Midori Hirano ist eine in Berlin lebende Japanerin und die Produktionsnotizen zu ihrem Album »Otonoma« bemühen viele der verfügbaren sprachlichen Stilmittel, um die Musik einzuordnen. Wie man das eben macht, wenn man instrumentale, überwiegend elektronische Musik beschreiben will, die als zeitgenössisch, experimentell und inklusiv durchgehen kann. Musik, die zwischen Welten wandelt, die in Zusammenhängen Bildender Kunst ebenso zuhause ist wie in konzertanten Kontexten und als Soundtrack zu Filmen oder den Eindrücken beim Blick vom heimischen Balkon dienen kann. Offen für Interpretation, vielseitig verwendbar. In Genrebegriffe gefasst: Minimal, Ambient, New Age und Modern Classical Music – irgendwo dazwischen bewegt sich die Musik von Midori Hirano und wenn sie auch ökonomisch in der Konkurrenz mit ungezählt vielen anderen Musiker*innen bestehen will, wird ihr die prinzipielle Offenheit sicher nicht schaden: Man muss sich breit aufstellen, wenn man mit Musik im Jahr 2026 noch mehr als ein paar Cent verdienen will, und ich schinde hier Zeilen und reihe mögliche Präsentationsformen und Rezeptionsmodi aneinander, weil ich jenseits dessen auch nicht so recht weiß, was ich dazu noch sagen soll. Ich kann zusätzlich und aus dem Stand Vergleiche mit anderen mir bekannten Musiker*innen der genannten Genres anstellen und so den historisch informierten Plattensammler raushängen lassen, kein Problem: Laurie Spiegel, Norm Chambers, J. D. Emmanuel, Emerald Web, Hans Otte, Tim Hecker usw. – ergänzt auch um den Hinweis auf die 2019 veröffentlichte Zusammenstellung »Kankyō Ongaku: Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980–1990«. Je nach Geschmack bzw. Orientierung lassen sich solche Aufzählungen beliebig verändern bzw. verlängern und irgendwie entsteht dann vielleicht ein Interesse an der Musik, die aber natürlich bzw. eigentlich für sich selbst stehen können sollte, wenn sie kostbare Aufmerksamkeit wert sein will. Diese Forderung beschreibt allerdings auch ein ästhetisches Oxymoron, das Dilemma bzw. die Herausforderung, mit der alle zu kämpfen haben, die im 21. Jahrhundert Musik hören und machen. Wie abstrahieren von dem, was man schon weiß, gehört hat, mitbringt und was ja auch hilft, Musik zu »verstehen«? Wie sich die Ohren relativ offen halten für so noch nicht gehörte Klänge? Mit Blick auf die bisher eingenommenen Perspektiven lässt sich so ziemlich alle neue Musik abfertigen. Man wird dann in der Beurteilung und Einordnung selten falsch liegen, gerecht wird man ihr so aber auch nicht. Es ist ein Kreuz, andererseits: Die einfache Feststellung, die Musik sei schön, die individuelle Erfahrung, dass sie ein gleichermaßen angenehmes wie abwechslungsreiches Hörerlebnis vermittelt, ist eigentlich nicht der schlechteste Arbeitsnachweis. Vielleicht hilft eine solche pragmatische Herangehensweise, um sich selbst, die Musik und ihre Urheberin nicht zu überfordern? Also, was haben wir mit Midori Hiranos »Otonoma« vorliegen? Ein vielseitiges Album elektronischer Musik, das Aufmerksamkeit verdient, weil es wohltuend und belebend wirkt.
Midori Hirano
»Otonoma«
Thrill Jockey
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