Außengebäude in Pine Forge, Berks County © »Early Domestic Architecture of Pennsylvania« 1931, Abb. 85

»I like things simple«

Eleanor Raymond baute nicht nur das erste Solarhaus der Welt, sondern schwärmte auch für ländliche Bauweisen, die sie mit modernen Architektur kombinierte. Einem Vergleich mit Walter Gropius hält sie locker stand.

Die Architektin Eleanor Raymond (1887–1989) erhielt wenig Anerkennung dafür, dass sie als eine der ersten ArchitektInnen in den USA moderne und typisch ländliche, landesspezifische Bauweisen zusammendachte und neue Ideen realisierte. Jemand, der zur gleichen Zeit ähnlich wie Eleanor Raymond plante, war Walter Gropius, der deutsche Architekt und Bauhaus-Begründer, der 1934 nach England und 1937 weiter nach Amerika ins Exil gehen musste. Die Nazis hatten Bauhaus als »Kirche des Marxismus« angegriffen. Die europäische, moderne Architektur der 1920er- und 1930er-Jahre wurde durch ImmigrantInnen nach Amerika gebracht. Eleanor Raymond hatte mit ihrer Lebensgefährtin eine große Reise nach Europa unternommen und viele neue Eindrücke und Anregungen mitgebracht. Sie nutzte drei wichtige Erkenntnisse des Modernismus: Funktionalismus, ein Zurückweisen der klassisch-traditionellen Architektursprache und ein starkes Engagement in der Auswahl der Materialien. Sie befand die einfachen amerikanischen Farmhäuschen und Ställe als Modernismus »avant la lettre« – modern, bevor es die Richtung »Modernismus« in der Architektur überhaupt gab.

Cambridge-Schule, Nordfassade des Flügels für Technisches Zeichnen © »Cambridge School Bulletin 1«, Nr. 1, Dezember 1928, Smith College Archives

Jahre der Wirtschaftsdepression
Eleanor Raymond war eine der ersten Absolventinnen der Cambridge-Schule, die speziell für Frauen gegründet wurde, weil Frauen damals noch nicht an der offiziellen Architektur-Universität studieren duften. Sie interessierte sich für Landhäuser, Fabriken, Ställe und Lagerhäuser in Boston bzw. An- und Zubauten durch die Farmer. Sie fotografierte hunderte dieser speziellen ländlichen Bauten, kategorisierte sie und legte ein Archiv an. Eleanor Raymond und Walter Gropius zeigten jungen ArchitektInnen, dass ländliche Bauweisen sehr wichtig für das moderne Design waren. Damals bauten die etablierten ArchitektInnen gerne im viktorianischen oder Kolonialstil, während Raymond klare Linien, reduzierte Bauweise und praktische Funktionalität bevorzugte. Bereits 1931 schrieb sie, dass die Beobachtung der modernen Bauweisen in Europa und den USA sowie ein genaues Studium der alten Bauwerke in Pennsylvania gezeigt hätten, dass die zugrundeliegenden Motive und Ideale eigentlich ähnlich wären. Ihre Erkenntnisse waren besonders für die Jahre der großen Depression wichtig, in der viele Menschen in Armut versanken und nur noch Zubauten möglich waren bzw. Farmer selbst funktionale, günstige Gebäude ohne viel Schnickschnack, aber mit ganz eigenwilligen Ideen errichteten.

Raymond baute ca. 1930 Stackpole Cottages in Biddeford Pool, Maine um – mit offenen Innenräumen und modernen Eckfenstern. Eigentlich war sie mit ihrer antiviktorianischen Häuslichkeit früher dran als Gropius, der besonders die demokratischen Strukturen der frühen amerikanischen Settlements bewunderte: »Die frühen Settler hatten ein Konzept von Totalität, mit gemeinschaftlichem Grund und Boden in der Mitte und jedes Haus ein bisschen anders. Es gab ein unausgesprochenes Gebot, (architektonisch) nicht über das nächste Häuschen zu triumphieren.« Die SiedlerInnen in Amerika hatten natürlich ihren europäischen Hintergrund mitgebracht.

Cambridge-Schule, Interieur des Flügels für Technisches Zeichnen © »Cambridge School Bulletin 1«, Nr. 1, Dezember 1928, Smith College Archives

Wichtige Mitstreiterinnen
Tausende Fotos erstellten Eleanor Raymond und ihr »field scout« Ruth Crook, während sie 8.000 Meilen im ländlichen Pennsylvania absolvierten. Raymond zeichnete auch sehr viel. Besonders zogen sie die Steinhäuser von Lancaster, Berks und den »Chester Counties« an. 1928 war sie mit ihrer Partnerin Ethel Power durch Frankreich gefahren. Power war langjährige Herausgeberin von »House Beautiful«, einem fortschrittlichen Magazin, in dem viele Fotos von Raymonds Projekten erschienen. Sie lebte Jahrzehnte lang mit Raymond zusammen. Sogar als ihr Magazin in eine andere Stadt übersiedelte, blieb sie lieber bei Eleanor, als weiterhin Herausgeberin von »House Beautiful« zu sein.

