Nihilistische Stilübung

Jacques Chessex über die letzten Tage des Marquis de Sade und die verzweifelte Suche nach der Reliquie seines Schaffens und Sterbens.

»Der Schädel des Marquis de Sade« ist der letzte Roman des mittlerweile verstorbenen Schriftstellers Jacques Chessex. Darin erzählt er anekdotisch vom letzten halben Lebensjahr des besagten Marquis. »Donatien Alphonse François Marquis de Sade, Schriftsteller, Philosoph, Feind Gottes, schrecklicher Verbrechen gegen junge Mädchen und Frauen schuldig, Schänder von Knaben auch, Besudler von Hostien und Kultgegenständen.«

Dieser lebt bereits seit geraumer Zeit in einem Hospiz für Geisteskranke in Charenton und hat sich sein Leben ganz nach seinem Geschmack eingerichtet. Es fehlt ihm, abgesehen von unabhängiger Freiheit, nichts – seine Mätresse wohnt im selben Haus und in der Dienstbotentochter Madeleine Leclerc hat er ein williges Opfer für seine sadistisch-erotischen ?bungen gefunden.

Nicht nur auf Madeleine übt er seine perverse Anziehungskraft aus, sondern auch auf die Ärzte, die sehr um seine Gesundheit bemüht sind und sämtliche Schriften des Marquis kennen. Doch auch die katholische Kirche ist besorgt – jedoch weniger um das Leben des Geächteten, sondern vielmehr um dessen Seelenheil. Der Marquis wei&szlig um diese Tatsache und ordnet seinem Leibarzt Doktor Ramon an, zwei Dinge nach seinem Ableben einzuhalten: »Keine Autopsie und kein Kreuz auf meinem Grab. KEIN KREUZ!«

Erst einige Jahre nach seinem Tod setzt der eigentliche Roman ein und erzählt von der Reise des Schädels des Marquis. Der Ich-Erzähler – besessen davon, den Schädel selbst zu besitzen – verfolgt seine Reise durch die verschiedenen Länder und Hände und verliert trotz abschreckender Konsequenzen für die Besitzer niemals die Faszination und begibt sich selbst in eine obskure Situation. Schlie&szliglich hat er sein Ziel erreicht und ist im Besitz des Schädels: »Die Reliquie übt neuerlich ihre Macht aus, diesmal auf mich, die Grenze zwischen Imaginärem und Realem verwischend, lässt sie mich durch eine Parallelwelt voller Phantome wandeln. [??] Ich lebe, ich phantasiere, Träume umranken den Geist, so sitze ich als Inkubus im Schädel seines Besitzers. Und dieser Schädel wiederum ist mein Sukkubus.«

»Der Schädel des Marquis de Sade« ist kein Roman im herkömmlichen Sinn; die einzelnen Erzählpunkte sind nur lose miteinander verknüpft, die Kapitel im Gro&szligen und Ganzen ineinander abgeschlossen. In weiten Teilen der Geschichte werden eher protokollarisch denn erzählend einzelne Anekdoten abgehandelt, die zum Teil richtiggehend nichtssagend sind. Erst gegen Ende gewinnt der Roman an Spannung, wenn die einzelnen Stationen des Schädels und die Jagd darauf beschrieben werden. Trotz des »skandalumwitterten« Themas bleibt leider nach der Lektüre nur Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit zurück.

Jacques Chessex: »Der Schädel des Marquis de Sade«, Aus dem Französischen von Stefan Zweifel, München: Nagel & Kimche 2011, 126 Seiten, EUR 15,90