Gescheiterte Trauer um die Vergangenheit: »Ghosts of My Life«

»Ghosts of My Life« des englischen Kulturtheoretikers und Musikjournalisten Mark Fisher ist eines der meistdisku-tierten Bücher zurzeit. Seda Nigbolu hat es mit Ballard, Derridas »Hauntology« und Toffler quergelesen. Was ist heutzutage musikalisch innovativ, wenn Kraftwerk immer noch futuristisch klingen? Retro, Zukunftsschock, Geister-stimmen, digitale Depression, ent-erotisierte Kultur: Erwähnungen gegen das Dazugehören-sollen.

Bild: Crack Magazine

1984 formulierte J. G. Ballard, er habe die große Befürchtung, die Zukunft würde »langweilig« sein: »Alles ist schon passiert, nichts Aufregendes oder Neues oder Interessantes wird jemals wieder passieren … die Zukunft wird bloß zu einer ausgedehnten, Gleichförmigkeit erzwingenden Vorstadt der Seele.«

Nach dreißig Jahren weisen die Zweifel der Musiktheoretiker an der Zukunft des Pop auf ein Ballardsches Szenario hin. Auf der einen Seite zelebriert der Musikjournalismus die Erfindung neuer Genres, die nichts weiter sind als eine Reinkarnation des Vergangenen: schlafwandlerischer Hypnagogic Pop/Chill Wave, der die MTV-Lehren einer apolitischen Generation als eine depressive Unterhaltungen ausströmende »Drag« zeigt, der die Ästhetik abgespielter VHS-Kassetten zur Gegenwart transportierter Lo-Fi-Synth-Alchemisten macht. Ûbrig bleibt ein bedrückendes Gefühl: die Enttäuschung über die leeren Versprechungen der Technologie. Auf der anderen Seite gibt es die Todesanzeigen der Journalisten und Theoretiker, die das Ende des Pops immer wieder angekündigt haben: Sasha Frere-Jones hielt 2009 HipHop für tot, Simon Reynolds behauptete in »Retromania«, dass der Westen nichts neues mehr anzubieten habe, und Diedrich Diederichsen erklärte »das unkomische Ende der Popmusik« aufgrund ihrer fehlenden historischen Momente, ihres fehlenden Bezugs auf Gegenwartsverständnis.

 

Symptome des Zukunftsschocks
Mark Fisher hat einen wesentlichen Teil seiner Texte, die auf dem seit 2003 von ihm betriebenen Blog k-punk erschienen sind, diesem postmodernen Zustand einer popkulturellen Trägheit gewidmet. Einige davon sind unlängst gesammelt als »Ghosts of My Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures« beim Londoner Verlag Zero Books erschienen. Dem marxistischen Theoretiker Frederic Jameson folgend, trennt Fisher darin einerseits zwischen einer psychologischen Nostalgie, die für die Romantisierung der Vergangenheit einen historischen Umbruch voraussetzt, und andererseits einer formalen Nostalgie, die die technischen Formeln der Vergangenheit auf heutige Produktionstechniken anwendet, wobei sie einen Anachronismus schafft. Fishers Haupt-interesse gilt denjenigen, die unter einer solchen Zeitverirrung leiden, siehe Melancholiker wie The Caretaker, Burial, Mordant Music oder The Advisory Circle, die die Suche nach der Zukunft noch nicht aufgegeben haben. Fisher wendet im Weiteren Derridas Hauntology-Konzept auf die Musik an: statt um die Geister des Marxismus, welche in der westlichen Gesellschaft spuken, geht es hier um die Geister der kulturellen Vergangenheit, die diese Musiker nicht loslassen.

