Oktoberrevolutionsposter © Der Funke

Revolutionäre Feierlaune

Der Oktober neigt sich seinem Ende zu und wir geraten in die heiße Phase des Revolutionsgedenkens. Bekanntlich ging es am 25. 10. 1917 (nach Julianischem Kalender!) in Russland los und der 31. 10. 1517 (nach Gregorianischer Zeitrechnung!) gilt als Startschuss für die Reformation. skug liefert den internationalen Partyplan für die ganz besonders Feierwilligen.

In der UdSSR konnte man Atheismus studieren. Die Trennung von Kirche und Staat erfolgte, um nach dem antireligösen Selbstverständnis der Bolschewiki die politische Hegemonie zu gewinnen. Im Jänner 1918 wurde die Christlich-orthodoxe Kirche enteignet. Gotteshäuser wurden geschlossen, Kirchenglocken zu Waffen umgeschmolzen, Priester verfolgt und oft getötet. Um die kulturelle Hegemonie zu gewinnen ließ Lenin den genaueren Gregorianischen Kalender, den Papst Gregor XIII 1582 für die Westkirche verordnete, am 14. Februar 1918 einführen. Somit legten sich die Einwohner der Russisch Sozialistisch Föderativen Sowjetrepublik, so zunächst die Bezeichnung der nachmaligen Sowjetunion, in der Nacht des 31. Januar 1918 schlafen und wachten bereits am 14. Februar 1918 wieder auf. Was für ein Quantensprung! Lenin päpstlicher als der Pope, äh, christlich-orthodoxe Patriarch! Die russische Kirche hatte sich nie zum Gregorianischen Kalender entschließen können, zu sehr fürchtete sie den Zorn der Heiligen, die bei der Umstellung übergangen worden wären.

Treppenwitz der Geschichte, somit steht offiziell fest: Die Oktoberrevolution fand zwar am 25. Oktober 1917 statt, muss korrekt aber erst nach 13 Tagen, am 7. November gefeiert werden. Zumindest in der gegenwärtigen Russischen Föderation oder in Weißrussland wird das so gehandhabt. Wenngleich die Christlich-orthodoxe Kirche zwecks Machterhalt vom Putin-Regime rehabilitiert wurde, kann sie das Unwesen nicht so weit treiben und den Julianischen Kalender wieder einführen. Nach diesen Datumswirren – das Julianische Kalenderjahr, das Julius Cäsar 46 vor Christi Geburt verfügte, dauerte um elf Minuten zu lang – stürzen wir uns nun endlich ins Jubiläumsvergnügen.

So feiert Washington

Die USA sind nicht der Ort an dem mit besonderer Feierlichkeit der russischen Weltrevolution gedacht werden würde, und doch, auch dort hat man seine ganz eigene Art, an die geschichtlichen Ereignisse zu erinnern. Das Washingtoner »International Spy Museum« (ja, das gibt es) gab bekannt, bald die Axt ausstellen zu wollen, mit der Trotzki erschlagen wurde (ja, die ist wieder aufgetaucht). Lange galt der blutige Eispickel als verschollen. Legenden behaupteten, der mexikanische Präsident benutze das Ding als Briefbeschwerer. Aber nein, es lag 40 Jahre unterm Bett von Ana Alica. Ihr Vater, der Geheimpolizist Alfredo Salas, hatte es gestohlen und seiner Tochter geschenkt. Im Jahr 2005 entschloss sich die mittlerweile hochbetagte Dame, das geschichtsmächtige Hackebeil zu Geld zu machen. Nun kann es in Washington bestaunt werden.

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Michail Kalaschnikow, überlebengroß. Die Statue des Bildhauers Salawat Schtscherbakow wurde im September 2017 eingeweiht. Foto: © BNT (Bâlgarska Nationalna Televizija)

So feiert Moskau

Auch Moskau fällt das Feiern schwer, da das Erbe der Revolution für die autoritäre OligarchInnenkaste, die das Land unter sich aufgeteilt hat, zwiespältig ist. Einerseits gibt es Ûberlegungen, eine nationalistische Sause für die Weltrevolution des Jahres 1917 abzuhalten. Andererseits: Daran zu erinnern, dass Menschen auf die Straße gegangen sind, um ihren revolutionären Willen zu bekunden – kommt irgendwie nicht gut. Lieber sucht man unverbindlichere Ereignisse, um die Größe Russlands auch den letzten ZweiflerInnen vor Augen zu führen. Deswegen wurde jetzt eine knapp zehn Meter hohe Statue von Michail Kalaschnikow aufgestellt, dem Erfinder des AK-47. Wie viele Menschen mit dieser Meisterleistung russischer Ingenieurskunst erschossen wurden, kann nur gemutmaßt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr ungefähr eine viertel Million Ermordete dazukommen. Die Statue wurde mit religiösem Brimborium eingeweiht. Der »Erzpriester« Wsewolod Tschaplin meinte: »unsere Waffe ist eine heilige Waffe«. Man möchte gleich vor Freude in die Luft schießen.

