Indian Chill Out Grooves

Verschwindien in Indien mal anders. »Indian Massala Mix, Vol.1« bringt Hindi/Tamil Filmsongs, mit sicherer Hand und spitzen Ohren vom DJ und Clubveranstalter Hans Kulisch und dem Musiker Stani Vana (JBM).

Was eigentlich schon längst fällig war. Immerhin verlegt Kulisch seit 1984 indische Pop/Dance-Musik jenseits naheliegender Erwartungsmuster und eröffnete 1993 den ersten Bhangra Club in Wien. Den eigentlichen Impuls für die Remixe gab jedoch Vana, nach einem Besuch von Kulisch’s monatlichem Weltmusik-Club »Soft Planet Cafe« im Wiener Flex. Der Rest ergab sich dann sozusagen von selbst.

»Ausschlaggebend war eigentlich der „Oh Carol“-Track, dessen Refrain Stani sogar nach Monaten noch immer intus hatte. Obwohl diese Nummer mit ihrem Losgeh-Charakter eher untypisch für den Sampler ist. Aber Stani wollte sie unbedingt remixen. Danach hab ich ihm immer mehr Sachen vorgespielt und wir begannen das Material zu zweit zu bearbeiten

Überraschenderweise bringt diese Material eher wenig bis gar keine typisch traditionellen Sachen (die bekannten großen Streicherorchester müssen vergeblich gesucht werden). Dafür verhältnismäßig viel Pop („Dalapatti“ oder das tolle, schon erwähnte, »Oh Carol«-Cover) ohne dick aufgetragene Exotenschmähs.

»Pop ist prinzipiell nur »Oh Carol««, so Kulisch. »Das ist schon im Original Indi-Pop. »Dalapatti« ist von einem tamilischer Filmsoundtrack. Den Film habe ich zufällig auch einmal in Penang gesehen. Das Tape erhielt ich dann von den Cameron Highlands. Die tamilischen Filmsongs sind überhaupt viel traditioneller indisch und gut zu verwenden. Die sind schon als Originalsongs grandios. Aber wenn du da zu graben und zu forschen anfängst wird das recht schnell uferlos. Von der Coldcut-CD-Rom wissen wir ja, dass Lata Mangeshkar im Guiness Book Of Records als meistaufgenommene Sängerin aller Zeiten gilt. Diese Frau hat ca. 10000 Songs aufgenommen! Und es gibt immer noch aktuelle Filme bei denen sie mit ein bis zwei Songs vertreten ist. Coldcut haben das geschnallt aber sonst nicht viele

Wobei Kulisch die Remixarbeiten aber auch als »Statement von uns gegenüber der ganzen gehypten Downbeat Szene« verstanden haben will. Ein nicht gerade unambitioniertes Unterfangen, dass den Sampler beim ersten flüchtigen durch- und drüberhören keineswegs gleich ins Herz schließen lässt. Dann aber erweist sich der Verzicht auf Bhangra und ähnlich naheliegendem Drum’n’Bass-Gebumse als eigentliche Qualität des Samplers. Macht die Chill Out-Aspekte der einzelnen Tracks zu sozusagen niederschwelligen Einladungen zum große Ohren kriegen.

»Wir haben bewusst auf Bhangra verzichtet. Das ist eher eine englische Sache. Das wollten wir nicht nachmachen. Uns haben eher die Hindi-Filmsongs fasziniert. Bhangra ist ein eigener Rhythmus aus dem Punjab und das machen die dort bzw. in England Jungs eh schon gut genug. Irgendwann werden wir sicher auch Bhangra bearbeiten. Aber so leicht ist das ja auch wieder nicht und wir wollen ja keinen Scheiß bringen. Der Downtempo-Bereich war da schon mehr Herausforderung. Da gibt es soviel Langweilerscheiß, dem wir unbedingt kontern wollte. Mich ödet das schon so an, dass ich schon fast keinen Hass mehr auf diesen Blödsinn habe. In jedem Club hörst du nur mehr dieses Gedudel. The Return of Acid Jazz in neuem Gewand. Da ist uns Schweine-Disco oder Peaches und Gonzales immer lieber

Stichwort »Schweine-Disco«. Die wird doch auch in den mehr als 500 Filmen, die jährlich in Indien produziert werden immer wieder aufgesucht und mit cheesy Sounds ausstaffiert (Synthie-Streicher/Flöten, glasklare Digital-Pianos, Sachen, die als »Trance«/»Goa« missverstanden werden könnten). Schon, meint Kulisch dazu, aber das mit den cheesy Sounds sei eher auf Missverständnisse in unseren westlichen Hörgewohnheiten zurückzuführen.

