Yasmo & die Klangkantine © Kidizin Sane

Karat und Lösungen fürs Prekariat parat

Die Wiener Rapperin & Poetry-Slammerin Yasmin Hafedh aka Yasmo hat mit ihrer Band Klangkantine am 1. März 2019 ihr zweites Album vorgelegt: »Prekariat und Karat« präsentiert sich fokussierter, ausgefeilter und kompakter denn je und droht nicht, in der Masse an HipHop-Veröffentlichungen unterzugehen.

Es ist ein guter Monat für die stets umtriebige Yasmo & die Klangkantine. Am 1. März erschien ihr zweites Album »Prekariat und Karat«, seitdem gibt die Band Konzerte in ganz Österreich und zwei Abende im Porgy & Bess in Wien sind ausverkauft. Inmitten all dieses Trubels treffen wir Frontfrau Yasmin Hafedh und die beiden Hauptkomponisten der Platte, Bassist Tobias Vedovelli sowie Gitarrist Ralph Mothwurf, auf ein entschleunigtes Soda-Zitron in einem Café in der Wiener Innenstadt. Es ist der 25. März und am Abend steht das erste der besagten Porgy-Konzerte bevor. Bis es zu diesem Punkt kommen konnte, waren immerhin drei Live-Programme und zwei Alben von Yasmo & die Klangkantine nötig. Auf »Prekariat und Karat« handelt es sich, ganz im Gegensatz zum selbstbetitelten Debüt, nicht um eine Rapperin, die von einer Band begleitet wird. Nein, vielmehr sind die (auf der Bühne immerhin neun!) Musiker*innen zu einer Einheit zusammengewachsen, die die Grenzen zwischen Wort und Musik zugunsten des gemeinsamen Aufschreis verwischt.

»Beim ersten Album haben wir unseren Sound ja noch gesucht.«, sagt Yasmo. »Das war noch ein Potpourri, es waren Neuarrangements von meinen alten Nummern durch die beiden Jungs. Wir befanden uns sehr in dem ›Wir sind neun Leute, es müssen also immer neun Leute spielen‹-Denken.« Die Realisation, fügt Tobias Vedovelli hinzu, dass mit zu großen Bläser-Gestiken Text und Gesang schnell erschlagen werden können, hat auch ihre Zeit gebraucht. Wachsendes Vertrauen ineinander und einige gemeinsam isoliert am Land verbrachte Wochen führten aber schlussendlich auf Album Nummer 2 zu einem viel differenzierteren, eigenerem und offenerem Klangbild. Ein Sound, der repräsentativ ist für eine große Formation, die ihr gesamtes Potenzial zu nutzen weiß.

Yasmo & die Klangkantine © Kidizin Sane

Hör mir zu!
Zuhören, rufen, gehört werden, rebellieren, sich versöhnen. Das sind zentrale Themen und Emotionen, die im Laufe von »Prekariat und Karat« immer wiederkehren. Mehrere Yasmos drücken verschiedene Stimmungen aus, die durch besagte fein abgestimmte Arrangements verstärkt werden. Zu Beginn ist die Stimmung ebenso rau wie pompös. Für den epischen Opener »Aura« wurden keine Kosten und Mühen gescheut, ein New Yorker Chor zieht alle Aufmerksamkeit gegen Ende auf sich. Gleich darauf folgt die Aufforderung zur offenen Kommunikation, zum Gespräch, zum Streit. Weg mit der Gleichgültigkeit, mach, mach, mach und gib mir das! Erst bei Track Nummer 5 kommt erstmals Yasmos ganz intime und ruhige Seite in Form einer simplen, herrlich kitschigen Liebeserklärung zum Vorschein. Ein Saxophonsolo, das in einer Paul-Simon- oder Supertramp-Nummer nicht fehl am Platz wäre, reißt auch das letzte bisschen Fassade endgültig nieder. »Fresh Water Pearl« schlägt ähnliche Pfade ein, immer noch in der entspannten, tieferen Stimmlage der Rapperin. Umgarnt wird sie von einer verträumten Klarinette und Ozean-Samples, das Ganze wirkt wie eine kleine Verschnaufpause. Die ist dringend notwendig, denn dann wird’s wieder eckig. Ein glitschiger Reporter (schmerzhaft glaubwürdig in Szene gesetzt von Christoph Grissemann) stellt Fragen, die Yasmo und wohl jede andere Künstlerin, am liebsten nie wieder hören würde. »Ja, wenn mich etwas wirklich stört, schreibe ich darüber, dann hört das auf. Das hat bisher noch immer geklappt«, analysiert sie. »Kein Platz für Zweifel« mag einst Yasmos Motto gewesen sein, wurde aber zugunsten schonungsloser Ehrlichkeit auf dieser Platte ad acta gelegt: Track Nummer 8, »Gut genug«, lässt auch einmal richtungsloses Taumeln einer sonst immer starken Person zu.

