Herbie Hancock © Kwaku Alston

Mit Piano, Synthesizer und Vocoder

Herbie Hancock gastierte am Dienstag, dem 12. November 2019 in Wien und brachte nicht nur die letzten 50 Jahre seiner Karriere, sondern auch gleich noch eine beeindruckende Band mit in die Stadthalle.

Es gibt wenige Musiker, die sich heute noch ein Umhängekeyboard wie in den 1980er-Jahren schnappen können und dabei cool aussehen – eigentlich nur einen: Herbie Hancock. Der weltberühmte Jazzpianist gastierte am 12. November in der Wiener Stadthalle vor einem vollen Haus, bot dabei Altes und Neues dar und brachte das mehrere Generationen umspannende Publikum zum Tanzen und Jubeln. Der 79-Jährige gilt als eine der großen Ikonen im Jazz, spielte mit Helden wie etwa Miles Davis und zählt auch in den Genres Fusion Jazz, Funk und Electro zu den einflussreichsten Pionieren. Mit Stücken wie »Rock It« ist Hancock sogar bei Menschen fernab des Jazz bis heute bekannt. Ein beeindruckendes Leben und Schaffen, auf das Hancock zurückblicken kann, und in einem zweistündigen Konzert daraus das Beste herauszupicken und überdies noch Neues darzubieten, ist bereits eine Meisterleistung an sich.

Virtuose Band
Begleitet wird Hancock von einer ihm musikalisch in nichts nachstehenden Band. An der Gitarre spielt der aus Benin stammende Lionel Loueke, der Hancock auch schon im Studio unterstützte. Den Bass spielt der auch hierzulande zumindest aus der Sendung »Saturday Night Life« bekannte Amerikaner James Genus, der zu den gefragtesten Jazzbassisten dieser Tage zählt. Justin Tyson, ein noch junger, aber aufsteigender Stern am Schlagzeugerfirmament, sitzt an den Drums. Die aber spannendste Ingredienz in Hancocks Band ist wohl die 24-jährige Elena Pinderhughes, welche die Musik mit ihrem Gesang und einer Querflöte begleitet und dabei beweist, dass dieses Instrument nicht mit Yusef Lateef gestorben ist, sondern im Jazz heutzutage deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Dass sich Herbie Hancock von einer Band begleiten lässt, ist übrigens keine Selbstverständlichkeit. Der Autor beispielsweise hatte das große Glück, den Musiker 2012 in der deutschen Stadt Ludwigshafen zu erleben, wo er sich – alleine auf der Bühne – mit iPads selbst begleitete.

Quer durch alle Jahrzehnte improvisierend
Hancock ist, wie er selbst sagt, ein Technik-Freak und das merkt man schnell. Freilich, manchmal sitzt er einfach an seinem Flügel und spielt die alten Blue-Notes aus seiner Anfangszeit in den frühen 1960er-Jahren, aber er ist sich dabei stets seiner ganzen Möglichkeiten und des eigenen Oeuvres bewusst, weshalb man nur etwas Geduld aufbringen muss, ehe er die Synthesizer dazuholt. Das schon genannte Umhängekeyboard ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Fast allgegenwärtig ist sein berühmter KORG-Synthesizer, aus dem nicht nur er, sondern auch viele andere Musikschaffende Unglaubliches herausholten, und natürlich wird auch die Band dabei mit entsprechenden technischen Mitteln verfremdet und so klingt die Querflöte schnell so, als käme sie ebenfalls aus einem Synthesizer. Selbstredend führt Hancock stets seinen Vocoder bei sich, mit dem er 1978 auf seinem Album »Sunlight« wohl erstmals seine Stimme verfremdete. Wenn er dann das vom Album stammende Stück »Come Running To Me« mit Synthesizer und Vocoder anstimmt, kommt allerdings zu keiner Sekunde, das sei betont, ein Gefühl der Melancholie auf. Hancock und seine Band schaffen es allein schon durch ihre unglaubliche Improvisationslust, jedes Stück nicht nur zeitgemäß, sondern wie erstmals gehört wirken zu lassen. Nicht nur das Publikum sitzt in solchen Momenten gespannt da und harrt dessen, was noch kommen mag, auch Hancock sitzt und starrt, seinem Grinsen nach sichtlich erfreut, auf seine musikalischen Begleiter*innen, während die sich voll und ganz ihrem jeweiligen Instrument und Gefühl hingeben.

Rundgang durch die Stadthalle
Das Wiener Publikum ist sicht- und hörbar von Hancock und seiner Truppe angetan und so holt man ihn nicht nur für eine Zugabe – »Chameleon« aus 1972 – zurück auf die Bühne. Das berühmte Keyboard erstmals umgehängt, macht sich Herbie Hancock zum Schluss nämlich sogar noch dazu auf, die Bühne zu verlassen und spielend durch die tobende und auf ihn zustürmende Stadthalle zu flanieren. Die Band und vor allem die Securitys zeigten sich verwundert, letztere vor allem nervös. Für Wien, eine Stadt, von der er immer wieder sagte, wie sehr sie ihm gefalle, also ein ganz besonderer Abend und vielleicht, ein angekündigtes neues Album lässt hoffen, nicht der letzte.

Link: https://www.herbiehancock.com/