Martin Witzmann © Bertram Könighofer 2012

Ich bin ein lebender Müllfresser

Der Sänger, Musiker, Texter und quasi Universalkünstler Martin Witzmann ist im Alter von nur 42 Jahren gestorben.

Martin Witzmann war kein karrieristischer Charakter, das erschließt sich schon beim Lesen seiner Kurzbiografie: Geboren: 21. April 1977. Pflichtschule, Schulabbruch. Buchhandelslehre. Zivildienst. Studienberechtigungsprüfung, Studienabbruch. Nicht selten führt so eine Ausbildungsbiografie direkt in eine Künstlerexistenz. Witzmann war Mitbegründer der Avantgarde-Kultband Licht (mit Markus Krispel und Sammy Obaya), die binnen zwei Jahren unglaubliche mehr als eine Hand voll Alben aufnahm. Auf dem 1997 veröffentlichten FM4-Im Sumpf-Sampler »Musik zu gut für diese Welt« war Licht mit gleich vier (!) Stücken vertreten, darunter »Hast nicht Lust?«, ein launiges Rezitativ von Witzmann über das Um-den-heißen Brei-Herumreden beim Thema Analverkehr.

Mongokubistische Formation Ron Bop
Dem Ende von Licht folgt die Gründung der »Avantgarde-Trash-Hyper-Kultband« (Eigendefinition) Ron Bop. Mit an Bord ist der vorerst nur Cello spielende Robert Renher, der Multiinstrumentalist Markus Krispel macht die Band zum Trio. Wie schon Licht produziert Ron Bop manisch Musik von Freestyle-Noise-Jazz bis beinahe schon Pop (fast alle Stücke sind First-Take-Recordings). Mit »Alles voller Sterne« konnte Witzmann 2002 wieder ein Stück auf »Musik zu gut für diese Welt Vol. 2« parken. Die Gigs der »monumental-mongokubistischen Formation«  (Selbstdefinition, Witzmann ist auch Erfinder des Mongokubismus ) in dieser Phase sind ausufernde, mindblowing Noise-Happenings, oft ohne erkennbaren Anfang und Ende der Stücke, deren Texte oft spontan entstehen, indem Witzmann den medialen Müll, den er in letzter Zeit in sich hineingefressen hat, in recycelter Form wieder auskotzt. Einen Höhepunkt im Werk von Ron Bop stellt die Kooperation im Zeichen des Free Noise mit dem großen, 2012 verstorbenen Walter Malli und Cordula Bösze dar, das als Tondokument »Ron Bop & Malli & Bösze« für die Nachwelt erhalten wurde. En passant spielt Ron Bop den Score für das Trashmovie »Terror am Strand« (Regie: Elmar Weihsmann, 2000) ein. Die Premiere des Films im Wiener Filmcasino wurde von einem fulminanten Konzert von Ron Bop mit einem Witzmann in Höchstform gekrönt. Zu dieser Zeit kam es auch zu einer kleinen, von skug präsentierten Österreich-Tour mit den Stationen Graz, Wien und Innsbruck. Ron Bop existierte bis 2006 mit den personellen Neuzugängen Martin Schrotter und Ewald Schrotter.

Müde in der Sonnenhölle
Witzmanns letztes musikalisches Projekt war Müde. Eine Unternehmung, die schon im Namen eine gewisse Erschöpfung erahnen ließ. Zu Beginn 2009 war Müde ein Duo mit dem Elektroniker Oliver Stummer (aka Tomoroh Hidari), das seinerzeit auch den Salon skug im Fluc bespielte. Mit »Dadaistischer Lo-Fi-Singer/Songwriter-Noise-Electronica« im genüsslichen Entschubladisierungsgeplänkel. Das brandneue Projekt dieser österreichischen Musikrabauken knüpft dort an, »wo Mark E. Smith und Von Südenfed aufhörten!«, wurde der Gig damals angekündigt. Offiziell in physischer Form erschienen ist das angekündigte Album »Sonnenhölle« nie. Dieser ausgezeichnete Bastard aus vornehmlich Sprechgesang und avancierter Elektronik kann allerdings in voller Länge via YouTube genossen werden. Als seine musikalischen Einflüsse hat Witzmann in einem frühen Interview New Order, My Bloody Valentine, Built to Spill, The Fall und die Residents genannt. »Sonnenhölle« wurde am ehesten eine Kreuzung aus The Fall und New Order. Müde schrumpfte zum Soloprojekt, das nur noch selten live zu erleben war.

Witzmann, Multitalent
Das könnte auch damit zu tun haben, dass Witzmann sich nicht ausschließlich als Sänger, Shouter, MC, Texter, Gitarrist oder Bassist verstand. Sondern – so kann man es zumindest in seiner Kurzbio lesen – auch als Verfasser von tausenden unveröffentlichten Romanen, Theaterstücken, Lyrikfetzen. Außerdem war er Mitbegründer der Theatergruppe Heliosphan, des Sprachinstituts Gusch, und Schauspieler im Jugendstiltheater. Nicht in der Kurzbio steht, dass der Tausendsassa leidenschaftlicher Zeichner mit umfangreichem Werk war. In den letzten Jahren trat der unter Genieverdacht stehende Witzmann öfter im Zusammenhang mit der Autorin Stefanie Sargnagel auf, deren Freund und später Ex-Freund er war. Mit Sargnagel verfasste Witzmann durchgeknallte Reportagen für die altehrwürdige Hamburger »Zeit« (Bayreuth) oder über ein Formel-Eins-Wochenende für »VICE«. Jetzt ist der lebende Müllfresser Witzmann an den Folgen einer Herzattacke gestorben. Er wird fehlen.