Als erstes Projekt baute Raymond an ihrer eigenen Schule einen Zubau an, mit modernen Stahlfensterbrettern und einem flachen Dach. Die Cambridge-Schule für Frauen war auf diese Weise entstanden: Katherine Brooks wollte schon 1915 Landschaftsplanung studieren, erhielt aber als Frau keinen Universitätszugang. Also gründete sie zuerst bei sich zu Hause einen Klub, in dem ein Architektur-Professor von Harvard privat unterrichtete, und später die Cambridge School of Architectural and Landscape Design for Women, die 1916 ihren Anfang nahm und bis 1942 existierte. Ein Professor der Cambridge-Schule meinte in einem Interview, der Grundgedanke sei gewesen, dass Architektur und Landschaftsplanung zusammengehörten und Frauen, weil sie sich mehr für das Gemeinschaftliche interessieren würden, für Planen und Bauen prädestiniert seien. Den Zeichensaalzubau der Cambridge-Schule gestaltete Raymond ähnlich einer lichtdurchfluteten Fabrik.

Raymond-Kingsbury-Haus, Belmont, MA, 1932 © Historic New England

Das Raymond-Kingsbury-Haus
1931 baute Eleanor Raymond ein Haus für ihre Schwester Rachel in Belmont, einem Suburb von Boston. Dieses Haus wurde von der Zeitschrift »Architektur Forum« als »wahrscheinlich erstes modernes Haus in Massachusetts« bezeichnet – ein großes Kompliment. »Drüben (Anm. in Europa) wurde so viel Beton und Stuck verwendet, niemals Holz. Hier bei uns war es der Baustoff Holz, den wir immer benutzten. Ich verwendete rohe, ausgesägte Holzbrett-Paneele, die in einem sanften Graugrün gestrichen wurden, für die Außenseite des Hauses. Ich war in Kalifornien gewesen und sah Stoff, um Schatten auf offenen Plätzen zu erzeugen, also benutzte ich diese Idee für die Terrasse und verwendete Segel«, erklärte Raymond später in einem Interview.

Raymond benutzte Stahlrohre für die Geländer und band das graugrüne (statt wie im Bauhaus weiße) Haus in die Landschaft ein, stellte es zwischen zwei Bäume. Dieser landschaftliche Aspekt war ihr sehr wichtig. Gropius und Raymond verband, dass beide Architektur in engem Zusammenhang mit politischen und sozialen Aspekten und den enormen Veränderungen des modernen Lebens sahen. Während Gropius sich Massenwohnungsmöglichkeiten für arme Menschen überlegte, dachte Eleanor Raymond eher an ein klar geschnittenes, sonnendurchflutetes »Haus der Zukunft«, ein »simples Haus«, das, als Prototyp gedacht, »zu freundlicher Geistes- und Seelenverwandtschaft« unter den BewohnerInnen führen würde. Für Raymond symbolisierte das moderne Haus einen neuen, modernen Weg, um zu leben, denn sie hatte die üblichen Rollen als Ehefrau und Mutter zurückgewiesen und lebte mit Ethel Power. Sie identifizierte und verband unkonventionelle Lebensstile mit Architektur, die Avantgarde war.

Gropius-Haus, Ansicht aus Südwest © Jack Boucher, 1986, HABS MASS, 9-LIN, 16-12

Hybridisierung des Modernismus
Raymond verband innerlich den alten ornamentalen Baustil des 19. Jahrhunderts mit unterdrückerischen und nutzlosen sozialen Interaktionen. Sie wollte etwas Neues. Aber die »Härte und Trockenheit«, das Spröde an den europäischen Bauhaus-Häusern waren ihr »too much«. Sie wollte zwar klare Linien, aber lieber regionale Stile und Gewohnheiten einbringen. Sie verwurzelte ihre Bauprojekte fest in Amerika – in einer Zeit, als in Deutschland der Faschismus aufstieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Häuser in ihrer Gegend nach ihren Vorbildern mit offenen Interieurs, großen Fenstern und kräftigen geometrischen Körpern gebaut, nichtsdestotrotz wurde in der Materialienwahl traditionell entschieden – viel Holz wurde verwendet.

Quelle: Kevin D. Murphy: »The Vernacular Moment. Eleanor Raymond, Walter Gropius, and New England Modernism between the Wars«. In: »Journal of the Society of Architectural Historians«, Vol. 70, No. 3, September 2011, S. 308–329.