Science-Fiction ohne Graufilm

Fabian Faltin entwickelt sein Debut »Gute Macht« als Geschichte von menschlicher Individualität, Wahrnehmung und Individualisierung vor fotografischem Hintergrund.

Fabian Faltins Debütroman »Gute Macht« stellt mit dem Individualisten Harry Kirk einen akademischen Workaholic und schmächtigen Kaum-Esser ins Zentrum eines von fotografischen Inputs durchbrochenen Handlungsbogens. Er schildert Kirks Kosmos, seinen einsiedlerischen Weltenentzug in dreizehn Kapiteln – Momentaufnahmen in sprachlich beeindruckendem Zoom -, ohne in eine fahle, sinnferne Melancholie abzudriften. Kirks Innerlichkeit wird als Remix erfahrbar, als eine Neukodierung von gewesenem Wissen und Raumerfahrung. Die Banalität und Art von zwischenmenschlichen Beziehungen seziert Kirk eindrücklich in ihre unmöglichen und doch realisierten Kontaktpunkte, schildert defekte und umgebrochene Kommunikationssysteme. Eine Gesellschaft und ihre Stagnation im Informationsnebel des Internets, dessen Datenfluten in ihrem tatsächlichen Sinnvolumen interferieren; der übliche Weltenentwurf und seine Ma&szligstäbe gelten (für Kirk) nicht mehr. Schlie&szliglich legt sich eine bläulich flirrende Glut über alles, eine bedrohliche Strahlung.

Ein interessantes Spannungsverhältnis hierzu evozieren die grau gedruckten Fotografien: Sie zeigen keine Spur von Kirks wahrgenommener Verstrahlung. In ihrer allzu realistischen, fast gewöhnlich ausgefallenen Motivwahl sind sie Kontrastfolien und zugleich Indikator dafür, weshalb der Protagonist diese Bildfläche mit apokalyptischen Tönen und expressiver Lebendigkeit versehen muss. Faltins aufgerufenes Wortinventar wirkt mobil und entfaltet sich anregend, somit verbinden sich die Momentaufnahmen zu einer nachvollziehbaren Diashow. Der Leser kann ihr Tempo weniger bestimmen, viel eher regulieren die intellektuellen, fantasievollen Satzkreationen seine Aufnahmebereitschaft. Man könnte den Roman, wie angedeutet, als niedergeschriebenen Rhythmus eines subjektiven Weltverständnisses empfangen – in all seinen Aussetzern und in seinem Pulsieren. Einzig die Reporterin Cruz, ein zutiefst belebender Liebesschimmer für Kirk, durchbricht seine Dauerschleife aus Recherchieren und Vegetieren. Die beiden finden in ihrer Liebe einen gemeinsamen Unterschlupf, während das Universum vollends aus den Fugen gerät … Fabian Faltin baut, wie die skizzierten Ansätze vermuten lassen, eine Vielzahl medienreflexiver, soziologischer und gesellschaftskritischer Momente ein. Sein farbechtes Debüt schafft Kitt für (Gedächtnis-)Lücken der Wissenschaften, fasziniert durch seine sprachliche Leistung wie beweglich manifestierte Vorstellungskraft auf dem Gebiet der menschlichen Identität, Wahrnehmung und Individualisierung. Ja zum Einzelnen, ja zu »Gute Macht«.

Fabian Faltin: »Gute Macht«, Wien: Milena Verlag 2010, 156 Seiten, zahlreiche Abbildungen, EUR 15,50