Ausschnitt aus »Our Naufrage« von Hajra Waheed. Fotos: © Kasia Jackowska.

Heimatloser starrt zurück

Die diesjährige Kunst Biennale in Venedig ist zwar vorbei, doch die Frage nach den Zusammenhängen von Kosmologie, sogenannten »Naturvölkern« und unserem grundsätzlichen Lebensanspruch auf diesem Planeten bleibt bestehen. Kolonialismus und die Eroberung von Planeten starteten zeitgleich.

Politisch angehauchte Kunst wie auf der vergangenen Kunst Biennale »Viva Arte Viva« in Venezia, der humanistische Esoterik vorgeworfen wurde, muss ja nicht bilderlos sein. Denn Bilder bringen sowieso mehr als nur politischen Inhalt, nämlich etwas Neues, Assoziatives und Perspektiven. Schon der Maler Vincent van Gogh wusste, dass die Brücke in die Astrologie, zu den Sternen, offengehalten werden sollte, auch wenn er diesen universalen Zugang seiner Zeit gemäß mit Kolonialismus verband. Auf der Pariser Weltausstellung von 1889 wurde der Zugriff auf andere Kontinente und deren Bewohner locker mit neuen Lebensmöglichkeiten auf den »zahllosen Sonnen« (Vincent van Gogh, 1888) gleichgesetzt.* Diesen kritischen Ansatz der zeitgleichen Entstehung von Kolonialismus und Schwärmerei für andere Welten beleuchtete die Chefin der Biennale in Venezia aber nicht. Stattdessen waren in den Ausstellungen eher lose Bezüge zur Natur und ihre Ressourcen, auf Volksgruppen und deren Ûberlebensstrategien vorhanden. In lockerer Aneinanderreihung. Viel Kosmologie und Metaphysik brachte diese Biennale auch, »the relationship between the present moment and the infinity of the universe, to which this moment belongs«, wie beschrieben steht.

Im Hauptpavillon in der Mitte der Giardini, dem »Director’s Cut« sozusagen, sticht als erstes die Malerei des 1934 in Syrien geborenen Malers Marwan heraus: Gesichter aus Flecken, Strichen, fast nur Augen, die wortwörtlich aus dem Rahmen zu fallen scheinen. Selbstporträts, die in Farben und Verzerrung der Malerei Francis Bacon ähneln. Verschwommene, verschwimmende Gesichter, wie unter Wasser. Marwan liegt regungslos im Bett, hält seine grauen Schuhe mit der Hand fest, »eyes stare at the visitor, prompting them«, steht dabei. Syrischer Heimatloser als unsere Projektionsfläche: Der starrt zurück. Der Betrachter stößt auf leere, verzerrte Gesichter, wie auf einen Spiegel oder einen ausweichenden Menschen – das Porträt haut ab vor ihm.

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»Our Naufrage« von Hajra Waheed

Lebendige bzw. tote Kunst für Tote

Hajra Waheed (Kanada) zeigt gerne den Sternenhimmel auf kleinen, gemalten Bildern. Die Künstlerin hätte eine »attraction for geopolitics« steht an der Wand und sie wäre von der Möglichkeit fasziniert, »to disappear without a trace«. Die Bilder dazu stehen auf Ständern wie Grabsteine und zeigen allein das Meer bzw. Wasserwellen. Graugrün, eiskalt. Diese unendlich traurige Arbeit will den Moment zeigen, an dem einzelne Flüchtlinge, deren Namen und Alter seitlich erwähnt werden, im Meer versunken sind. Ertrunken. Es bleibt eine leere Fläche, nichts. Keine Spur, keine Erinnerung, kein Funke. Kein Stern. Man ertappt sich beim Suchen, ob noch irgendetwas zu sehen ist – ein Schatten, ein Hauch, eine Bewegung. Besonders Jugendliche stehen lange davor. Als ob sich doch noch etwas tun könnte.

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Sharon Lockhart »Little Review«

Schwarze Bilder wie erstarrte Jugendliche. Der polnische Pavillon wirkt sehr kalt und wie tot. Eisig zieht es durch den Bau. In einem Projekt beschäftigten sich in einem Heim lebende junge Frauen aus Rudzienko und Zielonka mit den 677 Ausgaben der Kinderzeitung »The Little Review« (MaÅ‚y PrzeglÄ…d), die der Arzt und Kinderheimleiter Janusz Korczak in der Zeit vor den Nazis herausgab. Ursprünglich eine Beilage der jüdischen Tageszeitung »Our Review« von 1926 bis 1939. Die amerikanische Künstlerin Sharon Lockhart arbeitete mit den heutigen Jugendlichen zusammen und veröffentlichte deren Ängste und Sorgen. Es ging ihr darum, »what a creative self-fulfilling life might look like«. Davon ist aber wenig zu sehen. Erstarrung bringt nichts. Schon gar nicht zum Thema Holocaust.

