Star Feminine Band © Born Bad Records

Neu auf der Poplandkarte: Natitingou

Den Geburtsort kann man sich nicht aussuchen, doch Born Bad Records verhilft an die Weltöffentlichkeit: Voilà: Die famosen jungen Frauen der Star Feminine Band aus der Atakora-Region, Benin, Westafrika!

Musik aus einem abgelegenen Winkel Westafrikas, die zutiefst rührt. Einige Medien haben das am 13. November 2020 erschienene Debütalbum der Star Feminine Band bereits in ihre Jahrescharts gewählt. So auch der Autor dieser Zeilen für die skug Jahrescharts. Die nähere Befassung mit dem Phänomen führt zunächst zu einer Rückbesinnung auf frühe Schultage. Geografie war neben Geschichte eines meiner Lieblingsfächer in der Hauptschule. Im Schulatlas hießen zwei aneinandergrenzende, ehemals Französch-Westafrika angehörende und 1960 unabhängig gewordene Staaten noch Obervolta und Dahomey. Thomas Sankara, panafrikanisch-sozialistischer Revolutionär und Präsident von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987, benannte Haute Volta in Burkina Faso (»Land des aufrichtigen Menschen«) um. Bereits 1974 wurde der Marxismus-Leninismus in Dahomey zur Staatsideologie, kurz darauf wurde die Republik Dahomey 1975 in die Volksrepublik Benin umgegründet, getauft nach der Bucht von Benin, deren Name auf das vom 13. Jahrhundert bis 1897 existierende schwarzafrikanische Königreich Benin zurückgeht. Während heutzutage dschihadistische Milizen im Norden und Osten von Burkina Faso marodieren, ist die Lage in Benin stabil, wenngleich ein demokratischer Regierungswechsel 2019 infolge Nichtzulassung aller Oppositionsparteien nicht mehr möglich war.

Female, young, black & proud
Doch endlich zur Musik. Benin hat mit der in Frankreich lebenden Angelique Kidjo (geboren im Unabhängigkeitsjahr 1960 in der Hafenstadt Ouidah, ehemals Zentrum des Sklavenhandels) eine international bekannte Sängerin (vier Grammy Awards) zu bieten. Zwar steht hinter dem wunderbaren Projekt Star Feminine Band ein Mann, doch die Vorbildwirkung und Strahlkraft der 9­- bis 15-jährigen Mädchen, die in diesem Ensemble pure Lebensfreude verströmen, ist enorm. Die Intention des Profimusikers André Balaguemon: den im Norden Benins an den Rand gedrängten Frauen eine beispielhafte Stimme geben. Im 35.000 Einwohner zählenden Natitingou, Hauptstadt der im Nordwesten an Burkina Faso grenzenden Atakora-Provinz, 15 Fahrtstunden von der Metropole Cotonou entfernt, bot er 2016 beim lokalen Radiosender Nanto FM kostenlose Musikstunden für Mädchen an. Einige kannten noch keine Keyboards, doch Balaguemon vertraute auf die jungen Talente und formte aus den hochmotivierten Musikerinnen eine großartige Band an Drums, Keyboards, Gitarre und Bass samt großartigen Gesängen. »In the Sixties, God was a young black girl who could sing«: Die Worte des Brill-Building-Songschreibers Gerry Goffin gelten auch 60 Jahre später und hallen in einer bislang nicht auf der Poplandkarte verzeichneten Region, der fruchtbaren Atakora-Bergkette, die sich nördlich von Accra (Ghana) über Togo und Benin bis Burkina Faso erstreckt, wider.

Star Feminine Band in einem Klassenzimmer in Natitingou © Born Bad Records

Female Empowerment
Die Songs mit Sixties-Psychedelia-Touch stammen aus der Feder von André Balaguemon, doch seine Intention ist es, den Frauen Benins und Afrikas den Weg zur Selbstermächtigung zu weisen. Die jungen Bandmitglieder bringen durchaus eigene Ideen in die Songtexte ein. »Rew Be Me«, gesungen in der Sprache der Peul, fungiert als Ode an die Frauen ein Hoch auf die Emanzipation. »Peba«, ein Lied in der Sprache Waame, besingt Mädchen, die zur Schule gehen, um sie selbst sein zu können. Und »Femme Africaine«, der einzige auf Französisch gesungene Song, ist ein Hohelied auf die Unabhängigkeit der Frau, die es schaffen kann, Präsidentin oder Premierministerin zu werden. Schlussendlich ruft auf dem 31 Minuten dauernden Debütalbum das Reggae-lastige »Tumtilu« in der Sprache der Ditamari dazu auf, die eigene Kultur zu bewahren und zu ehren. Ende 2018 wurden erste Aufnahmen von einem Team um einen französischen Toningenieur in die Wege geleitet. Diese drangen an die Ohren von Jean-Baptiste Guillot, Boss des in Romainville bzw. Paris situierten Labels Born Bad Records. Born Bad mag namentlich dem Bösen huldigen und veröffentlicht Tonträger im Geiste des Rock’n’Roll und Postpunk, doch die Metapher zum Geburtsort, den man sich nicht aussuchen kann, ist einfach zu schön. Der fatale Konnex Kolonialismus-Kapitalismus sorgt leider weiterhin dafür, dass viele Weltgegenden in Armut verbleiben, weil die Explorations- und Ausbeutungsstrukturen nach wie vor zugunsten der Industrieländer bestehen bleiben. Born bad, doch immerhin öffnet Born Bad Records einen Ausweg, der nicht kommerziell ist.