Israel neu und alt

Die Autorin Sylke Tempel hat jahrelang als Korrespondentin aus Israel berichtet. In ihrem nun vorliegenden Reisebuch gibt sie spannende Einblick in die seit 60 Jahren bestehende israelische Gesellschaft.

Sylke Tempel ist eine Wissende: Acht Jahre lang hat sie für deutschsprachige Medien aus Israel berichtet. Ihr Reisebuch "Reise durch ein neues altes Land" beschäftigt sich natürlich auch mit den politischen Gegebenheiten der Region – diese auszuklammern wäre in einem Buch über Israel vermutlich gar nicht möglich und schlicht Realitätsverweigerung. Doch sie beschreibt Israel abseits der Fernsehrealität von palästinensischen Selbstmordattentätern und radikalen jüdischen Siedlern.
Tempel hat sich über die Jahre eine der wichtigsten journalistischen Grundtugenden erhalten: Neugier. So schreibt sie, dass sie viele ihrer im Buch dargestellten GesprächspartnerInnen zufällig getroffen hat. Auf Märkten in Jerusalem, in Restaurants in Tel Aviv, an einer Straßenkreuzung irgendwo zwischen Hebron und Jerusalem. Sie erzählt von alteuropäischen Auswanderer, doch die werden immer weniger. Israel ist seit seiner Gründung ein Einwanderungsland, früher insbesondere für Juden aus aller Welt, heute kommen auch Nicht-Gläubige Einwanderer ins Land: Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind rund 400.000 OsteuropäerInnen hierher gekommen, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion.

Einwanderungsland und High-Tech

Sie sind Teil jener neuen Generation Israels, die sich nicht um politische und religiöse Konflikte kümmern will, sondern einfach ein gutes Leben führen will. Fuhren in den 1980er-Jahren noch hauptsächlich Autos der Marke Polski Fiat durch die Straßen, sieht man heute alle westlichen Marken. Israel ist inzwischen zu einem High-Tech-Land geworden, das sich stark entwickelt hat und gleichzeitig über eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt verfügt.
Tempel beschreibt bewusst auch diese sich wandelnde Seite Israels – von ehemaligen Soldaten, die eine Friedens-NGO gründen; von der Leichtlebigkeit Tel Avivs und der Enge Jerusalems – und von der Bedrücktheit des Lebens in den besetzten Gebieten. Sie beschreibt die Arbeit der israelischen SoldatInnen, die in den Palästinenser-Gebieten auf der Suche nach Selbstmordattentätern auch mal mitten in der Nacht in Häuser eindringen und neben geschockten Kindern junge Männern verhaften. Im Anhang hat die Autorin eine Zeittafel integriert, die die historischen Zusammenhänge noch einmal klar machen. Ein lesenswertes Buch – das im Jahr 60 des Bestehens von Israel interessante Einblicke gibt: In ein neues altes Land.

Sylke Tempel: Israel. Reise durch ein neues altes Land. 254 Seiten (rowohlt: Berlin: 2008), €19,90

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