Musik, Musik, Käse

Starkes Schlagzeug, ein Baby schreit, weint, gluckst. Tracey Moffat hat »in a former Aboriginal mission« in Sydney einen Film gefunden, der angeblich 1788 aufgenommen wurde, in Bienenwachs verstaut, damit der Film sich nicht auflöst. Man sieht die Einfahrt in den Hafen von Sydney. Rötlicher Himmel, braunes Meer, »so sahen die Eingeborenen damals die ersten englischen Schiffe einfahren«, interpretiert Moffat. An einer Stelle sieht man so etwas wie weiße Geister aufscheinen. Was sie zu weiteren künstlerischen Spekulationen veranlasst. Vergangenheitsmystik. Kommt aber gut. Vor allem durch die Musik und das Rauschen. Dann beginnt plötzlich der lustige Teil der Biennale »Viva Arte Viva«: Ein deutscher Opa präsentiert mir vor dem deutschen Pavillon seine »goldene Nahkampfspange«, die er angeblich beim Tango-Tanzen mit Argentinierinnen erhalten habe. Seit fünf Jahren lernt er Tango-Gitarre. »Der deutsche Pavillon ist Käse. Der soll an den Krieg erinnern«, flüstert der alte Herr vertraulich, vom Pavillon tönt das schreckliche Gebell der Dobermänner herüber, die sich gegen den Zaun schmeißen. Mich schüttelt es. Die ganze Zeit befürchte ich, dass die Plakette des alten Herrn etwas mit dem Krieg zu tun hat, dabei ist sie in Wahrheit eine Anerkennung seiner Arbeitsstätte. Marcel Odenbach, den ich in der Früh vor den Giardini traf, fand im Gegensatz dazu, dass »nur der deutsche Pavillon etwas ist, alles andere ist Käse.«

Im französischen Pavillon tanzen die Lautsprecher mit, die auf Stelzen stehen – rechts und links Teile wie Ohren besitzen, die vibrieren. Hier ist es warm und freundlich in einer architektonischen Holzkonstruktion, die an Kurt Schwitters erinnern soll. Musiker sitzen im Aquariumstudio hinter Glas wie Fische und erweitern gerade gemeinsam eine fröhliche Tonspur. Einzelne Leute tanzen und schwingen mit der Musik mit. Avi aus Tel Aviv, dem ich von unseren skug Festivals erzähle, schwärmt von der jemenitischen Band A-WA aus Tel Aviv. Drei Schwestern. Von der Afro-Arab-Band »Quarter to Africa« und der britischen Band OI VA VOI, die er ebenfalls gut findet. Da er am Schabbat nicht schreiben darf, buchstabiert er mir die Namen der Bands ins Heft.

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Ernesto Neto »Um Sagrado Lugar« (»A Sacred Place«)

Now you can culture build

Durch das Arsenale bläst ein frostiger Wind, im Buffet kacken einem die schlauen Tauben extra von oben herunter in den Kaffee. Der Kellner schmeißt ihnen Zuckerpäckchen nach. Alle Kinder sitzen im Netz der brasilianischen Ureinwohner – der einzige Ort weit und breit, der so etwas wie Schutz und Gemütlichkeit ausstrahlt. Wiener Besucher reihen das Netzzelt aber lautstark auf Platz 2 ihrer persönlichen »Hasskunst-Liste«. Platz 1: Der Lastwagen vor dem österreichischen Pavillon, der auf dem Kopf steht. Phallik pur von Erwin Wurm. »One day you have been a fish – moving your spine in the sea – now you can culture build – light from the sky.« Die Ureinwohner, die extra zur Vernissage anreisten, schrieben Gedichte auf die Wände. Gegenüber wird eifrig genäht und es werden Löcher gestopft, die Fäden quer an die Wand gehängt. Irgendetwas mit »Mending« heißt die Performance und eine kleine, asiatisch aussehende Frau flickt fleißig an den kaputten Kleidungsstücken, die Besucher ihr bringen.

Absoluter Favorit ist aber, wie jedes Mal, der chinesische Pavillon. An einem Chinesen, den viele sehr lange für echt halten, fallen einem erst beim genauen Hinschauen die Augen auf, die zwei runde Filmchen über das Meer auf einen Eisencontainer projizieren. Schattenspiele in die Höhe, Holzmechanik, mehrere Ebenen voller Kunst, Goldskulpturen. Ein Film zeigt einen Dampfzug, der fröhlich mitten im Meer fährt. »Odyssey Smoking« (2015) heißt das Kunstwerk und Tang Nannan beschäftigt sich auf diese Weise mit dem Thema »farewell«: »His lessening sail is lost in the boundless azur sky. A train struggles to crawl on the sea, but is still determined to go forward alone anyhow.« Tang Nannan fragt auf diese Weise »What does homesickness mean to homeless modern people?«

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Tang Nannan »Odyssey Smoking«

* Vincent van Gogh: Die Sternennacht. Die Geschichte des Stoffes und der Stoff der Geschichte. Von Albert Boime. Fischer 1995

Frank Jödicke über die 57. Biennale di Venezia