Der Himmel über dem Schwedenplatz © Redaktion

Schüsse am Schwedenplatz

Der Schock sitzt tief in der skug-Redaktion. Einige von uns wohnen nur wenige Schritte vom Ort des Terrorverbrechens am 2. November entfernt. Dennoch hier der Versuch einer Analyse der Ereignisse und ihrer medialen/politischen Folgen.

Der Anschlag in Wien war ein in vielerlei Hinsicht schwerwiegendes Ereignis. Das menschliche Leid, das dieser Terror allein schon indirekt bringt, ist groß. Es ist kaum begreifbar, was die Geschehnisse am Vorabend des Lockdowns, der mit abendlichen Ausgangssperren einhergeht, bewirken. Diese Verbindung hat ein dystopisches Potenzial, das in die Seelen der Bürger*innen einsickern und dort beträchtlichen Schaden hinterlassen kann. Für die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden selbst wird es sehr schwer werden, mit der unerträglichen Sinnlosigkeit dieser Tat Frieden zu finden. Gleichzeitig sollte man auch nicht gefühlstaub werden gegenüber dem armen Irren, der mit einer selbstgebastelten Sprengstoffgürtelattrappe in den Tod gerannt ist. Die Frage, wie es möglich war, dass er die Resozialisierungsmaßnahmen austrickste, betrifft die Institutionen mehr als die Person des Attentäters. Wie ideologisch verbohrt, verzweifelt und hoffnungslos muss dieser 20-Jährige gewesen sein? Darüber hinaus ist das Reifezeugnis der Republik angesichts des Terrors ein höchst durchwachsenes.

Wie reagieren die Medien?
Bei der Presse darf man ruhig von »Versagen« sprechen. Diese scheinheilige Betonung von »ambivalenter Situation«, in der man sich befände, und dann wurde gleich deutlich, dass die meisten doch nur in den Startlöchern saßen, um den nächsten Tweet rauszuhauen. Hier zeigte sich, wie das Business läuft. Was wäre gewesen, wenn man tatsächlich mal nicht spekuliert und Handyvideos einfach verschwiegen hätte, statt auf den Hype aufzuspringen? Ist es journalistisch wirklich das Wichtigste, als Erste*r etwas zu verlautbaren, das man dann später – im Falle Florian Klenks – reumütig revidieren muss? Wenn Journalist*innen auf Twitter auch nur auf Wellen reiten, dann gräbt sich der Journalismus selbst das Wasser ab.

Ungleich schwerwiegender ist das, was der Boulevard geliefert hat und dazu müsste er unbedingt zur Rechenschaft gezogen werden, beispielsweise durch Einstellung von Inseratschaltungen. Verbreiter von Snuff-Videos sollten zudem keinen Cent Medienförderung mehr erhalten. Was viele Medien ablieferten, war in diesem Zusammenhang möglicherweise sogar Komplizenschaft, zumindest wurde aber eine Art Co-Abhängigkeit dokumentiert. Schließlich ist bei den meisten Terroristen die Aufmerksamkeit im Tod das eigentliche Ziel und die lieferten die Medien im Überschwang. Und die Politik? Hier muss jetzt vor dem Anwerfen der Propagandamaschine gezittert werden.

Wie reagiert das Land?
Nachdem am Abend des Anschlags tüchtig der bellizistische Jargon bemüht worden war (der Attentäter wurde »ausgeschaltet« bzw. »neutralisiert«; es gab »Verwundete« statt Verletzte), waren die Statements von Innenminister Karl Nehammer sowie die Rede von Bundeskanzler Sebastian Kurz am Folgetag überraschend deeskalierend angelegt. Die Rede des Bundeskanzlers war deutlich besser als die eigentümlich abstrakte Anlasspoesie des Bundespräsidenten. Was Kurz aber nicht wahrhaben will, ist, dass Rassismus ein Strukturphänomen ist. Zu betonen, dass nicht »Christen gegen Moslems« und »Österreicher gegen Migranten« kämpfen, markiert zunächst nochmals die permanent konstruierten Konfliktlinien. Diese verschwinden nun nicht, sondern treten lediglich in den Hintergrund, insofern der ultimative Konflikt »Zivilisation gegen Barbarei«, »Frieden gegen Krieg« beschworen wird.

Das verkennt jedoch u. a. die zivilisatorische Errungenschaft, niemals einen Kampf gegen den »politischen Islam« führen zu wollen, weil genau dies allzu leicht eine Glaubensgemeinschaft als Quelle der Probleme stigmatisiert. Es ist allein taktisch unklug, denn wer sich ausgeschlossen fühlt, wird leicht von Fanatiker*innen rekrutiert. Des Weiteren sollte auffallen, dass weder Bundeskanzler noch Bundespräsident auch nur ein einziges Mal von »Menschenrechten« gesprochen haben. Ihr staatstragender Nationalismus bleibt bei der Verteidigung von »unseren Werten« und gestattet dem staatstragenden Universalismus im zweiten Lockdown wenigstens noch die Rede von »Freiheit« und »Grundrechten«.

Wie geht es weiter?
Auch das beliebte Feuilleton-Spiel, hobbyistisch über den Zivilisationsgrad des Islam zu sinnieren, führt zuverlässig ins Leere. Denn jahrtausendealten Religionen nachzuweisen, archaisch zu sein, ist wohlfeil. Allen Religionen wäre eine historisch kritische Perspektive anzuempfehlen. Sobald aber religiöse bzw. religiös motivierte Führer Macht besitzen, sind sie dazu nicht nur nicht bereit, sondern verbieten und verfolgen alle progressiven Bemühungen. Das ist in Pakistan oder der Türkei nicht anders als in Polen oder den USA. Denn auch das politische Christentum (das z. B. in Warschau Teufelsaustreibungen inszeniert oder mit der fundamentalistisch-katholischen Abtreibungsgegnerin Amy Coney Barrett den Obersten Gerichtshof mehrheitlich besetzt hat) bleibt stets brandgefährlich. Überwinden lassen sich diese Gefahren nur mittels konsequenter Aufklärung und Solidarität. Die Aufklärung richtet sich dabei immer gegen einen selbst und kann anderen nicht verordnet werden, die Solidarität kann immer nur angeboten werden.

Es scheint, als seien Terroranschläge zu einem alltäglichen Faktum geworden. Dies bringt die Gefahr mit sich, über das Elend zu ermüden und zu resignieren. Nichts wäre falscher als das. Terrorismus und auch der ihn befördernde Rassismus sind keine Naturphänomene, sie können schon morgen überwunden sein. Das Bewusstsein dafür, wie schützenswert menschliches Leben ist, wäre bei allen Menschen vorhanden. Jenseits aller ideologischer und religiöser Einengung gibt es ein allgemeines Gefühl dafür, dass uns jenes letztlich gleiche Wesen verbindet, das atmet, Schmerz empfindet und Hoffnungen hegt.