La Passe: D

DREIUNDZWANZIG MAL DELTA, JENSEITS VON NIL, MISSISSIPPI, MEKONG, RHEIN …

DAZU IST NUR NOCH ZU SAGEN, DASS IM »SEPHER JESIRA« (KABBA-LA) DER BUCHSTABE »DALETH« F?R »WEISHEIT UND TORHEIT« STEHT…

Dixon, Willie – Hat in den 1950s den ma&szliggeblichen Lied-Katalog der späteren britischen Blues-(Rock-)Explosion geschrieben, Ex-Boxer (Sparring-Partner von Joe Lewis), gewinnt 1937 das »Illinois State Golden Gloves Heavyweight Championship«, später Hauptkomponist bei Chicagos Chess-Label, auf dem 1954 sein »Hoochie Coochie Man«, gesungen von Muddy Waters, erscheint. Es folgen (für Waters) »You Shook Me«, »You Need Love« (der Blueprint für »Whole Lotta Love« von Led Zeppelin, die erst gerichtlich dazu gezwungen werden mussten, Dixon als Co-Komponist auch anderer Led-Zep-Hits anzugeben), sowie »Evil«, »l Ain’t Superstitious«, »Spoonful«, »Little Red Rooster«, »Back Door Man« (alle für Howlin‘ Wolf) und schlie&szliglich die Koko Taylor-Klassiker »Wang Dang Doodle« und »Insane Asylum«. Veranstaltet schon vor seiner Chess-Zeit unter dem Titel »The Signifying Monkey« als »jungle jive battle royal« bezeichnete Word-Battles und schöpft dabei aus dem reichen afro-amerikanischen Mythenfundus des Südens. Transportiert so die ländliche Voodoo-Symbolik in Form von Sex-Magic/Liebes-zauber-& Nonsens/Hokuspokus-Sprüchen in den industriellen (also elektrogitarrenbetriebenen) Norden. Diddley, Bö – Dixons schärfster Battle-Partner. 1956 erscheint »Who Do You Love« und macht alles klar: »l walk 47 miles of barbed wire/l use a cobra-snake for a necktie/l got a brand new house on the roadside/Made from ratt-lesnake hide/l got a brand new chimney made on top/Made out of a human skull«. Er singt »Who Do« natürlich wie »Hoodoo«.

Macht bei seinem basslosen Sound (Hallo Cramps!) jedes Instrument zu einem Rhythmusvehikel, verfremdet, verdoppelt und zersplittert dabei durch extremste Effektauskostungen seine V-förmigen, zigarrenkistenförmigen und auch pelzbezogenen Eigenbau-Gitarren bis zur totalen Unkenntlichkeit. Lionel Hampton nennt Diddleys elektrifizierten Zwilling des kubanischen Clave-Rhythmus des Son einen »geheiligten Beat«. Bö hat aber noch mehr drauf – etwa unglaublich seltsame, fast honigsü&szlige Balladen, die heutzutage auch als Missing Link zwischen Exo-tica und Surf gehandelt werden.

Dodds, Baby – Lange vor Diddley Meister der »Spooky Drums«, die er bei King Oliver und Louis Armstrongs Hot Seven mit ungemein harten Schlägen erklingen lässt. Der erste Drummer, der Breaks geschlagen hat (sein Bruder Johnny spielt als »Meister der tiefen Register« Klarinette bei Armstrongs hei&szligen Fünf und hei&szligen Sieben einen Stil, der als »wild und brutal« bezeichnet wird).

Dixieland – Gängige Bezeichnung für die von den Brüdern Dodds gespielte Musik. muss sich schwer wiedererkämpft werden, weil sie das erste vom wei&szligen Mittelstand ausgesuchte Objekt einer auf Authentizität fixierten Revival-Begierde war (als parallel dazu die eigentlichen Kinder von Dixieland & Swing gerade dabei waren, Bebop zu erfinden).

Denny, Martin – Macht rhythmisches Fake-Jungle-Gerassel und spooky Vogelstimmenimitationen salonfähig. Entert 1958 mit der LP »Exotica« und der darauf befindlichen Les Baxter-Komposition »Quiet Village« die US-Charts und begründet damit ein ganzes Genre. Musik voller (analoger) Soundeffekte und hypnotischer Langsamkeit ohne die es Surf, Psychedelic, Ambient, Industria (Throbbing Gristle) und das Frühwerk von Eno bzw. den Residents wohl nicht geben würde.

meshes.jpgDeren, Maya – Macht Anfang der 1950s die allerer-en Aufnahmen von Voodoo-Zeremonien auf Haiti und veröffentlicht diese als Buch und Platte unter dem Titel »Divine Horsemen. The Voodoo Gods Of Haiti«. Wird später selber Voodoo-Priesterin. Schenkt zuvor aber der Welt u.a. den hypnotisch-surrealen Tagtraum-Film »Meshes Of Afternoon« (1948) und begründet damit zusammen mit Kenneth Anger (»Fireworks«, 1974) die US-amekanische Film-Avantgarde.

