Revolution Girl Style: Now and Then

Zum zwanzigjährigen Jubiläum ihrer Gründungsphase erfahren die Riot Grrrls wie viele andere Subkulturen:

Historisierungseifer und Dokumentationsakribie nehmen zu. Briefkorrespondenzen, stickerübersäte Möbel, Zines, Filme und andere Artefakte der Bewegung werden nun von der NYU gesammelt, es wurde ein Kathleen Hanna-Tribute-Konzert veranstaltet, bei dem die Tochter Kim Gordons und Thurston Moores, Coco, auf der Bühne Bikini Kills »Rebel Girl« intonierte, und auch der Guardian denkt in seiner diesen Sommer geschriebenen »History of Indie Music«, dass die Manifestation der Bewegung, die in Olympia, Wash. abgehaltene International Pop Underground Convention im »revolutionären Riot-Grrrl-Sommer« 1991 zu den wichtigsten 50 Momenten dieses Gro&szliggenres zu zählen ist. Nun ist das alles sehr zu begrü&szligen, schlie&szliglich hat die Geschichtsschreibung schon häufig bewiesen, wie sie Frauen ganz gern aus ihr heraushält. Man könnte aber auch etwas nostalgisch werden und die Riot Grrrls nun in die Archive der Popgeschichte und Forschungssammelbände relegieren. Diesen Fehler machen die Herausgeber eines nun erschienenen exzellenten Readers zu Riot Grrrls, Katja Peglow und Jonas Engelmann, nicht. Ihr Buch versammelt wichtige Grundlagentexte, die z.B. den Genealogien der Bewegung über »Womyn’s Music«, Postpunk bis zu Ladyfesten, Girls Rock Camps und Einfügungen in den zeitgenössischen Mainstream nachgehen. Die Probleme der Bewegung, zwischen feministischen Diskursen aus identitätspolitischem riot.jpgGemeinschaftsaufbau und queerer Identitätskritik zu balancieren, ihre sozialstrukturelle Homogenität und Exklusivität aufzubrechen, werden sehr produktiv erörtert und vor allem natürlich ihre Ziele diskutiert: das aufständische Mädchen als neues feministisches Rollenmodell zu etablieren und sich nicht in die bestehende Gesellschaft hinein zu reklamieren, sondern als Mädchenszene einen alternativen Raum zu schaffen, der selbstbestimmt, antihierarchisch, antikapitalistisch, fair und solidarisch zu sein hat. Und wie der räumliche Fokus natürlich den historischen Epizentren Olympia, Wash. und Washington D.C. vorbehalten ist, kümmert sich der Band auch, ganz dem »Nahkampf« verpflichtet, um hiesige Szenen oder in Ermangelung dieser um solitäre Phänomene. Und wie sagt eines von diesen, die  Band Parole Trixi, so schön zu Solidarität, Zusammenhalt in die Zukunft weisend: »Man braucht ein Grundvertrauen darin, dass der übernächste Traum schon bald lebbar ist«.

Katja Peglow / Jonas Engelmann (Hg.): »Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung« Mainz: Ventil 2011, 198 Seiten, 16,90 EUR