Paul Plut © Guggi Lierzer

Schmerzhafte Vergänglichkeit

Paul Plut legt nach dem gloriosen Debüt »Lieder vom Tanzen und Sterben« ein Schäuferl nach. »Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse« ist bezeichnenderweise auf Abgesang erschienen. Die Bewusstwerdung von Sterblichkeit, vorgetragen im Dialekt-Gospel-Sound mit begnadeter rauer Stimme. Ein Fanal!

Eine Totenmaske von sich zu Lebzeiten anfertigen zu lassen, ist mindestens ungewöhnlich. Diese dann nicht nur als Covermotiv für das zweite Soloalbum zu verwenden, sondern auch im Clip zu »Schwarze Finger« eindrucksvoll zu präsentieren, kann auch als bewusster Umgang mit dem »Memento Mori«, dem unlängst in Wien ein eigenes Festival gewidmet wurde, betrachtet werden, oder als Manifestation von schwarzem Humor. Wie auch immer, dieser Tage veröffentlichte Paul Plut, der 33-jährige gebürtige Schladminger und gelernter Volksschullehrer, nach dem umwerfenden »Lieder vom Tanzen und Sterben« von 2016 mit »Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse« sein zweites Solo-Opus. Im Vorfeld des Releases ließ Plut Interessierte an der Genese der Platte teilhaben, indem er jeden Monat ein neues Stück via Newsletter veröffentlichte. Im Zuge der Produktion begab sich Plut wieder in seine Heimatregion Ramsau in der Nähe des übermächtigen, schroffen Dachsteins, von dem nicht wenige von ihren waghalsigen Klettertouren nicht mehr zurückgekommen sind.

Memento Mori in der Ramsau

Ob die Veröffentlichung des Albums im Vorfeld von Allerheiligen bzw. dem mittlerweile viel wirkungsmächtigeren Halloween bewusst so angesetzt wurde, sei dahingestellt, feststeht aber, dass die Vergänglichkeit und der schmerzhaft bewusste Umgang mit ihr ein zentraler Topos im Schaffen von Plut als Solomusiker sind. In der westlichen Welt leben wir mit dem Tod, der auch gern als Zumutung bezeichnet wird, als würde es ihn nicht geben oder als ob er immer nur andere holen würde, womit der Tod und das Sterben das letzte Tabu unserer Gesellschaft darstellen. Mit »Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse« leistet Herr Plut mit den zehn grandiosen Dialekt-Gospelsongs ein Stück Bewusstmachung im Sinne einer Vergegenwärtigung der Tatsache, dass alles Leben endlich sein muss, im Gegensatz zu einem ewigen Monolithen wie dem Dachsteinmassiv. Immerhin ist die prächtige Landschaft in der strukturschwachen Region eine der wichtigsten Einnahmequellen für den Tourismus, sprich die Hoteliers.

Traurigkeit versus Verzweiflung

Wie schon beim Debüt umfasst das aktuelle Album zehn Songs, die in ihrer Eigenwilligkeit und Originalität kaum zu toppen sind. Zentral ist dabei die wunderbare, stark angeraute Stimme Pluts, die allein schon jede Menge Atmosphäre zu generieren vermag. Bereits in »Schwarze Finger«, dem Opener, geht es mit schwerem Stomp hypnotisch zur Sache, »Zoag ma deine schwoazen Finger, zoag ma deine ruassig schwoazn Finger«, mit denen man alles nur Erdenkliche anstellen kann. »B320« ist der lapidare Titel für ein Stück, das auf Basis von Twang-Gitarre die vielen tödlichen Verkehrsunfälle in der Region thematisiert, Plut hat das traurige Thema bereits auf seinem Debütalbum aufgegriffen. Ein Track mit besonderer Wirkungsmacht ist »Kinder vom Meer«, der unmissverständlich die unvorstellbare Not von Flüchtigen aus aller Welt zum enorm wichtigen Thema macht. Potenziell alle betreffen kann auch eine umfassende Traurigkeit, wie sie Paul Plut im dem dem Album den Titel gebenden Stück besingt. Die essenzielle Frage dabei ist, ob es einen nachvollziehbaren realen Grund für diese Traurigkeit gibt oder nicht. Mindestens dunkelgrau sind die Dialekt-Gospel-Stücke von Plut jedenfalls, dass das aber kein Grund zur Verzweiflung sein muss demonstriert nicht zuletzt das lyrisch hellsichtige »Hinterm Haus«, in dem auch die Freude der Vaterschaft zelebriert wird, und das mit den Worten »So a Glück« endet. Paul Plut hat die Hürde des schwierigen zweiten Albums bravourös leichtfüßig genommen, was mag da noch kommen?

Link: https://paulplut.com/