Doo Wop – Von Anger und Martin Scorsese (»Mean reets«, 1973) gerne verwendete Streetcorner-Vocal Harmony-Vorstufe zu Rock’n’Roll. Musik des reinen Begehrens und des verzehrenden Genie&szligens, in der Liebe analog zu Lacan als anamorphotischer Schock bezeichnet wird: »My love must be a kind of blind love / l can’t see anyone but you /And dear, l wonder if you find love / An optical Illusion too?« (The Flamingos: »l Only ave Eyes ForYou«, 1959)

DeNiro, Robert – Zeigt in seinem Regie-Debüt »A Bronx Talle« (1993) anhand der bisher behandelten Musiken (und entlang der Milieus »italo-amerikanisch« bzw. »afroamerikanisch«) exemplarisch, was es mit dem »Ritornelle des Heimatlichen, des Territoriums«, mit von »Klang beherrschten«, »markierten«, »abgesteckten« Gebieten auf sich hat und was passiert, wenn sich die Linien der Territorialisierung/Deterritorialisierung durchkreuzen und die höchste Kraft zur Deterritorialisierung« als fatales Ergebnis »die heftigsten, stumpfsinnigsten und redunantesten Reterritorialisierungen« rassistische Gewalt zeugt (alle Zitate: Deleuze/Guattari: 1000 Plateaus, ISO).

Deleuze, Gilles – Schreibt an selber Stelle: »Was ein Material immer reicher macht, ist das, was Heterogene zusammenhält, ohne dass sie aufhören, heterogen zu sein«. Tritt zudem 1970 beim Titel »Le Voyageur« auf der »Electronique Guerilla« der französischen Experimenal-Band Heidon als Nietzsche auf der Zunge tragender Sprechsänger in Erscheinung und produziert ansonsten toIle Sätze wie: »Die Linie ist nicht die Verbindung zwischen zwei Punkten, sondern der Punkt ist der Kreuzungspunkt mehrerer Linien«.

»Dames« – 1934 von Busby Berkeley (dem Scorsese sein DeNiro/Liza Minnelli-Semi-Musical »New York, New York« widmet) choreographierte Leinwand-Fantasie um eine »Sweet & Hot« genannte Revue. Die Kameralinse als Augenersatz/Verlängerung. Die Frau als Filmbild, als reines Zelluloid-Wesen in einer Piranesi-Welt. Das Lied dazu hei&szligt »l Only Have Eyes ForYou« (siehe Doo Wop)! Josef von Sternberg nennt so etwas ein »visuelles Aphrodisiakum«.

Dyer, Richard – Bücher zu Hollywood, Musicals, Gender und mehr. Wir lesen »Heavenly Bodies: Film Stars d Society« (1986), »Now You See It: Studies on Lesbian and Gay Film« (1990), »The Matters of Images: Essays Representation« (1993), »The Culture of Queers« (2002).

marlene.jpgDietrich, Marlene – Singt mit Margo Lion einen Klassiker »sapphischer Liebe« (»Meine beste Freundin«) und ist in jedem ihrer US-Filme unter von Sternbergs Regie mindestens einmal als Mann ge/verkleidet (»Die Frau, für die selbst Frauen schwärmen können«). Karriereeinbruch nach dem irren campen Wahnsinn von »The Scarlet Empress«. Beginn ihrer Post-von Sternberg-Karriere (»rau, laut und komisch«, Kenneth Tynan) mit »Destry Rides Again« (1939) an der Seite von James Stewart und mit Friedrich Hollaenders »The Boys in the Backroom«. Lord Beaverbrook nennt sie »ein grö&szligeres Kunstwerk als die Venus von Milo«. Nazis nennen sie »Ami-Hure«.

Divine – John Waters-lkone und eines der ersten Beispiele für den elementaren Zusammenhang von elektronischer Musik und Queerness.

Drag Kings Drag Queens – Sind nicht alle wie RuPaul, sollten im Fasching mal zur Abwechslung als ihr »biologisches Geschlecht« gehen, mehr Judith Butler lesen und bei uns (wo ja auch eine Dagmar Koller eine Schwulen-Ikone werden kann) Subversion nicht immer mit Privat-TV-Schrillness verwechseln.

De Laurentis, Teresa – Dazu lesen wir ihren »differen-ces 2:3«-Sonderband »Queer Theory. Lesbian and Gay Sexualities« (1991).

Dowd, Elwood P. – Von James Stewart dargestellte Galionsfigur aller Alkoholiker. Bestellt immer zwei Drinks – einen für sich und einen für seinen Freund – einen gro&szligen Wei&szligen Hasen namens Harvey (ein Verwandter des Puck aus Shakespears »Sommernachtstraum«, auch Alice hat er ins Wunderland geführt). In einer Folge der Simpson sehen wir Harvey als Begleiter des Alkoholikers Barney. Harveys Drohung an den gerade kurzzeitabstinenten Barney lautet: »Wenn du nicht trinkst, sterbe ich«. Barney säuft sofort weiter.

