SSTROM © Hannes Stenström

Packt die Ekstasekapseln ein!

Der Hitze trotzend entgegenschreien: Nein, nein, nein! Hannes Stenström hat mit »Otider« ein großartiges Techno-Album veröffentlicht. Vielleicht das beste des Jahres. Und das im Sommer!

Idealerweise wird im Sommer immer so getan, als wäre es gerade Winter. Das legt sich nicht ganz so schwer aufs Gemüt, weil ohnehin die Sonne scheint und die sich nun einmal schwer wegdenken lässt. Aber im Kopf, da passieren die abnormalsten Dinge. Wir könnten beispielsweise davon träumen, wie wir auf dem Monoski einen saftigen Grashügel hinunterdonnern, der im Nebel hängt, während uns eisiger Wind wie zwanzig aufgelegte Watschen ins Gesicht schlägt. Dieser Gedanke ist unheimlich erfrischend, zumal er locker alle durstlöschenden Verzweiflungstaten zwischen Soda-Zitron und gespritztem Birnensaft auszustechen vermag.

Wer sich ob dieser kreativen Imaginationsbestleistung vorzeitig ausnehmen muss, dabei aber trotzdem nicht auf dieses verlockende Mindset verzichten möchte, dem sei das neue Album von Hannes Stenström empfohlen. Der nicht nur ob der geographischen Lage quasi zwangsprädestiniert unterkühlte Schwede veröffentlichte gerade unter seinem Alter Ego SSTROM eine neue Platte – und die bringt alles mit, was kühne Asketen im Sommer brauchen. Bevor jetzt allerdings falsche Hoffnungen geweckt werden sollten: Nein, Stenström macht kein abgespacktes Sommeralbum mit einem abgespackten Sommerhit, von dem er dann den Rest seines Lebens auf irgendeiner Südseeinsel seine vorgezogene Pension verbringen könnte. Wer auch nur einen Track des neuen Albums in einem Etablissement jener Sorte der geschmacksverblendeten Musikbespaßung zu hören bekommt, der solle sich auf der Stelle melden, Bericht erstatten und sich anschließend löschen.

Düster war es in Schweden schon immer
»Otider« heißt das sich über zehn Stücke erstreckende Album, das nun auf dem eigens zu Beginn des Jahres eingerichteten Label Rösten erschienen ist. Übersetzt bedeutet der Titel so viel wie Nichtzeit oder Unzeit. Irgendwie da, aber doch nie wirklich fassbar. Erinnern kann man sich schon, dass da irgendwann einmal etwas war, auch wenn es jetzt nicht mehr ist. Der Einführungskurs in nostalgisch-frostige Gefühlswelten, bitteschön! Produziert wurde diese überaus melodiereiche Ansammlung wie gesagt von Hannes Stenström. Dessen Künstlername SSTROM mag auf den ersten Blick nicht wirklich dafür sorgen, sich wie wild geworden die Ekstasekapseln in den Mund zu werfen. Wer allerdings die Techno-Szene in den letzten Jahren zumindest allenthalben verfolgt hat, dem dürfte die mitunter etwas kryptisch anmutenden Buchstabenkombination SHXCXCHCXSH zumindest schon untergekommen sein. Alle anderen dürfen diese Wissenslücke gerne füllen und sich freuen, weil wieder etwas gelernt. Stenström ist jedenfalls eine Hälfte dieser Epiphanie, die für düster-monotonen, hypnotisch aufgeladenen Techno steht, der immer gleich klingt und doch nie gleich wirkt. Das ist übrigens dasselbe Konzept, mit dem auch schon Anthony Linell mit seinem Moniker Abdulla Rashim ziemlich großen Erfolg hatte. Und der stammt bekanntlich auch aus Schweden.

Irgendwie dürfte das ein gutes Pflaster sein, um betont gefühlsabweisende Musik zu produzieren, die dann ob ihrer scheinbar abwesenden Emotionalisierung gerade deshalb wieder Gefühle offenbart. Stenström hat diesen – übrigens nur auf den ersten Blick verwirrenden – Widerspruch verinnerlicht, sich aber auch genügend Zeit dafür gelassen. Die zehn Stücke des Albums wurden im Laufe der letzten sieben Jahre in unregelmäßigen Abständen und Gefühlslagen produziert. Wer so wie er berufsbedingt viel unterwegs ist, hat nicht nur keine Zeit, sondern verbringt diese auch des Öfteren an Orten, die gar keine sind. An Unorten und zu Unzeiten eben. Das passt nicht nur beim ersten Hören ziemlich gut zusammen. Man munkelt sogar, dass die Hälfte der Titel lockerleicht das Potenzial hätte, im Berghain zu einer krachenden Hymne des endlosen Sommers zu avancieren. Der Rest läuft dann im ohnehin ziemlich dunklen Darkroom und scheppert mal eben die Synapsen durch.

SSTROM © Hannes Stenström

Kuhl, kühler, am kühlsten
»Otider« hat diesen unterkühlten Touch, den man nur schwer beschreiben kann, der dir beim (lauten!) Hören aber die Nackenhaare aufstellt und den Schweiß in kleine Schneekristalle verwandelt. Gleichzeitig ist da dieser unbändige Gedanke an Raves, die lange vorbei und doch noch irgendwie präsent sind. Dieses abstrakte Gefühl lebt in »Otider« weiter und flammt neu auf. Das Album ist wie ein*e Seelenverwandte*r, die*den man nicht ziehen lassen möchte, es aber trotzdem tut, weil man insgeheim weiß, dass es so – irgendwie – besser ist. Das alles passiert aus einer unbewussten Sehnsucht nach Sicherheit heraus. Denn dieses Gefühl entbehrt jeder Grundlage, zumindest jeder wissenschaftlichen. Es sind, wenn überhaupt, nur stichhaltige Gerüchte, deren Existenz mitunter angezweifelt werden kann. Im Gegensatz zu irgendwelchen abstrusen oder gar böswilligen Verschwörungstheorien ist »Otider« aber überraschend ehrlich. Da sind Gefühle in einer Techno-Platte drin, echte Gefühle, die man in manchen Momenten gut und gerne mit denen des genreverwandten Shed vergleichen kann. Frage nicht, was der in letzter Zeit gemacht hat. Stenström darf aber in der Zwischenzeit gerne bleiben. Ein unzeitlich schönes Album, in seinem Hymnencharakter nicht einzuordnen und doch nirgends besser aufgehoben als in diesem Sommer – von mir aus auch auf Monoski!

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