»Die Musikalität indischen Soundtracks ist bei allem Cheese, der ihnen immer wieder vorgeworfen wird den westlichen Gegenstücken trotzdem haushoch überlegen. Wir haben Songs aus denen könnten »Westler« eine ganze LP machen, weil da soviel Ideen drinnen sind. Das hat auch Stani als Musiker fasziniert. Ist ja auch klar. Denn bei aller westlichen Orientierung schöpft die indischen Musiker immerhin aus einer fast jahrtausendalten Musiktradition. Das interessiert z.B. die Asian Underground-Inder aus London eher wenig. Die wollen als westliche Musiker akzeptiert werden. Was man einem Talvin Singh auch nicht verdenken kann. Insofern war für uns weder Ethno-Trip Hop oder sonstwas ausschlaggebend. Viele verwechseln das auch mit dem ganzen Goa-Blödsinn. Wobei dort ja reiner Psy-Trance bzw. Goa-Trance gespielt wird, der mit indischer Musik überhaupt nichts zu tun hat

Zudem müsse auch gesagt werden, dass es ein eklatantes Missverhältnis zwischen Quantität und Qualität auf dem indischen Filmmusik-Sektor gibt. Aber auch das mit dem kulturellen Import/Export ist im Falle von Indien keine reine Einbahnstrasse.

»Diese Musik ist schon immer gebrochen, weil sich die ganze Bollywood-Industrie sehr am Westen orientiert. Die Schauspieler treten alle in HipHop-Klamotten auf und sind auf hip gestylt. Meist sind sie dabei kurz ein Jahr oder so zurück. Das gilt natürlich auch für die Soundtracks. Da ist fast jeder Dance-Song beinahe ein House- oder Techno-Track. In letzter Zeit ist auch Punjabi Dance, ein ziemlich schneller Bhangra-Rhythmus, sehr populär. Remixe von Indern aus Indien selbst sind eher sosolala. Es gibt jetzt viele Techno-Tracks, die so klingen wie bei uns vor vier bis fünf Jahren. Aber auch hier gibt es Unterschiede. A.R. Rahman macht z.B. bessere Soundtracks als andere. Auch weil die Verwestlichung der Soundtracks vielen Indern langsam aber sicher auf den Wecker geht. Mittlerweile gibt es aber in Bombay und Bangalore große Discozentren. Aber bei einer Milliarde Einwohner kann man sich schon vorstellen, dass es zumindest 250 Millionen Leute gibt, die CDs kaufen können. Und das ist schon mal fast die Population der USA. Spannender wird es aber, wenn die Inder aus den USA und Canada an die Filme herangehen. Hier passiert dann ähnliches wie in England. DJ Harry aus New York, der bei meiner ersten Party aufgelegt hat kennt sich natürlich auch bei HipHop und New York-House aus. Das hört man auch bei seinen Remixen. Selbiges gilt für Sanj aus Vancouver und Zak aus Toronto. Der New Yorker DSNY hat auch viel Ragga-Einflüsse. Die Jungs respektieren ihre Kultur natürlich, leben aber in den USA und legen dementsprechend House, Drum’n’Bass, Rhythm & Blues und Bhangra bei jeder Party querdurch auf. Gut, seit letztem Jahr gibt es auch eine Trance-Bewegung in der indischen US-Szene. Das ist für sie völlig legitim. Für uns natürlich so grauslich, das man sie hier bei uns schon extra darauf hinweisen muss. Weil im Flex geht so was einfach nicht. Dafür haben sie aber auch keinen Genierer bei ihren Platten, die alle illegal sind, Hits von Michael Jackson, Ricky Martin bis HipHop und Ragga zu covern und mit indischen Filmhits zu vermischen. Tatsächlich sind wir die ersten weltweit, die als Nichtinder originale Filmsongs remixt haben. Dass niemand vorher auf die Idee gekommen ist, spricht halt für die weltweite Ignoranz dieser Musik gegenüber
So wild (Also mit Ricky Martin, für den übrigens große Media Märkte auch schon mal das Dean Martin-Fach komplett entsorgen!) geht es bei Kulisch & Vana zwar nicht zu, dafür eröffnen sie Chill Out-Regionen jenseits von lascher Weichbirnenhaftigkeit und angejazzter Fadesse.

»Indian Massala Mix, Vol. 1« (Eccho.Chamber) ist Ende letzten Jahres erschienen. Empfohlen sei in diesem Zusammenhang auch die Mühe, sich den einen oder anderen indischen Film selber einmal zu organisieren (etwa als Leih-Video) und vor Augen zu führen. Ich sage nur: Diese Farben! Diese Choreographien!! Diese Schnauzbärte!!! Diese minutenlangen Liebesduette im Dauerregen!!!!