Cremant Ding Dong © Cremant Ding Dong

Küchenkonzerte gegen die Krise

Cremant Ding Dong aus Berlin Kreuzberg haben sich in Corona-Zeiten als WG-Band formiert und bescheren uns den Soundtrack zur neuen Normalität. skug traf Franky Fuzz, Gwendolin Tägert und Endai Hüdl zum virtuellen Interview.

»Wir sehen uns später« sang die Kreuzberger Lo-Fi-Band Cremant Ding Dong zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 und traf damit offensichtlich die Gefühlswelt vieler Popmusikhörer*innen. Der Song wurde zu einem kleinen Hit auf YouTube. Im November kam dann »Testergebnis liegt noch nicht vor«. Der Song handelt von jenen inzwischen fernen Zeiten, als ein Corona-Testergebnis noch im Labor ermittelt wurde und mehrere Tage auf sich warten ließ. Im März 2021 kam passend zur Impfkampagne das »Impfangebot«: »Seit mein Baby geimpft ist/steht sie nur noch auf Geimpfte«, heißt es da. Aber zum Corona-Zyklus der 2019 gegründeten Band gehören auch die Songs »Böllerverbot« und »Ich geh nie wieder spazieren«. Minipolitpop auf höchstem Niveau. Wesentlich zum Erfolg beigetragen haben mit Sicherheit die Videos. Da sitzen die drei in ihrer typischen Kreuzberger WG-Küche und spielen auf merkwürdigen Instrumenten live ihre Songs. Und mit dabei ist immer die WG-Katze.

skug: Stellt doch mal eure Band vor, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben! Und was sind das eigentlich für merkwürdige Instrumente, die ihr da spielt?
Endai Hüdl: Wir sind zu dritt und heißen Franky Fuzz, Gwendolin Tägert und Endai Hüdl. Gwendolin spielt das Pocket Piano. Das ist ein kleines Keyboard mit Holzknöpfen und kommt aus Brooklyn, New York. Man muss es vor dem Spielen auf die richtige Tonhöhe stimmen, was manchmal nicht ganz einfach ist, aber Gwendolin spielt damit meisterhafte Melodien. Ich spiele den 101, einen alten Synthesizer aus Japan, und programmiere gleichzeitig eine superkleine Drum Machine aus Schweden, die so aussieht wie ein Taschenrechner.  Und Franky spielt die Gitarre durch ein billiges Effektpedal aus China.

Die Katze in den Videos, ist das eure?
Gwendolin Tägert: Die Katze heißt Eva, sie ist Russin und kommt aus Moskau. Sie wohnt mit mir und Endai zusammen und hat nur noch einen Zahn, dafür umso mehr Musikgeschmack. Sie ist unser größter Fan und beinahe schon Bandmitglied. Ohne Sie würde es unsere Videos höchstwahrscheinlich gar nicht geben. Immer, wenn wir loslegen, ist sie da und will dabei sein, gerne auch im Mittelpunkt des Geschehens. Sie ist eigentlich unsere Frontfrau … oder Frontkatze?

Seid ihr wirklich eine WG? In Berlin? In Kreuzberg? Beschweren sich da nicht die Nachbarn?
Franky Fuzz: Die Küche ist in Berlin-Kreuzberg. Und die Nachbarn beschweren sich nicht, oder?
GT: Nee, unsere Nachbarn sind cool, die sind Fans von uns und freuen sich, wenn es neue Songs gibt.
EH: Wir sind erstaunlich diszipliniert bei der Aufnahme. Wenn wir zu laut sind, kann man den Gesang nicht mehr so gut über die Mikros aufnehmen. Ich bin so ne Art Aufnahmeleiter und muss immer checken, ob alles passt – pegeln und sowas.

