Kursbuch der Illusionen

Henning Marmulla auf den Spuren der deutschen Linken, Hans Magnus Enzensberger und seiner Zeitschrift »Kursbuch«.

Hans Magnus Enzensberger und das »Kursbuch« – diese Verbindung war seit Mitte der 1960er-Jahre für alle, die sich der Linken zugehörig fühlten, geradezu Kult. Henning Marmulla legt nun eine Publikation dazu vor, die auf theoretischer Ebene Pierre Bourdieu verbunden ist und – das sei bereits vorweggenommen – der singulären Bedeutung von Zeitschrift und »Narziss« Enzensberger gerecht wird. Versteht der Autor es doch, auch einer »nachfolgenden« Generation zu vermitteln, was diese mittlerweile so ferne Zeit thematisch mit ihren von Utopien und harschen Visionen geschwängerten Artikeln im »Kursbuch« zu bedeuten hatten. Marmulla vergisst weder die Genese Enzensbergers noch eine zeitgeschichtliche Einordnung, ohne die sein Untersuchungsgegenstand farblos bleiben würde, anschaulich zu vermitteln. Reichliche Primär- und Sekundärquellen standen ihm zur Verfügung, ein umfangreicher Anmerkungsapparat lädt zur Benützung ein und ermöglicht eine informierte Beurteilung. So werden auch das redaktionelle ??Innenleben?? der Zeitschrift, die redaktionellen Diskurse, einzelne Macht- oder Sachentscheidungen nachvollziehbar, ebenso die thematischen Engführungen aufgrund von bewussten Positionierungen ??gegen?? oder ??für?? etwas – seien es die Themenblöcke Frauenbewegung, »Dritte Welt«, Medientheorie, Literatur, Kampf gegen den »US-Imperialismus« oder gar die Weltrevolution.

Der Untersuchungszeitraum – von 1965 bis 1970, die so genannten »Suhrkamp-Jahre« – bietet die Chance, die 68er-Bewegung mit Hilfe eines ihrer wichtigsten theoretischen Organe zu debattieren und damit die Intellektuellen- und Studentenrevolte und ihre Standpunkte indirekt einer Analyse zu unterziehen. Der Schriftsteller Enzensberger, eine dominierende intellektuelle Persönlichkeit nicht nur von 68, sondern des deutschsprachigen Diskurses überhaupt, steht daher zu Recht im Zentrum der Untersuchung, wenngleich der Eindruck überwiegt, dass sich Marmulla ihm nur äu&szligerst behutsam nähert, mit vielleicht einer Spur zu viel an Respekt. Friedrich Christian Delius, damals ebenfalls Kursbuch«-Autor, brachte es anlässlich der Ausstellungseröffnung von »Gedanken beim Wiederlesen des legendären Kursbuch 15« auf den Punkt: »Keine politische Bewegung ist so auf ihre eigenen Mythen und Klischees hereingefallen wie die 1968er.«

Henning Marmulla: »Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68«, Berlin: Matthes & Seitz 2011, 384 Seiten, EUR 29,90

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