Gabriel Ledoux

»La vide parfait«

Acte

Die gute alte Kunst! Was darf sie, was darf sie nicht? Darf sie zum Beispiel Tondokumente vom Jonestone Massaker (1978), von Sektenmassenselbstmord in Waco (1993) oder vom Amoklauf in Columbine (1999) verwenden, um sie in einen neuen Kontext zu verfrachten, um sie mit einem Soundtrack im weitesten Sinne zu versehen – und sie also gewissermaßen in »Kunst« umzuwandeln? Natürlich versteht sich »La vide parfait« nicht als Soundtrack, es ist ein Klangpoem, eine avant- gardistische Soundskulptur, eine Verknüpfung von Fieldrecordings, Elektroakustik, komponierter Musik und einem Hauch von Impro. In dieser Hinsicht also state of the art, zugleich trotzdem eine Reminiszenz, ein »Il canto sospeso« von Luigi Nono mit anderen Vorzeichen, anderem Fokus.

All das passiert auf »La vide parfait«, dem Debütalbum des jungen kanadischen Komponisten Gabriel Ledoux – und der ersten Veröffentlichung des Labels Acte. Im beiliegenden Booklet berichtet Ledoux davon, dass er einen Teil dieser Musik, die seine Abschlussarbeit am Conservatoire de Musique von Montréal war, vor einem Gremium präsentiert hat und ihm dafür postwendend Amoralität und »Pornophonie« unterstellt wurde. In einem seiner Stücke (allerdings nicht auf der CD enthalten) wurde er sogar beschuldigt, er hätte amerikanische Ureinwohner ein zweites Mal ermordet, da er das Ton- material ohne Einwilligung der Betroffenen verwendet habe. Dieser Einwand ist zwar harsch, aber nicht unerheblich. Er kann wohl auch für die Opfer von Jonestone, Waco oder Columbine geltend gemacht werden. Die verwendeten Samples sind zwar öffentlich zugänglich, aber erlaubt die Zugänglichkeit bereits die Rekontextualisierung? Jedenfalls verspürt Ledoux die Notwendigkeit zur Rechtfertigung, aber die Frage stellt sich: Wenn ihn sein Gewissen so sehr plagt, warum muss er ausgerechnet mit derart aufmerksamkeitsheischenden Tondokumenten arbeiten?

Das führt uns zurück zu dem schon erwähnten »Il canto sospeso«, in dem Luigi Nono die Briefe zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer vertonte, oder eigentlich wäre in diesem Kontext die Holocaust-Aufarbeitung »Ricorda cosa ti hanno fatto ad Auschwitz« noch bezeichnender. Nono selbst verwahrte sich davor, mit seiner Musik in irgendeiner Weise eine »Vertonung« des Systems Ausschwitz geliefert zu haben, es ging ihm eher um ein Angedenken, dass seiner Musik, seiner Kunst gemäß ist. Vor dem Hintergrund einer unbewältigbaren und niemals abzuschließenden Gedenkarbeit ist das einleuchtend, aber es wird bis zu einem gewissen Grad delikat, wenn in Zusammenhang mit Ledoux’ Stücken Adornos berühmtes Zitat von der barbarischen Lyrik nach Ausschwitz erwähnt wird, um dann in zwei Denkschritten von Dachau über Nina Simone zu der Feststellung zu kommen, dass diese Musik ebenso im Zeichen eines »Nie wieder« stünde. – Und um hernach zu begrüßen, dass der Komponist durch diese Konkretisierung den Weg aus seinem Elfenbeinturm gefunden habe.

Wieder darf man sich fragen, ob auf diese Weise nicht die systematische Diskriminierung und/oder Vernichtung von Menschen mit Extrembeispielen fanatischen Verhaltens gleichgestellt wird. Oder zurück gewendet auf die verwendeten Tondokumente: Geht es hier nicht viel mehr darum, dass Ledoux drei Klassiker schaudern machender Betroffenheit vor allem deswegen verwendet, um damit eine »aufrüttelnde« (wie das ein Rezensent artig etikettierte) Wirkung zu erreichen? Und um das Destillat dann als Statement gegen neoliberale Wohnzimmerbequemlichkeiten zu verstehen? Wenn es so geplant war, dann wurde hier mit dem Hammer konzipiert bzw. komponiert. Diese Nietzsche-Anspielung ist nicht einmal Zufall, denn neben Adorno zitiert Ledoux eben auch Nietzsche. Das passt perfekt zur Ambivalenz der Sache, die zugegebenermaßen eben doch zur Auseinandersetzung anregt.

In musikalischer Hinsicht ist »La vide parfait« leider nur teilweise anregend, denn wie schon erwähnt schießt Ledoux aus nahezu allen zeitgenössischen Kanonenrohren auf diese Tondokumente, das ist zwar hübsch abwechslungsreich, aber nicht unbedingt bahnbrechend oder von überzeugender Stringenz geküsst. Trotzdem, wer nach einer extremen Hörerfahrung sucht, aufgeladen mit einer Menge offener Fragen, der ist hier richtig.