Seid ihr »echte« Berliner oder am Ende Schwaben?
FF: Wat issn dit für ne Frage?
GT: Dit kann ja nur von nem Nich-Berlina komm.
EH: (wundert sich über die Frage, kommt aber aus Bayern)

 Seid ihr Berufsmusiker? Oder, wie meine Eltern gesagt hätten, habt ihr noch einen »richtigen« Beruf?
EH: Wir haben alle Jobs, die deine Eltern als »richtige« bezeichnen würden. Ich bin Synthesizer-Fachverkäufer bei JustMusic Berlin.
GT: Ich habe einen Etsy-Shop, in dem ich softmachines verkaufe. Das sind selbstgemachte Kissen in Form von analogen Synthesizern. Außerdem arbeite ich noch in einem Laden.
FF: Ich bin Erzieher und mache auch Lieder mit den Kindern.

Wie habt ihr euch gefunden?
GT: Wir kennen uns schon ewig und mussten uns zum Glück gar nicht mehr finden. Eigentlich wollten wir auch schon seit Jahren zusammen Musik machen.
FF: Und dann standen wir vor eineinhalb Jahren zusammen auf dem Marheineke Flohmarkt und hatten alle nichts vor und fanden: Jetzt geht’s los.
EH: Wir sind dann zu uns und ich hab’ hier in der Küche ein paar Instrumente aufgebaut. Die Wohnung ist eh voll mit Instrumenten.
FF: Und damit hat Endai eigentlich unseren Sound erfunden.

Habt ihr vorher schon Musik gemacht? Welche Richtung und mit wem?
GT: Eigentlich sind wir alle drei schon seit langem in der Berliner Musikszene unterwegs und haben schon in vielen Formationen gespielt, beispielsweise Mondo Fumatore, Jens Friebe, Halfgirl, Transistors of Mercy, Bodo Wartke, Fuzzy Casino. Allerdings ist Cremant Ding Dong unser erstes gemeinsames Projekt. Dafür, dass wir alle drei Musiker sind und seit mehr als 10 Jahren befreundet, wundern wir uns, warum wir das nicht schon eher probiert haben.
EH: Ich denke, wir hatten alle Lust auf was Neues und jeder für sich hat sich mit Cremant Ding Dong ein Stück aus seiner Comfort-Zone herausbewegt und das hört man der Musik auch an. Franky kommt eher aus der Singer-Songwriter-Ecke und hat für seinen Solo-Act auf Deutsch Lieder geschrieben. Für Gwendolin und mich war das ungewohnt, weil wir bisher hauptsächlich nur englischsprachigen Indierock gemacht haben. Dazu kommt, dass Gwendolin eigentlich Bassistin ist und mein Instrumentarium den Sound weit in Richtung Synth-Pop gehen lässt.
GT: Wir drei hatten auch mal eine Cover-Band gegründet. Da wollten wir 2009 auf einer Silvesterparty in der Kollage spielen. Haben wir dann aber doch nicht. Aber es gab mindestens zwei Bandproben. Und schon damals: nicht im Proberaum, sondern im Wohnzimmer.

Woher kommt der Name Cremant Ding Dong?
GT: Ein sehr komischer und schwer zu beschreibender Moment hat uns zu dem Namen inspiriert. Es ging um die Vorfreude und das Singen eines kleinen Lobliedes auf eine zu einer Geburtstagsparty mitgebrachten Flasche Cremant, die genau beim »Ding Dong« der Türklingel auf dem Asphalt des Bürgersteigs zerschellte. Cremant Ding Dong gibt’s seit Oktober 2019.