So feiert Wittenberg

Zum Gedenken an Luthers revolutionäre Kirchenspaltung vor 500 Jahren bemüht sich die reformierte Kirche in Deutschland redlich, Feierstimmung aufkommen zu lassen. Da die theologischen Streitfragen von damals heute kaum jemand mehr kapiert, bedarf es didaktischer Tricks. Die neunmalklugen MacherInnen der Wittenbergischen Gedenkausstellung stellten deswegen einen »Absolutionsroboter« auf. Der Roboter »BlessU-2« ist äußerlich kaum von einem gewöhnlichen Priester zu unterscheiden. Stocksteif, innerlich teilnahmslos und mit gespielter Freundlichkeit nimmt er die Sündenauflistung entgegen und erteilt Segen und Absolution. Die BesucherInnen sollen checken, wie falsch die katholische Praxis der Ohrenbeichte ist. Damit schießen die Reformierten ein ungewolltes theologisches Eigentor. KatholikInnen empfinden Schuld und erhoffen sich vom Priester Erlösung. Dies mag man lächerlich finden, aber: ProtestantInnen empfinden statt Schuld Scham. Der Mensch allein schämt sich vor Gott, weil alles was er oder sie tut, nie genug ist. Deswegen wurden die ProtestantInnen auch solch fleißige KapitalistInnen. Und gerade ein Roboter symbolisiert die beschämende Makellosigkeit ununterbrochener Leistungsbereitschaft, die das geheime protestantische Ideal ist.

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Segensroboter »BlessU-2« erteilt in Wittenberg Absolution. Foto: © Youtube

So feiert Leipzig

»Vorwärts und nicht vergessen« schallt es von den über hundert Jahre alten Mauern des Lichtspielhauses UT Connewitz im Leipziger Szeneviertel. Unter diesem Titel wollen sich die jungen Kader der alten Messestadt die Revolution von 1917 aneignen und organisieren den Arbeitenden zum Auftakt der Veranstaltungsreihe eine Revue inklusive Sektbrunnen (Zuspitzung). Den Gipfel der Dekadenz bildet allerdings die einmalige Aufführung der Show, an der, neben einem Dutzend Leipziger Polit- und sonstiger Gruppen, auch ein 20-köpfiger Chor beteiligt sein wird. »Ein schönes, irres Ding«, wie ein Veranstalter skug (Qualitätsjournalismus) gegenüber zugibt. Gut drei Wochen vor dem Tag X weiß allerdings noch keine/r so wirklich, was genau es werden wird. Thematisch-kritisch also ein durchaus rundes Ding, an dem sich schwerlich (Informationslage) Ecken finden lassen. Und auch der Ehrengast, John Reed (tot) – »der einzige Typ auf den Harvard nicht stolz ist« -, würde das sicher genauso unterschreiben.

So feiert Wien

An der Stadt mit der schönen blauen Donau fließen revolutionäre Ereignisse gerne sanft, lautlos und weitgehend unbemerkt vorbei. Im Guten wie im Schlechten. Vor langer Zeit hieß es bereits: Den Weltuntergang solle man am besten in Wien verbringen, schließlich würden die k. u. k.-Ministerien noch Jahre danach weiterarbeiten. Nach Wandel und Neuerung sieht es gerade in Österreich nicht aus. Seit der Nationalratswahl wird blauäugig durch eine türkise Brille auf den modrigen Muff des Eigenen geblickt, das jetzt noch besser gegen alles was von draußen kommt geschützt werden soll. Wer so im eigenen Saft zu suhlen gedenkt, will von Revolutionen sicherlich nichts wissen und sich nicht mal an welche erinnern. Allerdings, das Feuer ist noch nicht gänzlich erstickt. Im Wiener WUK, einer vor bereits eineinhalb Jahrhunderten stillgelegten Lokomotivfabrik, die Raum für Kultur und Werkeln bietet, will zumindest »Der Funke« die russische Revolution hochleben lassen. Es gibt Reden, Konzert und Party und den rührigen Versuch mit den Vorurteilen und dem verzerrten Bild der Oktoberrevolution, das durch 100 Jahre bürgerliche Agitation verursacht wurde, aufzuräumen. Es könnte ein langer Abend werden.

Erstveröffentlichung (teilweise) in »MALMOE« # 80 im Rahmen einer Kooperation skug-»MALMOE«.

Links: www.spymuseum.org

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28.10.2017 ab 17 Uhr im WUK, Währinger Straße 59, 1090 Wien