Gilberto Gil © Gérard Giaume, Milton Nascimento © João Couto

»Schwarzer Atlantik« im Haus der Kulturen der Welt

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) finden vom 5. bis 27. Juli 2019 wieder die »Wassermusik« statt. Vor allem mit Musik, Film und Talks von Künstler*innen aus den Kulturen des Südatlantiks unter dem Motto »Black Atlantic Revisited« . Ein Kurzportrait einiger der Höhepunkte.

Paul Gilroy beschäftigte sich in seinem 1993 erschienenen Buch »The Black Atlantic: Modernity and Double Consciousness« mit der Geschichte der Diaspora im Raum des Atlantiks. Dabei untersucht er, wie Kunst und Wissen in der Geschichte der Schwarzen verhandelt werden. Dies geschieht, gut sichtbar, allgemein verständlich und eindrucksvoll, vor allem in der Musik. Nachdem man sich 2004 im HKW bereits im Projekt »Black Atlantic« mit Gilroys Thesen auseinandersetzte, befand man die Zeit als äußerst reif (man schaue allein auf die rassistische, rechtsextreme Regierung Brasiliens), sich erneut damit zu beschäftigen. Kuratiert von Detlef Diederichsen finden nun Konzerte von u. a. Milton Nascimento, Gilberto Gil und anderen Künstler*innen statt. Zudem läuft parallel ein Filmprogramm und auf dem Wassermarkt werden allerlei Dinge aus der Lusophonie, also Handwerkliches aus dem portugiesischen Sprachraum, feilgeboten. Man muss sich mal vorstellen: Die Größen der brasilianischen Musik sind dort seit Jahrzehnten anerkanntes Allgemeingut, die Texte werden gekannt und geliebt. Vergleichbar wären in Deutschland Westernhagen oder Grönemeyer. Nur sind die eben nicht vergleichbar. Nascimento und Gil sind zumindest zwei Gründe, für ein paar Abende ins Haus der Kulturen der Welt nach Brasilien zu reisen und sich von der reichhaltigen, äußerst lebendigen, verspielten und sexy Musik die Grütze aus den Ohren blasen zu lassen.

Milton Nascimento @ João Couto

Milton Nascimento, live am 5. Juli
Milton Nascimento blickt auf eine lange und eindrucksvolle Karriere zurück, ist er doch einer der prägendsten Música Popular Brasileira-Musiker*innen Brasiliens neben Chico Buarque, Gal Costa, Joao Gilberto, Caetano Veloso, Maria Bethania und und und … So kann man behaupten, Nascimento ist der erste schwarze Sänger Brasiliens, der richtig groß wurde. Caetano Veloso meinte über ihn, dass er die Stimme Gottes besäße. Man kann sich selbst davon überzeugen:

Im Vorprogramm spielt die ebenfalls aus Brasilien stammende Luedji Luna, die mit »Um corpo no mundo« (2017) ein fantastisches Album veröffentlicht hat, auf dem sie mit einem unwahrscheinlich angenehmen, behutsamen Gitarrenspiel und ihrem tollen Gesang überzeugt. Supertipp!

Gilberto Gil, live am 14. Juli
Gilberto Gil gehört in der vielfältigen brasilianischen Musikszene der eher experimentelleren Sparte an, die mit vielen (brasilianischen) musikalischen Genres experimentierten. Der Szene entsprangen dann auch Jahrhundertbands wie die Os Mutantes oder Künstler*innen wie Tom Zé.

Gilberto Gil © Gérard Giaume

Neben seiner Musik, in der er (südamerikanische) Afro-Religionen (Candomblé und Umbanda) integriert, ist er zudem politisch äußerst engagiert. Während der brasilianischen Diktatur musste er einige Zeit im Gefängnis verbringen und ging dann nach London ins Exil. Sein schöner Gesang, man lausche diesem Klassiker, ist einzigartig:

Im Vorprogramm: Miroca Paris aus Cap Verde.

Weitere Acts sind Nélida Karr am 6. Juli. Die Gitarristin aus Äquatorialguinea, die mit einer Fusion aus spanischer Gitarrenmusik, Blues und Jazz und der Musik der Bubi aufwartet. Ihr folgt am Abend die Gruppe Ranky Tanky aus Großbritannien. Am 12. Juli spielen Les Filles De Illighadad. Sie sind sozusagen die ersten Frauen in der Tuareg-Musik bzw. im Desert Blues. Neben Größen wie Bassekou Kouyate, Tamikrest etc. ist es fast eine Sensation, dass sich die drei Frauen Fatou Seidi Ghali, Alamnou Akrouni und Mariama Salah in diese sehr männliche Szene wagen. Die Musik lenkt glücklicherweise von dieser Sensation ab. Sie machen einfach gute Musik, und das ist Sensation genug. Am selben Abend spielt das Ensemble aus kubanischen und westafrikanischen Musiker*innen um Boncana Maïga, dem letzten noch lebenden Mitglied der 1964 ins Leben gerufenen Band Maravillas de Mali. Virgínia Rodrigues aus Bahia sowie Les Amazones Afriques gastieren am 13. Juli. Geschlechterverhältnisse top, musikalisch äußerst vielfältig, hochkarätig und auch die große Altersspanne lässt auf schöne Abende hoffen.

Neben all diesen Highlights sind ein weiterer Höhepunkt die »Echoes of the South Atlantic«, die am 10. und 11. Juli (Eintritt frei) in Kooperation mit dem Goethe-Institut stattfinden und sich mit den aktuellen Beziehungen zwischen Afrika, Amerika und Europa beschäftigen. Beiträge von Paul Gilroy, Achille Mbembe (»Kritik der Schwarzen Vernunft«), Gabi Ngcobo, Felwine Sarr, Nanette Snoep versprechen äußerst spannend zu werden.

Links:
https://www.hkw.de/de/programm/projekte/2019/wassermusik_2019/wassermusik_2019_start.php
https://www.goethe.de/ins/br/en/kul/sup/echoes/epb.html