Ich muss das fragen: Habt ihr Vorbilder für das, was ihr macht? Wir würdet ihr die Musik nennen, die ihr macht?
EH: Wir haben eigentlich keine Vorbilder und wollen das auch bewusst in keine bestimmte Richtung gehen lassen. Durch die Synthies und die Drum Machine bekommt der Sound ein poppiges Gewand, aber es bleibt alles sehr roh und direkt durch die Liveaufnahme. Gwendolin und ich mochten schon immer gern Musik, die nach Lo-Fi klingt, wir lieben Bands wie The Go Team, Stereo Total oder Guided by Voices. Also von mir aus kannst du es gern Lo-Fi Pop nennen.
GT: Mein Vorbild für Cremant Ding Dong ist Endai. Er verfolgt die Strategie, alles schnell zu machen, dem ersten Impuls zu folgen und nicht so lange drüber zu grübeln. Das musste ich erst lernen. Finde es aber jetzt sehr befreiend, dass nicht alles perfekt sein muss. Es geht bei uns jetzt eher um den Spaß am zusammen Musizieren als um den perfekt klingenden Popsong.
FF: Lo-Fi Pop … finde ich gut. Und lustige Sounds mag ich seit Ween sowieso.

Wie schreibt ihr eure Songs? Gibt es da bei euch den Kreativen? Oder alle zusammen? Woher kommen die Ideen?
GT: Wir machen immer alles zusammen. Obwohl: Endai verkabelt immer alles. Zum Glück. Dann überlegen wir uns zusammen ein Thema, über das wir singen wollen. Im besten Fall haben wir dann eine gute Zeile und damit fangen wir an. Dann Beats, Bassline usw. Die Songs entstehen immer durch eine Art Jam über ein bis zwei Sätze. Dazu trinken wir Weißweinschorle.
FF:  Musik in einer Band war für mich bislang immer: Einer schreibt einen Song und die anderen versuchen das dann zu spielen. Hier macht es mir viel mehr Spaß, weil wir wirklich alles gemeinsam machen.

Es gibt euch auf Bandcamp und Spotify. Gibt’s ein Album und ich habe es nicht gefunden? Wenn es keines gibt: Wird es eines geben?
GT:  Wenn man alle auf Bandcamp veröffentlichten Songs hintereinander hört, ist es ja wie ein Album, oder?
FF: Wir arbeiten gerade an einem Fotoalbum.
EH: Und danach kommt die Käseplatte. By the way, das wäre ein ganz guter Albumtitel. 

Ihr habt diese göttlichen Corona-Songs gemacht. Steckt da ein Konzept drin? Woher kamen die Ideen? Oder war »Wir sehen uns später« ein Erfolg und da habt ihr gedacht: So, jetzt machen wir noch ein paar Corona-Lieder?
FF: Bei »Wir sehn uns später« haben wir ziemlich spontan versucht, einen aktuellen Moment einzufangen. Die Vorgehensweise, mit einem Lied fast in Echtzeit einen Kommentar abzugeben, hat uns dabei gut gefallen. Das hat uns motiviert, damit weiterzumachen … und die drängenden Themen blieben ja nun doch länger als gedacht eng mit Corona verbunden.

Eure Corona-Songs kommen ja immer so positiv rüber, wie geht es euch mit eurer Kunst zu Corona-Zeiten? Wie geht es den Orten, an denen ihr sonst auftretet? Seid ihr seit März 2020 überhaupt mal aufgetreten?
GT: Nee, seit März 2020 sind wir nicht aufgetreten. Ich vermisse Konzerte. Allerdings hatten wir mit Cremant Ding Dong eh erst einen Live-Auftritt.

Angenommen das alles, Corona, geht irgendwann mal vorbei, wie geht es mit euch dann weiter?
GT: Mit uns geht es immer so weiter. Es ist ja nicht so, dass Cremant Ding Dong nur in der Corona-Zeit funktioniert. Wir haben vorher ja auch schon ganz viele Songs geschrieben, die ganz andere Themen haben. Nur die Videos in der Küche haben wir damals noch nicht gemacht. Hoffentlich werden wir hier und da live spielen können, wenn das wieder geht. Aber die Küchenvideos machen wir bestimmt auch weiter, sonst ist Eva traurig.
FF: Tagesaktuelle Songs zu machen und direkt zu veröffentlichen, kann ich mir auch weiterhin gut vorstellen. Das geht ja auch zu anderen Themen.

Link: https://cremantdingdong.bandcamp.com/