Magmatische Zärtlichkeiten

Der griechische Komponist und Elektroakustiker Thanos Chrysakis im exklusiven skug-Portrait.

Foto:Thanos Chrysakis & Tim Blackwell
© Dan Coffey

Manchmal ist man ein wenig ratlos als Rezensent. Insbesondere, wenn man ein nettes Mail von einem Komponisten höchstpersönlich bekommen hat, in welchem er schreibt, dass ihm eine Besprechung gefallen habe und fragt, ob man denn auch weitere CDs besprechen möchte. Höflich schreibt man zurück, ja, ja, aber bitte bedenken, es gibt so viele CDs auf dem Gebiet der Elektroakustik, und je mehr Avantgarde, desto austauschbarer wird die Sache mittlerweile. Tja, nach über 100 einschlägigen CDs, die man rezensiert hat, stellt sich eine gewisse Desillusionierung ein. Das Internet entpuppt sich als große Waschmaschine, es nivelliert nicht nur Innovation durch Inflation, es scheint auch aufgrund globaler Verfügbarkeit und genrespezifischer Cliquenbildung den kreativen Output immer mehr zu normieren. Aber vielleicht ist in manchen Fällen doch bloß die einschlägige Sounderzeugungssoftware daran schuld? Aber in derlei bange Fragen wollen wir uns hier gar nicht verirren.

»Numen« mit Wade Matthews

numen.jpgWir sprechen also von Thanos Chrysakis, einem in Athen geborenen Komponisten, den man der elektroakustischen Avantgarde zurechnen darf. Auch Liveperformances und Soundinstallationen zählen zu seinem Oeuvre. Seit einigen Jahren ist er in Großbritannien ansässig und tätig. Ein schönes, beinahe entspanntes Beispiel für sein Schaffen ist die gemeinsam mit Wade Matthews produzierte CD »Numen«. Matthews steuerte dafür ausgewählte Field Recordings bei, die er mittels eines 2-Computer-Setups mit einer elektronischen bzw. digitalen Synthese verknüpfte. Wie auch immer das im Detail zu verstehen ist, es klingt mühsamer als es ist. »Numen« ist eine improvisierte Soundreise, die mit dem kleinen linken Zeh immer wieder im Ambient eintaucht, insgesamt aber doch recht stecknadelig und abwechslungsreich bleibt. Es herrscht ein Hauch von Verweigerung, der aber über ein minimalistisch angewinkeltes Knie gebrochen wird. Ein Hauch von Minimalismus zeigt sich nicht zuletzt auch in der visuellen Gestaltung der CD-Hülle, die Fans spartanischer Reduktion sicher anspricht.
»Numen« könnte man fast für nicht eingeweihte HörerInnen empfehlen, die anderen beiden CDs, das komponierte »???????« (bzw. »Nepsis«) und vor allem die schon 2011 erschienenen, computergenerierten »Images« auf »?????« (bzw. »?agma«) sind für uneingeweihte HörerInnen eher schwer zugänglich. Das geht alleine schon aus dem Pressetext für »??G??« hervor: »Unzählige kollidierende Sounds verschmelzen und interagieren in einer abstrakten akustischen Dramaturgie von magmatischen Texturen, die die Grenzen zwischen experimenteller Elektronik, Elektroakustik, Ambient, Glitch und Mikrosound umgestalten.« Das klingt nach einem Vulkan im Kopf, der sich in pure Abstraktion auflöst – ergo irgendwie nach Kopfschmerzen. Dass eine Passage in »?agma« in ihren Soundeffekten an eine Sitzung beim Zahnarzt erinnert, passt da durchaus ins Bild.

