Lernen von den Untoten

Der Sammelband »Die Untoten und Philosophie« verspricht neue Erkenntnisse für Pop- und Denkkultur. Eine Rezension von Thomas Ballhausen.

Die Untoten sind zurück, so tönt es überall. Aber waren sie je weg? Wohl nicht. Unübersehbar ist, dass ihre Präsenz zugenommen hat. Nicht zuletzt kritisch zu hinterfragende Beispiele wie die vielbesprochene »Twilight«-Buch- und Filmserie, augenzwinkernde Komödien wie »Zombieland« oder erfolgreiche TV-Shows wie »The Vampire Diaries« und »True Blood« haben den Vampiren und Zombies neue Vermarktungsnischen, vielleicht auch neue Räume erschlossen. Und mit gewitzten Remixarbeiten wie »Pride and Prejudice and Zombies« oder »Abraham Lincoln: Vampire Hunter« sind sowohl die Fans klassischer Literatur wie auch der metafiktionalen/parahistorischen Gruselgeschichte bestens bedient. Buchgestalterisch hat man sich mit der nun vorliegenden deutschsprachigen Ausgabe von »The Undead and Philosophy: Chicken Soup for the Soulless«, so der bewusst gewählte Titel der bereits 2006 erschienenen Originalausgabe, wenig zufällig an Seth Grahame-Smiths Erfolgsbüchern orientiert. Dass, wie auch schon bei der ebenfalls bei Klett-Cotta vorgelegten ?bersetzung von Neil Gaimans Sammelband »Zerbrechliche Dinge«, nur eine gekürzte Fassung publiziert wird, wiegt in diesem Fall – Marketingstrategie hin oder her – sogar noch schwerer: Die Beiträge von Ted Preston, Simon Clark und insbesondere Noël Carroll fehlen im schlimmsten Sinne des Wortes.

Wenngleich der Band aufgrund der Gestaltung und der erwähnten Verkürzung selbst ein wenig wie ein ramponierter Wiedergänger seiner Originalausgabe daherkommt, ist er doch eine lohnende Verführung zum Nachdenken über die Untoten – und somit auch über die zu problematisierenden Nicht-Toten. Im spannenden und durchaus auch unterhaltsamen Abgleich zwischen menschlicher Position und monströser Perspektive werden Fragestellungen und Denkmodelle entwickelt. In bester Manier soll, so liest man im programmatischen Vorwort, die Popkultur urbar gemacht werden; die Leitlinien des Politischen, des Ethisch-Moralischen und des Existenziellen geben dabei eine erste Orientierung vor: Der rechtliche Status der Untoten, eine relativ neue Frage, ist dabei ebenso Untersuchungsgegenstand wie die schon umfassend erforschte Konsumkritik innerhalb zahlreicher filmischer Beispiele; die Leidensfähigkeit jedes Wesens als Kriterium ethischer Rahmungen ist ebenso verhandelt wie wirtschaftspolitische und gesellschaftsvertragliche Konzepte. Als besonders wertvoll und in Teilen überraschend hat sich der Zugriff auf das vielschichtige Themenfeld via Martin Heidegger herausgestellt: Adam Barrows Beitrag macht deutlich, wie sehr die von Heidegger unternommene grundlegende Verschiebung philosophischer Untersuchungen von der Epistemologie (»wie können wir wissen«) zur Ontologie (»was sind wir«) hier produktiv gewendet werden kann. Diese vom Tod her gedachte Sinn- und Seinsbegründung lässt eine Lesbarkeit von Strategien neuer Widerständigkeit zu. Versagen rundum die klassischen apotropäischen Mittel oder gehen uns (wirtschaftlich gedacht) schlicht verloren, so regt sich in der Lebendigkeit und im Mortalitätsbewusstsein der Impuls der Verweigerung gegen die Versuchungen der Untoten. Muss man denn z. B. ein Vampir sein, um Vergnügen zu haben, sich zu verlieben oder gar zu heiraten? Nur wer wirklich schlie&szliglich stirbt, lebt tatsächlich. Popkultur in Reinform, sozusagen.

Richard Greene u. K. Silem Mohammad (Hg.): »Die Untoten und Philosophie. Schlauer werden mit Zombies, Werwölfen und Vampiren.« Aus dem Amerikanischen von Christina Schmutz u. Frithwin Wagner-Lippok, Stuttgart: Klett-Cotta 2010, 288 Seiten, EUR 20,60