»DUM«-Team v.l.n.r.: Wolfgang Kühn, Anna-Lena Obermoser, Martin Heidl, Markus Köhle © Ulli Paur

Avantgarde war gestern … was bleibt ist Arrière-goût #3

Der Arrière-goût ist der Nachgeschmack der literarischen Revolte, mit dem auch Literaturzeitschriften heute umzugehen einen Weg gefunden haben. Wir diskutieren mit ihnen diesen Umgang in loser Folge. Diesmal mit Wolfgang Kühn, Markus Köhle und Martin Heidl von der Zeitschrift »DUM«.

Allzu gerne werden Literaturzeitschriften als Vorhof der prunkvollen Verlagsschlösser betrachtet und es besteht die Meinung, wahre Literatur sei zwischen zwei Buchdeckeln zuhause. Kaum etwas ist überheblicher. Tatsächlich gibt es viele interessante Kooperationen und Initiativen von Schriftsteller*innen und Literaturarbeiter*innen, die nicht nur das Schreiben praktizieren, sondern auch Publikationsorte, Netzwerke und ungewöhnliche Texte bauen. Sie sind der Nachgeschmack unserer Zeit. In dieser Serie werden unter diesem Gesichtspunkt in unregelmäßigen Abständen Kleinverlage, Literaturzeitungen und Literaturprojekte zu einem Interview gebeten.

Die Literaturzeitung »DUM«, aka »Das Ultimative Magazin«, spinnt seit vielen Jahren Fäden zwischen Autorinnen und Autoren und baut ihre Luftmaschen in der Welt der Literatur. Im Gespräch erfahren wir, wie es dazu kam, über ihre Wünsche, warum sie die Avantgarde verpasst haben und was »DUM« mit Rehen gemeinsam hat. Wolfgang Kühn, Markus Köhle und Martin Heidl folgten skug zur Gesprächseinladung.

skug: Die Literaturzeitschrift »DUM« gibt es nun bereits 30 Jahre. Auf eurer Website erzählt ihr die aufregende und abwechslungsreiche »DUM«-Story, mit all ihren Ups and Downs. Am Ursprung stehen ein/e (hoch)geistige/r Abend/Nacht und der Wunsch, »einmal was anderes machen« zu wollen. Für mich ergeben sich daraus zwei Fragen. Die erste: Wie schaut die ernüchternde »DUM«-Story aus, mit ihren Routinen und wiederkehrenden Prozessen, die eine Literaturzeitung mit sich bringt. Aber auch, welche soziale Funktion diese Literaturzeitschrift einnimmt.

Wolfgang Kühn (WK): Für mich ist auch nach knapp 30 Jahren noch keine Ernüchterung eingetreten, vermutlich, weil ich »DUM« nicht als Arbeit im herkömmlichen Sinn sehe, sondern nach wie vor als (mitunter zeitintensives) Lieblingshobby. Ich freu mich immer noch riesig, wenn ich irgendwo lese, dass eine »DUM«-Autorin oder ein »DUM«-Autor ihr oder sein erstes Buch veröffentlicht hat oder in den Maileingängen eine »DUM«-Bestellung aufpoppt. Erst wenn diese Freude einmal nicht mehr da ist, mache ich mir Gedanken. Ich denke, eine soziale Funktion nehmen wir vor allem bei unseren ca. zehn Veranstaltungen pro Jahr ein, einfach durch das Zusammenbringen, sprich Vernetzen von verschiedenen Menschen, die sich ohne »DUM« vielleicht nie getroffen hätten, da sind schon spannende Sachen entstanden.

Die zweite Frage – ich hab’ zuvor auch bewusst den Begriff des Wunsches verwendet, da ihm ja eine mitunter unbewusste Kraft zur Veränderung inne wohnt … Was mich interessiert, ist, ob dieser Wunsch, »was anderes machen«, immer noch besteht oder von welchen Wünschen er in den Jahren abgelöst wurde und welcher Wunsch euch heute antreibt.

WK: Ich bin glücklich so, wie es ist, und würde mich freuen, wenn »DUM« auch weiterhin eine junge und spannende Zeitschrift bliebe, die neuen Ideen offen und neugierig gegenübersteht, quasi eine gesunde Mischung aus verstaubt und Zeitgeist.

© Ulli Paur

Mit der Literaturzeitschrift »DUM« geht für viele Autor*innen ein großer Wunsch in Erfüllung. Zumindest war es bei mir so. Und zwar erste Veröffentlichungen und ein erstes öffentliches Wahrgenommen-Werden. Wie wichtig ist euch dieser Zugang, ein Türöffner zur Welt der Literatur zu sein?

