Lachen als Mördergrube

Klaus Theweleit, der durch sein 1977 erschienene Dissertation »Männerphantasien« – einer psychoanalytischen Aufarbeitung des soldatischen Körpers der nationalsozialistischer Schergen – einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, analysiert in »Das Lachen der Täter« anhand zahlreicher Medienberichte, Interviews und Originaltexte die Psyche von Massenmördern, von Breivik über den Tutsi-Genozid in Ruanda bis hin zu den Selbstmordattentätern des IS.

Im Zentrum seiner Untersuchung steht dabei das Lachen – vom unaufhörlichen, breiten Grinsen Breiviks während des Gerichtsverfahrens gegen ihn, oder dem leeren Gelächter von Samra und Sabina, den pubertierenden Schülerinnen, die sich 2014 aus Favoriten nach Syrien absetzten: »Sie hat sich angezogen wie alle, hat geredet wie alle, hat Spaß gehabt wie alle, hat diese sinnlosen Mails geschickt, in denen nichts stand, nur: Haha. Hahahahahaha. Hahahahahahahaha. Hahahaaaaaaahaaaaaa.« (S. 95; Zitat aus Karin Steinberger, »Süddeutsche Zeitung«, 11./12. Oktober 2014)

Dazu Theweleit: »Das Dauergekicher ist der Selbstausdruck jener, die nicht wissen, wohin und zu wem sie gehören. Die Leere, in der sie leben, lautet auf Hahahahahahahahahahahaha, endlos im Kreis. Das Gelächter, als körperlich-muskulöser sowie auch psychischer Akt, hat die Funktion, die Leere augenblicklich zu füllen; sie anzufüllen mit Irgendetwas, das sofort spürbar und erleichternd ist. Hahahaha.« (S. 99) Nicolas Hénin, der sich zehn Monate im Geiselhaft des IS befand, beschreibt Scheinhinrichtungen während seiner Gefangenschaft: »(…) meine Bewacher spielten kindische Spiele mit uns (…) Pseudo-Hinrichtungen. (…) Eine Gruppe französisch-sprachiger Jihadisten rief dabei ›Wir werden dir den Kopf abschneiden, ihn dir in den Arsch schieben und die Sache dann auf YouTube hochladen. Ihr Schwert war aus einem Antiquitätenladen. Sie lachten und ich spielte das Spiel mit, schrie herum; aber sie wollten eigentlich nur Spaß.« (»The Guardian«, 16. November 2015)
Theweleit: »Das leere Gelächter derer, die nichts zu lachen haben, ist eine Tragödie. Die ihr unterliegen, halten sie am besten von sich ab durch ihre Ûberführung in kriminelle Akte, ausgeführt unter tödlichem, ›gefülltem‹, gemeinsamen Gelächter (mit prä-installierter ›Märtyrer‹-Aussicht).« (S. 102)

Und weiter über Breivik (wobei sich das Geschriebene auch genauso gut für den IS oder den Genozid in Ruanda umformulieren ließe): »Zentral für das Verständnis von Breiviks Malta-Bezug ist die Funktion der größeren Organisation, deren Teil der Killer – wie gesagt – um jeden Preis sein will. Die Knights Templar-Schimäre trägt und schützt ihn in mehrfacher Hinsicht. An erster Stelle garantiert das Tempelritter-Konstrukt [auch die Bekennerschreiben von IS sprechen von den Attentätern als ›Ritter‹, Anm.] seine offensiv vertretene ›Schuldlosigkeit‹ gegenüber der norwegischen Öffentlichkeit, der Weltöffentlichkeit sowie vor jedem norwegischen oder internationalen Gericht. Breivik (wie jeder SS-Mann in Polen) handelt im Namen der höheren Organisation und ihrer Führer (= die Londoner Gründungsgruppe [der Tempelritter, Anm.], die ihn ›beauftragt‹) und im Namen der in Jahrhunderten gestählten Tempelritter und ihrer Nachfolger, die ›den Islam‹ von Europa kämpfend fernhielten.« (S. 167)

41661427z.jpgTheweleit kommt zu dem Schluss, Breivik sei strukturell ein patriarchaler Islamist, genauso wie die Attentäter des IS strukturell als christlich-faschistische Tempelritter bezeichnet werden können. Und er zitiert in diesem Zusammenhang Ins Kappert »taz«, 26. Juli 2011): »›Die These vom Einzeltäter ist zu bequem. (…) Breiviks Hetze gegen die Muslime, die angeblich die christliche Kultur zersetzen, ist der Brückenkopf, der seine abseitige Ideologie mit der Mitte der europäischen Gesellschaft verbindet. Und genau für diese Verbindung trägt die europäische Öffentlichkeit Verantwortung.‹«

Weitere Schwerpunkte in seinem Buch sind u. a. dem soldatischen Körper aus psycho- analytischer bzw. neurologischer Sicht gewidmet (eine Art zeitgenössisches Update der »Männerphantasien«), der Unfähigkeit der Massenmörder zwischen tot und lebendig zu unterscheiden, oder auch das Aufgreifen von Breiviks Insektenphobie.

Im Unterschied zu »Männerphantasien« ist »Das Lachen der Täter« kein monolithischer (Doppel-)Band, sondern bleibt eine fragmentarische Sammlung kommentierter und kontextualisierter Medienberichte und Originaltexte. Trotzdem gelingt es Theweleit, ein »Psychogramm« der Mörder zu entwerfen, das den unfassbaren Irrsinn in einen fassbaren Rahmen einfügt und kontextualisiert.

Klaus Theweleit: »Das Lachen der Täter: Breivik u. a. Psychogramm der Tötungslust«
St. Pölten: Residenz Verlag 2015, 248 Seiten, EUR 22,90

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»Männliche Lust am Töten: Klaus Theweleits ›Das Lachen der Täter‹«. Artikel von Fritz Ostermayer aus skug #103 hier.

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Veranstaltungshinweis
Freitag, 27.11., ab 20h, Literaturhaus NÖ in Krems (Steiner Landstr. 3): Lesungen von und mit Klaus Theweleit und Adolf Holl, Moderation: Klaus Zeyringer. Thema: »Blut und bodenlose Gewalt – Rettung durch Spiritualität?«