Radoslaw Pallarz

»Jerusalem«

Navis Musik

In der »Edition schwarz-weiß« veröffentlicht das in Stuttgart ansässige, neu gegründete Label Navis Musik, die sich vorwiegend an erfahrene HörerInnen richtet (im Gegensatz zur »Edition farbig«). Die klanglich hochwertigen und aufwendig arrangierten Kompositionen erzählen Geschichten, die meist von fernen Orten und aus der weit zurückliegenden Vergangenheit stammen. Dazu zählen Releases wie »Ephesos«, »Pompeji« oder »Tutanchamun«. Das Artwork ist in der Regel schwarz-weiß und schlicht gehalten und mit altertümlich anmutenden Bildern gestaltet – so auch bei »Jerusalem«, auf dessen Cover ein steinerner Davidstern abgebildet ist.

Die Musik überrascht. In Erwartung der Instrumente Violine, Violoncello, Klarinette, Kontrabass und Perkussion mit Gesang wird ein klassisches Kammermusik-Ensemble antizipiert. Doch am Anfang ertönt ein Gong, dann raschelt es und ein Cajon-Solo entführt nach irgendwo Richtung Süden. Nach zweieinhalb Minuten und einem erneuten Klirren ist es jedoch wieder vorbei und eine hallig klingende Klarinette beginnt ihr Spiel. Halt, Stopp! Wir sind in der (heiligen) Matthäuskirche zu Stuttgart. Tonmeister Pallarz hat im März des Jahres 2014 sechs MusikerInnen versammelt, um die durch seine Beschäftigung mit Texten aus der Antike inspirierten Stücke aufzuführen und sich dabei den Menschen des jeweiligen historischen Kontextes anzunähern. Ein zeitgenössisches Instrumentarium soll authentische Stimmungen heraufbeschwören. Tonmeister Pallarz meint optimistisch, dass »die Betrachtung der Vergangenheit einen neuen Blick auf die Ereignisse unserer Zeit« zulässt. Möglich aber fraglich. Zumindest machen diese elf recht diversen Stücke Spaß beim Zuhören. Klagende Arien am Tempelberg, windige Klezmer-eske Klarinettenklänge durch die Altstadt und auch leises Wasserrauschen vom Toten Meer – oder eben in einem dieser unzähligen Gebetshäuser. Der Konzertmitschnitt zeigt klassisch anmutende Kompositionen, die durch Klangintermezzi und improvisiert scheinende, sehr frei dahinklingende Parts äußerst modern klingen, ohne ihren Charakter des »Alten« aufzugeben. Besonders der Gesang der leider inzwischen verstorbenen Mezzosopranistin Ulrike Becker lässt aufhorchen. Navis veröffentlicht im Gedenken an sie diesen gut einstündigen Konzertmitschnitt.

Link: https://www.radoslawpallarz.com/