»Nepsis«: Erleuchtung und Kreisel

»???????« wiederum klingt in seinen besten Momenten, als hätte sich Mr. Spock am Bordcomputer der Enterprise zu schaffen gemacht, um die Sounds der unvorstellbaren Weiten einzufangen – samt Computerknittern und phasersymphonischen Wirrungen. In den nicht besten Momenten hört man ein paar Kinder auf knarzenden Stühlen herumwetzen, irgendwo rinnt radioaktive Säure aus und ein Metallring eiert endlos auf einer Glasplatte, ohne je zum Stillstand zu kommen, wie der Kreisel in Christopher Nolans »Inception«. Ein wenig technizistisch, lautet das erste Urteil, aber der Komponist widerspricht: »Auch das Piano IST eine Technik, auch die Violine IST eine Technik, bezogen auf eine bestimmte Zeitperiode.« Das ist ganz sicher korrekt, auch wenn es die ein wenig traurige Wahrheit inkludiert, dass der Laptop DAS Musikinstrument des 21. Jahrhunderts ist. Aber was ist mit den futuristischen Assoziationen? »Passt auch nicht«, erklärt Thanos Chrysakis: »U-topos bedeutet im Griechischen: Ein Platz, der nicht existiert. Ich denke nicht in solchen Begriffen. Ich glaube, dass Musik Awareness und innere Entwicklung bedeutet und daher von umfassender Bedeutung für die Menschheit ist.« Womit wir indirekt wieder beim Thema »Globalität« – und damit der großen Waschmaschine Internet wären.
Aber eigentlich steht »???????« bzw. »Nepsis« für eine experimentelle Auffassung in der orthodoxen, christlichen Theologie. »Nepsis ist ein Stadium der Wachsamkeit oder Ernüchterung nach einer langen Periode der Katharsis«, erklärt Chrysakis. Darum gehe es hier. Und es sei darüber hinaus eine sehr persönliche, fast intime Komposition, er habe sehr unterschiedliches Material verwendet, und dieses verwandelt in »a plane that is suspended, hovering, dark and illuminating at the same time, a plane of forgotten dreams and ecstatic truths.« Ein Flugzeug das hängt und schwebt, das dunkel und erleuchtet ist, ein Flugzeug voller vergessener Träume und ekstatischer Wahrheiten.

Richard Wagner im Düsenjet

Mit so kraftvollen, um nicht zu sagen pathetischen Worten könnte man auch eine Wagner-Oper beschreiben. Nur das Flugzeug stört ein wenig … Aber ernsthaft: Wer die strenge, ein wenig technizistisch glitzernde Hülle von »Nepsis« durchdringt, kommt tatsächlich in den Genuss einer »erleuchteten Dunkelheit«. So streng und so stecknadelig manche Passagen wirken, so fürsorglich leitet Chrysakis die geneigte HörerIn durch seinen Soundparcours voller »intimer, transfiguraler und fragiler Soundwelten«, die an manchen Stellen, besonders im dritten Teil, nicht mit Nachdrücklichkeit geizen.
photo_chrysakis.jpgAber wie gesagt, das gilt vor allem für die »geneigte« HörerIn. Oder mit den Worten des Komponisten: »Ich bin mir sicher, dass sensitive und aufrichtige Liebhaber abenteuerlicher Musik immer etwas in meiner Musik finden werden, das sie mögen oder bei dem sie mitempfinden können.« Dem ist wenig hinzuzufügen. Natürlich kann man meckern, dass das keine Neuigkeit von der Elektroakustik-Front ist, und auch, dass man bitte keinen Aufrichtigkeitstest ablegen will, bevor man sich eine CD anhört. Aber so begriffsstreng war es sicher nicht gemeint – und dass man über den eigenen, harmonieverwöhnten Schatten springen muss, um die Musik von Thanos Chrysakis zu genießen, das ist so klar wie die Tatsache, dass Richard Wagner niemals in einem Düsenflugzeug gesessen ist. Womit wir abschließend doch wieder beim Thema der Utopie sind. Ein schöne Utopie etwa wäre … nein, nicht Richard Wagner im Düsenjet, sondern mehr HörerInnen, die bereit sind, sich auf herausfordernde Soundexperimente einzulassen. Mehr HörerInnen also, die bereit sind, Thanos Chrysakis zu entdecken. Hören mit der Bereitschaft zum Risiko für eine Musik, die selbst etwas riskiert. Dann winkt als Belohnung ein Zustand der »Nepsis«.


Thanos Chrysakis, Wade Matthews: »Numen« / Aural Terrains
Thanos Chrysakis: »???????« / Aural Terrains
Thanos Chrysakis: »?????« / Monochrome Vision