Markus Köhle (MK): Dass die Welt der Literatur immer noch mit einer Tür verschlossen ist, ist Teil des Problems, das der Literaturbetrieb hat. Wenn wir dazu beitragen können, Schwellenängste zu mindern; wenn wir durch Erstveröffentlichungen Autor*innen motivieren können, weiterzuschreiben, zu verschicken, nach Ein- und Zutritt zu begehren; wenn wir mit »DUM« Wünsche erfüllen und Schreibende glücklich machen können, dann sind wir nicht minder glücklich und sehen uns in unserer Arbeit bestätigt. Wir verstehen uns allerdings nicht primär als Erstveröffentlichungsmedium. Alle haben die gleichen Chancen, in die »DUM«-Familie aufgenommen zu werden, weil wir alle Einsendungen anonymisiert lesen. Aber offenbar haben wir ein Auge für Neues, das gelesen gehört. Sich durch über 200 Beiträge zu arbeiten, ist zwar nicht immer nur ein Vergnügen, es hält aber auch frisch, konfrontiert mit Texten, die man sonst nie zu Gesicht gekriegt hätte, und schärft das eigene Bild von guten und schlechten Texten.

Diese skug-Serie geht ja auch der Frage nach der gegenwärtigen literarischen Avantgarde nach, ob es sie gibt, sie braucht oder sie ein veraltetes Bild ist. Könnt ihr mit dem Bild der Avantgarde in Bezug auf »DUM« etwas anfangen?

Martin Heidl (MH): Hm, Avantgarde. Radikal Neues zu schaffen, noch nie Dagewesenes, neue Formate und Formen für die spezifischen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit? Wenn es vorkommt, bei uns im »Ultimativen Magazin«, dass ein Text etwas »Besonderes« aufwirft und/oder eine etwas andere Kunstform als herkömmlich, dann freue ich mich sehr. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob es entdeckbar ist und nicht im Irgendwo versandet. Avantgarde, wenn überhaupt, scheint für mich nicht einordenbar zu sein in eine bestimmte Richtung. Etwas Freies. Nachdem die Zeitepoche der Avantgarde vorbei ist, muss man(n)*frau sich eine neue Begrifflichkeit einfallen lassen, wenn unbedingt eine Zuschreibung vonnöten ist. Literatur, die aufrüttelt, provoziert, berührt, in welcher Form auch immer, könnte Avantgarde sein oder auch nicht.

Was die Avantgarde stets bildete, waren Netzwerke. So wie ich »DUM« wahrnehme, ist es ein Knoten des literarischen Netzes und solche Knoten sind natürlich wichtig, ansonsten gäbe es nur Fäden und kein Netz. Was braucht es, um ein guter Knoten sein zu können?

MK: Als Knoten sehe ich uns nicht, das ist mir zu undurchlässig. Wir sind viel eher Luftmaschen, die alle Maschen und Stäbchen zulassen und im Idealfall zieht sich durch das Entstehende ein unaufdringlicher, roter Faden. Wenn schon Knoten, dann die Geschwindigkeit auf See, die ist gemächlich und bedächtig. Wir schippern mit Um- und Weitsicht im Literaturmeer und fragt uns wer was zur Avantgarde, dann sind wir erst einmal so gutgläubig, zu meinen, wir hätten etwas verpasst, freuen uns dann aber umso mehr, nicht auf tradierten Begriffen herumreiten zu müssen.

© Ulli Paur

Wäre »DUM« ein Tier. Welches wäre es und warum?

WK: Schwierige Frage, umgekehrt wäre es leichter. Mit Sicherheit sind wir keine Eintagsfliege. Aber Insekt kommt schon hin – aufgrund der literarischen Netze, die wir knüpfen, sehe ich uns als Spinne. (Und manche anderen wohl als Spinner.)

MH: »DUM« ist ein Reh. Etwas scheu, vorsichtig, aber wenn der Schritt sitzt, dann sitzt er. Rehe ziehen zu zweit, zu dritt und mehr herum … wir auch. Und Rehe kommen nahe heran an das Andere, Undurchschaubare und sie bleiben und kommen immer wieder – »DUM« mittlerweile seit 30 Jahren auch!

MK: Ein Schnitzel.

Blicken wir am Schluss noch etwas in die Zukunft. Die spannende Frage ist ja, wie wird das alles bloß weitergehen und vor allem, wie wird es enden? Gibt es konkrete Pläne? Die zweite und wichtige Unterfrage wäre noch: Welche literarischen Utopien gibt es, denen »DUM« entgegenreist?

WK: Keine Ahnung. Wohin die Reise geht, wissen wir nicht! Vielleicht ist bzw. war es gut, dass wir nie große Visionen hatten, wir haben einfach immer gemacht und ausprobiert und geschaut, was sich daraus entwickelt. Durch das Fehlen von großen Zielen kann auch keine Desillusionierung eintreten, sollten diese Ziele nicht erreicht werden.

Mehr zu »DUM« unter: https://www.dum.at/