Dear Reader

»Rivonia«

City Slang

Dear Reader ist die Südafrikanerin Cherilyn MacNeil, die seit einiger Zeit in Berlin lebt. Die Trennung von ihrem Freund Darryl Torr war bereits auf dem Vorgängeralbum »Idealistic Animals« Schnee von Gestern, auch »Rivonia« ist zur Gänze ihrer eigenen Kreativität entsprungen. Ebenso gilt erneut, dass wir es mit einer Art globalisierten Folkpop zu tun haben. Die MusikerInnen stammen aus Amerika, Nordirland, Italien oder Schweden, das Album selbst wurde dieses Mal in Brooklyn abgemischt (letztes Mal war es Portland). Also alles beim Alten auf diesem Planeten, könnte man motzen, aber es hat doch ein bemerkenswerter Veredelungsprozess stattgefunden. Zwar ist der fragil-verspielte Zugang immer noch da, ebenso diese spröde Schüchternheit, die sich bis hin zu teils halbherzigen Songstrukturen äußerte. Aber auf »Rivonia« hat Cherilyn MacNeil das Knospenstadium endgültig verlassen. Die Songs sind robuster, zeigen schon beim ersten Mal Hören Gestalt und, ja, Ohrwurmqualitäten. Viele Effekte wirken weitaus bewusster nun, auch die Instrumentierung ist gesetzt – satter, effektvoller, Cherilyn erlaubt sich sogar ein reines Vokalarrangement (auf »Victoria«), das vor charmanter Lebensfreude geradezu berstet. Zwar herrscht auch ein Hauch von Redundanz, aber der hat immer schon große Popkunst ausgezeichnet. Jetzt fehlt nur noch, dass ein Song von »Rivonia« für irgendeine Produktwerbung rauf und runter im TV gespielt wird, schon klappt es mit dem Hitparadendurchbruch. Und bevor dann Sherilyn als nächster Star am Indie-Himmel (den es längst nicht mehr gibt) gefeiert und also von allen früheren Fans fallen gelassen wird, sollte man sich dieses bezaubernde Ûbergangswerk reinziehen.