Dieterle, William – Gibt Kenneth Anger 1935 im zusammen mit Max Reinhardt inszenierten »Midsummer’s Night Dream« die Rolle des Wechselbalgs (Mickey Rooney spielt den Puck, Anger verwendet eine Szene davon 1963 in »Scorpio Rising«), der Film erhält einen Oscar für Kamera und Licht. Preisträger Hai Mohr (1927 schon bei »The Jazz Singer« dabei) fotografiert später »Destry Rides Again« (siehe Dietrich). 1948 kommt »Portrait Of Jenny« (»Rendezvous mit einer Toten«), das von David 0. Selznick geplante Follow-Up zu »Vom Winde Verweht«, in die Kinos. Bunuel liebt den Film. Jennifer Jones spielt sich als kinematografisches Bild einer Schauspielerin, die »Jenny« darstellt. Metapher eines weiblich konnotierten Kinos. Als Zuseher lernen wir die traurige Distanz von Kino und Realität, von Repräsentation und Objekt kennen, die wir verzweifelt zu überwinden suchen. Dieterles Meisterwerk.

Dreyer, Carl Theodor – »Vampyr« (1931). Alptraumhafter Gegenentwurf zu Dieterle, in dem Phantome nur den Schatten einer Leiter brauchen, um in ein Zimmer zu steigen. Meister der »falschen Anschlüsse«: »Die falschen Anschlüsse sind die nicht-lokalisierbare Relation selbst: die Figuren überspringen sie nicht mehr, sie stürzen in sie hinein« (Deleuze).

dybukk.jpg»Dybbuk« – 108 Minuten, Regie: Michal Waszywski, Polen 1937 (!)
»One of the most interesting Yiddish films ever made. It was made at the time the Nazis were going into their »Final Solution« plans and were publicly blaming the Jews for all their troubles. Sholem Anskil’s folk tale (erschienen 1919, Anm.) of a disembodied spirit who possesses the body of the woman he is about to wed ser-ves äs the theme. The supernatural and the search for the Jewish soul, makes this film a testament to the inner Jewish experience more than what most of the Yiddish films had previously done« (Dennis Schwartz). Siehe auch: Naomi Sedman: The Ghost of Queer Loves Past: Anskil’s »Dybbuk« and the Sexual Transformation of Ashkenaz (in: Boyarin, Itzkovitz, Pellegrini: Queer Theory and the Jewish Question, 2003)

»Duel in the Sun« – USA 1946 (Regie: King Vidor plus u.a. Josef von Sternberg, William Dieterle). Die erste gro&szlige Westernmusik des russischen Komponisten Dimitri Tiomkin (1947 arbeitet er unter der Regie von Frank Capra am James Stewart-X-Mas-Klassiker »It’s a Wonder-ful Life«), der wie Selznick und Jennifer Jones auch schon bei »Portrait Of Jenny« mit dabei war. Episches, grell-gelbrotes Technicolor-Melodram um das Film-Noir-Thema der tödlichen Leidenschaft in glühender Western-Land-schaft. Gregory Peck und Frau Jones erschie&szligen sich am Schluss aus Liebe gegenseitig. Hat Scorsese als Kind gesehen – was nicht ohne Folgen blieb.

»Detour« – Beinahe unerträglicher Film-Noir-Klassiker von Edgar G. Ulmer (»The Black Cat«, 1934) über die Gesetzmä&szligigkeiten immer tödlicher werdender Spiralen des Zufalls. Ein regennasser Alptraum voller blöder Unfälle, gefährlicher Zufälle, falscher Identitäten, gestohlener Autos und geheimnisvoller Anhalterinnen (Frau Fatal!). Immer will man schreien »Nein! Tu es nicht!«. Aber es ist zwecklos. Düster, besessen, erbarmungslos.

Diskurs – »Das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen.« (Lacan 1953, siehe aber auch u.a. Denny, Deren, Doo Wop, Deleuze, »Domes«, Dyer, Dietrich, Divine, Drag Kings/Drag Queens, De Laurentis, Dowd, Dieterle, Dreyer, »Dybukk«, »Duel in the Sun«, »Detour«, Disco).

Disco – »Aus dem Dunkel heraus schwimmen Lichtfiguren, sie blinken und drehen sich spiralig und wiederholen sich endlos in den Spiegelwänden. Räder farbiger Lichter sprühen Farben in den Raum, und tausend Facetten wirbelnder Spiegelkugeln brechen die Lichtstrahlen und tauchen die Tänzer in ganze Galaxien von Sternen.« (Kitty Hanson: »Disco-Fieber«, 1978).

Da gehen wir jetzt hin …