© Lydia Simon

Mit Tätersöhnen reden

Manche Jugendliche steigern sich durch Heldengeschichten ihrer Väter in Hass hinein. Redet denn keiner mit diesen Jungs, die schon jetzt um sich schlagen?

Die drei Jungs zeigen einen unglaublichen Redebedarf. Wenn sie davon abgehalten werden, im Freibad im noblen 19. Wiener Gemeindebezirk andere Kinder zu sekkieren, tritt ihre starke Antriebsenergie zutage. »Mein Vater war ein Sniper und hat im Krieg 200 bis 300 Menschen erschossen«, sagt ein hier geborener Serbe, hält ein imaginäres Gewehr an seine Wange und zielt damit auf einzelne Badegäste. »Ich werde diese Albaner töten«, sagt er, »jeden Tag will ich Albaner töten.« Er wäre in Wahrheit nicht so, meint sein bester Freund, der selbst aus Tuzla stammt, wird aber immer stiller. Die Heckenschützen von Sarajevo töteten unter anderem sechzig Kinder, davon weiß der Sniper-Sohn aber nichts. Als ich sage, dass dieses Serbien ja erst seit dreißig Jahren bestehe, »vorher war Jugoslawien und noch früher ein faschistisches Königreich«, bekreuzigt sich der militante Heldenverehrer ununterbrochen. Dadurch will er sich nämlich selbst zurückhalten, mir für diese frevlerische Aussage eins »auf die Mütze« zu geben. Dabei hat er in Wahrheit null Ahnung von der Geschichte Serbiens vor dem Krieg. Außer, dass er Gavrilo Princip, den Attentäter von Sarajevo, verehrt.

Alle gegen die Serben

»Ich schlage keine Mädchen«, sagt sein kleiner Bruder, der zwölf Jahre alt ist und einen verbitterten Zug um den Mund hat, »nicht einmal für Geld!« Auf der Schulter trägt er blutige Kratzspuren von einem Jungen, der sich gegen die Vertreibung von den Warmduschen wehrte. Ein anderer Bub holt seine Mutter, die eine Strafpredigt hält. Nutzt aber nichts. Das kennen sie schon – alle seien gegen die Serben. »Wir wurden bombardiert! Für nichts!« »Aber nicht von Albanern.« »Nein, von der NATO und das war schlimmer als jetzt in der Ukraine«, behauptet der Kleine. »Nach der Bombardierung von Belgrad war der Krieg aber endlich aus«, wage ich zu bedenken. Schweigen in der Runde. Das hat ihn wohl noch niemand gesagt. Was in diesen Familien wohl weitergegeben wird, von den schrecklichen Kriegen im ehemaligen Jugoslawien? Werden Täterkinder ganz alleine gelassen mit der Energie eines ehemaligen Killervaters? Der 17-Jährige erzählt, dass er vom Arzt Beruhigungspillen verschrieben bekam. »Heute vor dem Schwimmbad habe ich auch eine genommen«, hüpft er auf der Stelle, »ich habe einfach zu viel Energie«. Der große Bruder haut dem Kleinen nach angeblich »unpassenden Aussagen« auf den Kopf. Das schaut wie eine schlechte Angewohnheit aus. »Warum machst du nicht etwas Positives mit deiner starken Energie? Du redest doch so gerne. Warum machst du keine Radio-Show? Es gibt viele Sender.« Der Mund bleibt ihm offenstehen.

Geschichte lernen

»Mein Opa hat gegen die Nazis gekämpft, er war in Jasenovac inhaftiert«, sagt der Junge plötzlich. Jasenovac war das einzige Lager, in dem ohne deutsche Beteiligung gemordet wurde. Geleitet wurde es von der Ustascha, den kroatischen Faschisten. Ermordet wurden Juden, Roma und Serben. »Was ist besser? Albanien oder Serbien?«, fragt der kleine Bruder. »Was ist besser?«, frage ich zurück, »Sonne oder Wasser? Dorf oder Stadt? Wald oder Wiese?« »Wald, denn in dem kann man sich wenigstens verstecken«, lacht der große Bruder. Der Kleine meint, dass er jetzt aufs Gymnasium komme und im Fach Geschichte endlich mehr erfahren könne. Er freut sich schon darauf. Wenn der große Bruder mit seinen körperlichen Attacken so weiter macht, wird er früher oder später schweren Ärger kriegen. Vielleicht kann ihm ja in Zukunft der Kleine ein paar für ihn völlig neue Versionen des Jugoslawienkrieges vermitteln. Weitaus besser wären allerdings erwachsene Ansprechpersonen außerhalb der Familie.