Yasmo verschafft sich trotz allem immer Gehör und lenkt die Aufmerksamkeit auf leider für viele Frauen alltägliche Probleme wie Catcalling und physische Aufdringlichkeit sowie das allgemeine Erstarken des Patriarchats in unserer eigentlich modernen Zeit. Ob die Verschärfung der politischen Lage im Land zur Dringlichkeit dieses Albums beigetragen hat? »Thematisch gibt es den Trend, der uns beeinflusst, ja schon seit einigen Jahren. Wir haben auf der ersten Platte auch schon gegen den Rechtsruck gerappt, aber es hat nichts gebracht. Also versuchen wir es jetzt wieder«, sagt Yasmo lachend. Die Konsequenz der veränderten politischen Landschaft im Land spürt die Band bei den Konzerten auf positive Art und Weise, meint Ralph Mothwurf. »Seit der neuen Regierung kommen immer mehr Leute nach den Konzerten zur Yasmo und sagen ihr ganz direkt, dass sie eine so wichtige Stimme ist«.

Yasmo & die Klanglawine
Fast Forward, einige Stunden später: Das Porgy & Bess ist sitzplatzentleert, rappelvoll und sehr heiß. Die ganze Location liegt in einem leichten Nebelmaschinennebel, gespannt wartet ein für Porgy-Verhältnisse überdurchschnittlich junges Publikum auf die Band. Und als Yasmo und ihre Mitmusiker*innen mit einem rausgerotzten »Das Patriarchat ist eine Bitch!« die Bühne betreten, wird klar, dass eine gnadenlose Tour de Force bevorsteht. Das Konzert fühlt sich tatsächlich wie eine Release-Party an, denn alle feiern mit. Vom entspannten Kopfnicken (davon aber so viel, dass am nächsten Morgen schon mal das Genick schmerzen kann) bis zu ekstatischen Schreien ob der höchst versatilen Instrumentalsoli, denen im Laufe des Konzerts viel Raum gegeben wird. Es gibt ein langes, instrumentales Medley, in dem sich die Klangkantine innerhalb weniger Minuten in ihrer gesamten Bandbreite präsentieren. Darauf folgt ein allein von Yasmo vorgetragener Text, der nicht minder begeistert aufgenommen wird. Dazwischen immer wieder mal kollektive »1000 Liebe«-Ausrufe und einer der Höhepunkt des Konzertes beginnt mit einer güterzugartigen Auto-Tune-Attacke: Der »Popsong«, die derzeitige Radiosingle von »Prekariat und Karat«, versteht sich als Protest gegen die Gleichgültigkeit in der Popmusik in Zeiten von Cloud-Rappern wie Yung Hurn. Protest geht aber auch durch Bejahung, findet Yasmo, und somit wäre es unzureichend, den »Popsong« nur als Persiflage auf Popsongs zu betrachten. Die Rapperin sieht sich als Kind der Popkultur der 1990er und ist großer Beyoncé-Fan, sauer stößt ihr mehr die Gleichgültigkeit der breiten, konsumierenden Masse auf als die Chartspitzenmusik selbst.

»Persiflage«, »Protest«, »Pop«: All dies sind so schwere Worte, die mit ihren Bedeutungen an diesem Konzertabend im Porgy & Bess zwar präsent sind, aber im Endeffekt durch das gemeinsame Streben von Band und Publikum nach einem glücklichen Miteinander an Wichtigkeit verlieren. Ein bisschen Preaching à la Gospel rundet die ganze Sache schlussendlich zu einem wundervollen Gesamterlebnis ab. Trotz all der Live-Gewalt der Klangkantine verliert die CD-Aufnahme auch im direkten Vergleich zum Konzert aber nicht an Funkiness, Kantigkeit und emotionaler Direktheit. Sie werden uns in Erinnerung bleiben, denn Yasmo & die Klangkantine sind da und sie sind laut. Hört ihnen zu!

Yasmo & die Klangkantine: »Prekariat und Karat« (Ink Music)

Link: http://www.yasmo-klangkantine.com/