»Freie Szene Freie Kunst« © »Freie Szene Freie Kunst«

Reden wir über Geld

Am 8. und 9. April findet im Wiener Gartenbaukino das internationale Symposium »Freie Szene Freie Kunst« statt, bei dem die Vorsitzenden verschiedener Interessensgemeinschaften und Initiativen die aktuelle Lage beleuchten. skug kommentiert kurz und gratis.

Im Leben gibt es eine Entscheidung zu fällen: Ist das Geld wichtiger oder die Menschen? Ein Blick auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft lässt erkennen, dass diese Frage mit erbarmungsloser Eindeutigkeit beantwortet wurde. Die Antwort ist so eindeutig und scheinbar naturgegeben geklärt, dass es manchen sogar schwerfällt, zu sagen, was ein Mensch überhaupt sein soll, welcher »Wert« ihm beizumessen sei oder was er überhaupt nützen kann, wenn er nicht zugleich ausweisbares Humankapital ist, somit also Äquivalent des einzig zählenden und zählbaren Geldes. (Jede*r ist eingeladen sich ein wenig zu erschrecken, denn wir leben tatsächlich in einer so zerstörten Gesellschaft, dass die Erörterung des »Wertes eines Menschen« nicht ausgeschlossen ist.) Um in solcher Lage nicht komplett zynisch zu werden, haben Menschen, die sich an den letzten Fetzen ihrer nicht monetarisierbaren Seele (whatever that is) festzuhalten pflegen, die Kunst.

Und dafür soll ich auch noch zahlen?
Es gibt diesen alten, geisteswissenschaftlichen Trick, wenn eine Sache nicht erklärt werden kann, diese zu negieren. Also, was passiert eigentlich, wenn das Geld nicht ist? Wenn es weg ist, verschwunden, ausgelöffelt, abgefrühstückt, aus dem Fenster gekippt – was auch immer. Erstaunlicherweise hat dies keine erkennbaren Folgen für das Geld an sich. Es ist in einer Weise spurlos verschwunden, die offenbart, dass es nie als solches vorhanden war. Geld war immer nur ein Hirngespinst. Es war nur das, was mit ihm gekauft oder erzwungen werden konnte. Von der Ware bis zur Anerkennung: kann man ja schließlich alles kaufen in unserer schönen, kaputten Welt. Unterm Rechenstrich offenbart das Geld in seiner Negation also, dass es nichts ist.

Was aber ist, wenn ein Mensch nicht mehr ist? Hmmm, diese Negation ist dann eher bedauerlich. Wenn Menschen nicht mehr sind, dann ist unwiederbringlich verloren, was diese gewesen sind. Und damit ist eine besondere und einzigartige Sicht dieser Welt dahin, die nur dieser eine, besondere Mensch haben konnte. Manchen von ihnen gelingt es, diese besondere Sicht in Lieder zu fassen, in einen Roman, ein Theaterstück, eine Choreografie oder einen experimentellen Kurzfilm. Und wer all dies nicht hinbiegt, die oder der ist dann vielleicht wenigstens Musikjournalist*in. Schreibt also über das Zeug, das andere produzieren. Oder aber man ist eine dieser schönsten Existenzen, die das, was andere hervorbringen, rein verzehren kann. Folglich das Gehörte und Gesehene in sich aufnimmt und kommentarlos innerlich gedeihen oder auch wieder verschwinden lässt. Damit können Menschen einander nämlich prächtig beschenken, indem sie die ihnen mögliche Weltsicht artikulieren und die der anderen in sich aufnehmen. Kurzum: Menschen sollten wichtiger sein als Geld, weil sie nämlich nicht nichts sind und ihr Verlust unendlich bedauerlich ist.

Kulturindustrie kann nur Kapital
»Pah, sentimentales Gewäsch«, denkt sich an dieser Stelle das an der Marktlage geeichte Bewusstsein. So redet nur, wer sich Subventionen ergaunern will! Also viel von dem, was angeblich nichts ist und doch eigentlich alles (Geld), haben will, für das, was ganz sicher nichts ist (Artikulation menschlichen Lebens), weil das die Leute ja freiwillig oder aus inneren Bedürfnissen heraus machen. Für die geplagten Steuerzahler*innen heißt dies, sie sollen zahlen für Waren, die sie nie bestellt haben. Sie sollen Geld herschenken, damit andere auf ihre Gefühle lauschen. Das ist doch wirklich die Höhe! Außerdem, es gibt doch die erfolgreichen Künstler*innen, die kriegen ihren Käse doch an die Leute verhökert. Wer das nicht schafft, hat eben Pech gehabt.

Stimmt. Was hierbei allerdings verschwiegen wird: Die Kulturindustrie, die erfolgreiche Werke zu Geld macht, perpetuiert das Kapitalverhältnis, das jede menschliche Regung geringschätzt und danach trachtet, sie so weit wie möglich zu verbilligen und sie am allerliebsten gratis nimmt, damit es selbst (das Kapital eben) wachsen kann. Aus was soll sich denn der Kapitalberg vermehren, wenn nicht aus unbezahlter Arbeit? Das Schaffen ohne Lohn ist der Schmierstoff für die Maschine, die die Reichen reich macht. Deswegen erhält ein Promille der Kunstschaffenden 99 Prozent aller dafür verfügbaren Mittel. Absurd. Es gibt beispielsweise eine Handvoll Rapper*innen, die hundertfache Millionär*innen sind, und Hundertausende Sprechreimer*innen, die mehr oder weniger auf der Straße leben. Das ist nicht, weil die wenigen Auserwählten Hundertmillionen Mal besser rappen können, sondern weil Kapital sich konzentriert. Dem ist nur beizukommen durch Umverteilung, die sicherstellt, dass wer etwas tut, dafür auch entgolten wird.

Die Konsequenz der eingangs gestellten Entscheidungsfrage ist damit klar: Geld ist nur dann nichts, wenn Menschen etwas sein dürfen, und Menschen sind nichts, wenn Geld alles ist. Damit dieser verächtliche, plutokratische Mist nicht alle Beziehungen zwischen den Menschen vergiftet, braucht es Kunst und am 8. und 9. April wird in Wien darüber geredet, wie man es schafft, dass dafür auch gezahlt wird.

skug engagiert sich übrigens im Rahmen von BAM dafür, dass auch (Kultur-)Journalismus weiterhin unabhängig betrieben werden kann – ein vermutlich eng verwandtes Thema.

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