Tony Renaissance © Inés Ballesteros, Grafik: Kathi Arnecke

Salon skug mit Tony Renaissance und Ai fen

Ein Salon mit pulsierender und atmosphärisch tiefer Musik zweier besonderer Künstler*innen. Dazu dann auch noch ein Panel zur aktuellen Krise und insbesondere jener der Clubkultur.

Der ehemalige Brit-Pop-Superstar Noel Gallagher meinte jüngst, Maske zu tragen sei ein »piss-take«. Wenn er den Virus bekäme, dann sei dies halt sein Problem und die Dinger seien schlicht sinnlos. Die Stimmung beginnt sich mit der zweiten Covid-Welle langsam zu drehen. Und war da nicht was mit der Rockmusik, der Popkultur und dem Rebellischen? Ist es in der Szene nicht üblich dafür zu sein, wenn es irgendwo dagegen geht? Mag sein. Auffällig ist nur, dass eine Vielzahl derjenigen, die die – nicht von der Hand zu weisende – staatliche Bevormundung durch Maskenpflicht anprangern, gerne dann auch schnell noch ein Scherflein drauflegen und ihre eigenen Viruserklärungen haben, à la »Wie konnte Bill Gates das alles vorher wissen?« Wenn das Gespräch in die Richtung geht, dann heißt es schnell das Bier austrinken und ab in die selbstgewählte Heimquarantäne. Eigentlich stellt sich der – zugegebenermaßen unübersichtliche – Virus-Sachverhalt als Problem praktischer Moral ganz anders dar. Georg Seeßlen hat dies schön zusammengefasst: Maskentragen ist ein Akt sichtbarer Solidarität. Um andere zu schützen, brauche ich als mitfühlender Mitmensch keine wissenschaftlichen Gutachten, es reicht die Möglichkeit der Gefährdung anderer, um die kleine Misslichkeit einer Maske auszuhalten.

Was passiert mit der Szene?
So weit, so gut. Nur, Covid wird sich in die Länge ziehen und schon jetzt zeigt sich, die Gesellschaft nach der Pandemie wird eine andere sein. Das naive »Licht am Ende des Tunnels«-Gerede ist nichts anderes als ein Polit-Schmäh, der das Gefühl bedient, alles wäre bald wieder beim Alten. In der Bewertung der aktuellen Krise sind letztlich zwei Sachverhalte getrennt zu erörtern: die medizinische Notwendigkeit von Shutdowns einerseits und die dadurch nötigen Hilfen andererseits. Die schwierige wirtschaftliche Lage kann schließlich nicht mit dem Überleben von Mitbürger*innen verrechnet werden. Tatsächlich ist das Sprüchlein von der Krise als Chance hier nicht ganz falsch und wir dürfen uns einmal die Frage stellen: Wollen wir zum x-ten Mal den Kapitalismus retten oder ziehen wir aus seiner Dysfunktionalität und seiner geringen Krisenfestigkeit endlich die Konsequenzen?

Das aktuell überall zu hörende reaktionäre Gequatsche, es dürften die Unternehmen jetzt nicht überfordert werden, belegt nur die Wirklichkeitsverweigerung der meisten Akteur*innen. Jetzt müsste, wenn auch nicht alles, dann doch das meiste anders gemacht werden. Zum Schutz von Leib und Leben muss ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung staatlich alimentiert werden. Die geht nur über einen weitgehenden Lastenausgleich und die konsequente Besteuerung von Krisengewinnen. So wurde früher auch auf Krisen reagiert und dies fand breites Verständnis in der Bevölkerung. Warum ist diese Diskussion nicht einmal richtig in Gang gekommen?

Unabhängig davon, wie die nötige Umverteilung organisiert wird, für die freie Szene kann dies nur heißen, dass ihre Strukturen nun durchgefüttert werden müssen. Denn was jetzt stirbt, kommt nach dem Virus nicht zurück. Die Forderung an die Politik kann folglich nur lauten, die unabhängigen Initiativen, die eine Stadt lebendig machen, brauchen Überlebensförderung, allein damit die beteiligten Personen nicht auch noch auf dem Arbeitsmarkt landen, der ohnehin kein Angebot mehr hat. Zumindest dieses nihilistische Argument dürfte der Politik eingängig sein. Und tatsächlich werden die Fördertöpfe gerade angebohrt und die Milliönchen sollen aus der Gießkanne fließen. (Natürlich alles kein Vergleich zur Subventionierung der Großen, aber immerhin.) Was von der aktuellen Förderwelle zu halten ist, wollen wir mit Martina Brunner und Laurent Koepp von der Vienna Club Commission beratschlagen, auf unserem Salon skug Stegreifpanel.

Tony Renaissance and Ai fen live
Okay, bei allem Abwägen ob und wie sind wir in der skug-Redaktion zur Entscheidung gelangt, dass wir den kommenden Salon in Kooperation mit The Future Vienna wie geplant machen und es wird bei oranger Ampel wie folgt aussehen: Wir können 50 Menschen in die Fluc Wanne reinlassen, es gibt eine Bestuhlung und Getränke am Platz. Und dann gibt es was für Augen und Ohren, das wir uns gerne ins Isolationskämmerlein mitnehmen und von dem wir den harten Winter lang vielleicht werden zehren müssen.

Anzunehmen ist, dass Menschen verschiedenartig träumen. Ist nicht ganz leicht, sich vorzustellen, welcher Film nächtens in einem von den täglichen Erwägungen befreiten Geist abgespielt wird. Bei einigen wird es vielleicht zugehen wie bei den Looney Tunes, bei anderen wie bei Tarkowski. Prima deshalb, wenn jemand wie Tony Renaissance für uns das Oberstübchen aufsperrt und uns am traumhaften Gedankenstrom teilhaben lässt. Es glitzert bei Tony, unerhört feine Glasperlen stoßen aneinander und Wasser funkelt wie Sternenmeere. Die Begeisterung für elektronisch erzeugte Klänge und Bilder ist bei Tony Renaissance so frisch, wie sie im Jahr 1980 gewesen sein mag. Die klaren Beats liefert der brave Drum-Computer und dazu wird exquisit gesungen. Eine Traum-Gaze legt sich über Augen und Ohren und endlich verstehen wir, warum Prince jeden Millimeter seines goldenen Mikrophons mit Brillanten beklebt hat.

Wenn sich der Salon nur selbst loben könnte, dann würde er es an dieser Stelle tun und sich selbst dazu gratulieren, für den Auftritt von Tony Renaissance die wunderbare Ergänzung durch Ai fen gefunden zu haben. Auch hier steht das Publikum vor einem Spiegel. Eine ebenso dominierende wie tief aufwühlende Stimme, die – mangels treffenderen Vokabulars – einfach einmal als »schön« bezeichnet werden soll, führt ihrerseits in Traumwelten. Gut, hier könnte es sein, dass Ai fen durchaus Material für den eigenen Horrorfilm im Kopf sammelt, aber auch der gehört musikalisch bebildert. Ohne Übertreibung ist zu konstatieren, dass ein traumhafter Abend bevorsteht. DJ Joie de Fille und DJ Venom runden das all female* Line-up ab. Samstag, 26. September 2020 im Fluc. Bitte wegen der Einlassbeschränkung rechtzeitig ab 20:00 Uhr vorbeischauen. Wir freuen uns auf euch!

Link: https://skug.at/e/salon-skug-tony-renaissance-ep-release-show-support-ai-fen/