Róisin Murphy

»Hairless Toys«

Play It Again Sam

Auch für Musikerinnen gibt es so etwas wie eine Babypause – und die bedeutet meist, dass man die Sache nun langsamer angeht. Elementare Erfahrungen wurden gemacht, die Dinge neu bewertet. Manchmal tut das dem eigenen Schaffen gut, öfters beginnt damit die mittlere Schaffensperiode, die sich mit dem Wort »medium« meist treffend beschreiben lässt – ein bisschen ausgebremst im Elan, ein bisschen abgeschliffen an den Kanten. Bei Róisin Murphy, von der wir hier sprechen, fing das Abschleifen allerdings schon früher an. Der glorreiche Anfang, das war die Band Moloko. Mitte der 1990er gelang Róisin Murphy und ihrem damaligen (nicht nur musikalischen) Partner Mark Brydon ein beachtlicher Spagat zwischen Mainstream und, sagen wir mal, anspruchsvollem Dancefloor. Es gab große Hits wie »The time is now« oder »Sing it back«, die Longplayer glänzten durch knackige Beats, verspielte Songlinien und verschrobene musikalische Einfälle. Nicht umsonst ist bei Moloko das Schubladenfinden etwas schwer, die Stichworte »Independent, Trip-Hop, Electronica & Dancefloor« fallen oft parallel – und das nicht ganz unzutreffend.

In Mme. Murphy steckt eine begnadete Jazzdiva, die aber ums Verrecken nicht Jazz machen will, sondern lieber den Tanzboden rockt – und das nicht mit einem abgestandenen Laptop, sondern mit einer richtigen Band. Live waren Moloko eine Klasse für sich, wovon sich Nachgeborene immerhin noch per Konzertvideo »1000 Clicks« überzeugen können. Dann aber krachte es zwischen Murphy und Brydon und Moloko war Geschichte. Róisin schob im Alleingang zwei Alben nach, das erste, »Ruby Blue«, atmet noch ein wenig von ihrer eigenwilligen Ûberdrehtheit und ihrem unbedingten Willen zur Party, das zweite, »Overpowered«, geriet wesentlich glatter. Ein gewisse Orientierungs- losigkeit machte sich breit. Dann folgte der Rückzug, das Baby, die Pause, der Weg zur mittleren Schaffensphase.

Ganz so aus dem Nichts kam das Album »Hairless Toys« allerdings nicht: eine EP namens »Mi senti«, gesungen in Italienisch (!), wurde 2014 als Testballon losgelassen. Tatsächlich ist »Mi senti« das eigentliche Babypausen-Dokument, eine etwas eingerostete Geschichte, die durch den Sprachtwist vor allem die-hard-Fans anspricht. Das aktuelle Album ist einen Schritt weiter. Es gibt ein paar Stücke, wie etwa das funkelnde und very funky »Evil eyes« oder »House of glass«, die großartig die alte Grätsche zwischen unbändiger Tanzlust und jazziger Eigenwilligkeit aufleben lassen. Aber es gibt mehrheitlich auch Stücke, darunter etwa »Exile« oder »Gone fishing«, die einen mehr als gebremsten Eindruck hinterlassen. Man hört und spürt, dass Murphy runder, in sich geerdeter, ja, eben, mehr ›medium‹ geworden ist. Hinzu kommen die etwas angestaubten analogen Zutaten, mit denen Róisin Murphy kocht. Clicks & Cuts oder andere schicke elektroakustische Zutaten (wie etwa bei einer FKA Twigs) sucht man vergeblich. So hören wir auf »Hairless Toys« die alte und zugleich doch nicht die alte Róisin Murphy, ein Hauch der alten Grandezza ist noch da, aber eben sehr medium dargeboten. Da hilft wenig, dass mit Keyboarder Eddie Stevens ein alter Verbündeter aus Moloko-Zeiten mit im Boot ist. Denn der Mann hat offenbar auch eine Babypause hinter sich.