar, dass wir selbst etwas auf die Füße stellen müssen. Das hat ganz gut funktioniert und jetzt sind auf einmal zehn Jahre vorbei.«

Mosch © Chris Hessle

X-Coast Era

Ausblenden, einblenden. Egal ob der junge Mann von vorhin Capital Bra, Yung Hurn oder Kollegah auf seinem Galaxy hatte, bevor es ihm abgenommen wurde – auf die Party von Duzz Down San hätte es ihn wohl kaum verschlagen. P.tah: »Das Internet ist super, weil alle Musik machen können. Das Gʼschissene ist halt, dass es halt auch ganz viele Leute tun. (grinst) Als wir damit angefangen haben, war das noch eine kleine Nische – vor allem im deutschsprachigen Raum und speziell in Österreich. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, auf Ö3 Rap-Songs mit Autotune-Hook zu hören, von irgendwelchen deutschen Artists, deren Namen ich noch nie gehört habe. In dem Sinne ist HipHop gerade riesig und dabei wahrscheinlich so vielseitig wie noch nie zuvor.«

Chrisfader © Chris Hessle

Die Zeiten, als die Trennlinie zwischen East- und Westcoast verlaufen ist, sind lange vorbei. Inzwischen wurden Szenen zu Märkten und die sind mittlerweile recht fragmentiert. Mosch merkt an, dass es heute für junge Artists eher schwierig sei, »aus der breiten Schicht durchzustechen.« Dabei schränkt er aber ein: »Wir sind auch nicht so etabliert, um weiß Gott wie gute Nachwuchsarbeit zu leisten. Daher sehe ich das Problem mit dem Heranführen nun bei mir selbst. So gesehen hat sich nicht viel verändert.« Testa fügt hinzu: »Durch das Internet ist es heute nicht mehr so wichtig, wo man herkommt. Man kann es von überall schaffen, Aufmerksamkeit zu generieren.« Genau das sei aber nicht ihr Ziel, meint Mosch: »Wir sind da ziemlich entspannt. Als Restless Leg Syndrome für ihr Album ›Dabkeh‹ einige libanesische Samples verwendet haben, gab es im Nahen Osten einen regelrechten Hype mit Konzerten und so weiter. Das hat sich dann so ergeben. Wir zielen mit unseren Veröffentlichungen nicht darauf ab, unsere Reichweite zu erhöhen, sondern suchen nach Sounds, an die wir glauben und die wir feiern. Wir setzen ein Angebot und wer will, kann es leicht finden. Manchmal passiert etwas damit – aber wenn nicht, dann ist es genauso in Ordnung.«

Es überrascht daher auch nicht, dass Duzz Down San – deren Labelkatalog mittlerweile an die achtzig Veröffentlichen umfasst – sich nicht sonderlich um Promotion kümmern. Stattdessen geht die Energie in eine andere Richtung: »Wir haben uns eine Plattform geschaffen, auf der wir uns regelmäßig treffen, statt bloß im Netz hin- und herzuschreiben. Ich denke, dass es langfristig wichtig ist, eine reale Community in seinem Umfeld zu haben,« meint Testa, der auch in Restless Leg Syndrome involviert ist.

Testa © Chris Hessle

Influencer ohne Insta

Kann man in so einem Fall von einer Vorreiterrolle sprechen? Influencer ohne Insta, geht das? Testa erteilt dem eine Absage: »Wir waren zwar manchmal bei gewissen Entwicklungen ganz gut dabei. Aber wenn man sich ansieht, wie sich der Musikmarkt entwickelt, sind wir wahrscheinlich von einer Vorreiterrolle so weit entfernt wie nie zuvor.« Mosch legt nach: »Eine Vorreiterrolle impliziert für mich, dass man Erfolg hat. Wir haben es immerhin geschafft, kontinuierlich da zu sein. Aber das ist für mich zu wenig, um von einer Vorreiterrolle zu sprechen. Vielleicht blenden wir dafür zu oft den Zeitgeist aus, weil uns das nicht sonderlich tangiert – wir sind aus Prinzip keine Leute, die irgendwas nachrennen oder auf Züge aufspringen wollen. Würde einmal irgendwas von uns steil gehen und jemand anders diese Richtung dann weiterentwickeln, dann wären wir vielleicht einmal Vorreiter. Aber das ist bisher noch nicht passiert.« Am ehesten, meinen Mosch und Testa, würde das noch auf P.tah zutreffen. Doch der winkt ab: »Mein Sound hat wenig mit einer Vorreiterrolle zu tun, denn Dubstep und Grime ins Deutsche zu übersetzen ist nicht so einfach. Aber zumindest kann man die 140 bpm nehmen und sagen: mit dem spielen wir. So konzentriere ich mich darauf, meine Flows in diesem Tempo zu entwickeln.«

P.tah © Chris Hessle

So orientieren sich die vier Jungs, die Duzz Down San am Laufen halten, lieber an Leuten wie Travis Scott, Ocean Wisdom oder dem Brockhampton-Kollektiv, statt an Clicks, Clouds & Likes. Ausblenden, Einblenden. Technischer Rap nennt sich das und das kann man wohl durchaus auch als Abgrenzung verstehen. Ausblenden.

Und weiter?

Am 28. September erscheint mit »X« eine Geburtstags-Compilation mit 28 Tracks von Duzz Down San Artists. Der wöchentliche Podcast »Vertigo« von Mosch gibt es auf Mixcloud zum Nachhören. Neben dem monatlichen Duzz Down San Clubnight im Wiener Celeste finden am 5. Oktober im Flex Café in Wien sowie am 3. November im PMK in Innsbruck zwei Labelnights anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Duzz Down San statt. Die nächsten Veröffentlichungen sind ein neues Album der Waxolutionists (Mitte Oktober) sowie »Ghost EP« von Kinetical & P.tah (Ende November).

Links:
https://duzzdownsan.bandcamp.com
https://soundcloud.com/duzz-down-san-records
https://twitter.com/duzzdownsan