Fisher geht es aber nicht nur um die Melodien, die irgendwo zwischen Tod und Existenz schweben. Von »The Shining« bis zur BBC-Serie »Life on Mars« setzt Fisher die Geister der Kulturgeschichte in ihren gesellschaftspolitischen Kontext. Man könnte sich fragen, ob »Hauntology« sein eigenes Schlossgespenst ist. Dier lange Einführungstext »Slow Cancellation of the Future« macht aber klar, dass es nicht um »die guten alten Zeiten« geht, sondern um die Diagnose einer fehlenden Vorstellungskraft bezüglich der Zukunft. So beginnt Fishers vorletztes Buch »Capitalist Realism: Is there no Alternative?« mit einem Satz von Jameson: »Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.« Das gilt auch für Musik, wo laut Fisher die post- fordistische, digitale, globale Kultur den jetzigen Moment nicht begreifen und artikulieren kann. Was ist heutzutage musikalisch innovativ, wenn Kraftwerk immer noch futuristisch klingen?

 

Unmöglichkeiten des Verschwindens
Die These ist nicht neu. Alvin Tofflers futuristischer Klassiker »Zukunftsschock« hatte schon 1971 das Leiden der menschlichen Seele unter ihrer Unfähigkeit, sich dem beschleunigten postindus- triellen Leben anzupassen, als Depression bezeichnet. Heute reden wir statt von Industrialisierung von Digitalisierung. Die Symptome der Depression haben sich ebenfalls geändert. Hauntology ist ein Ergebnis davon, wie Technologie das Gedächtnis materialisiert. Fisher spricht von der Unmöglichkeit des Verschwindens aus den Archiven des Internets sowie der Schwierigkeit, sich aus den Datenfluten der Müdigkeitsgesellschaft zurückzuziehen, um neue Inhalte zu erschaffen.

Kein Wunder also, dass US-Amerikas neuer Liebling eine Frau ist, die vor der Nationalflagge eine verlorene Lolita spielt. Lana del Rey und viele ihrer ZeitgenossInnen vermarkten die Sehnsucht nach einer sicheren Komfortzone. Pop-Theoretiker Martin Büsser, den wir 2010 verloren haben, stellte zurecht fest, dass »Pop-Konsum und Pop-Begeisterung heute nicht mehr von Nonkonformismus, sondern im Gegenteil meist von Dazugehörigkeit zur gesellschaftlichen Mitte zeugen«. Dabei müssen wir im Auge behalten, dass sich sowohl die Definition von Pop als auch das Konsumver-halten verändert haben. Es gibt ihn nicht mehr, den einzigen massentauglichen Pop. Fisher hat richtig erkannt, dass Neoliberalismus die Solidarität zerstört. Dabei geht er indes leider nicht so deutlich darauf ein, wie die Dezentralisierung der Inhalte und Nischenbildung im Internet den Fortbestand einer einheitlichen Popkultur erschwert.

Fisher führt aus, dass im neoliberalen Kapitalismus die finanziellen Ressourcen für Neuproduktionen fehlen. Auch sollte nicht vergessen werden, dass Europa immer älter wird und die für eine Kulturrevolution benötigten Nachwuchsapologeten fehlen. Außerdem stellt er fest, dass die Kultur ent-erotisiert wird. Verführung braucht eine lange Zeit. Dabei erwähnt Fisher nicht, dass die subversiven Strategien des Pop heute eher von den bildenden Künsten übernommen werden, wo diese benötigte Aufmerksamkeitsspanne immer noch vorhanden ist.

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 Foto: Zero Books

Das Persönliche ist politisch
Mark Fisher schreibt von Freuds Unterscheidung zwischen Trauer und Melancholie: wer trauert, lässt die Dinge hinter sich, Melancholiker hängen an ihnen. Hauntology ist eine gescheiterte Trauer, in der die Geister alter Zeiten immer wieder zu Besuch kommen. Fishers Texte sind dabei kein linker Abgesang auf die Popkultur, wie manche kritisieren, sondern viel mehr eine Sehnsucht nach Zukunft. Auf seiner Suche nach Bewältigung befreit sich Fisher – frei nach dem Motto »Das Persönliche ist politisch« – von kühler Sachlichkeit und strahlt als ein einflussreicher Musikjournalist mit sehr persönlichen Beschreibungen musikalischer Momente, die ihn tief berührt haben. Der zentrale Text in »Ghosts of My Life«, in dem er Goldie, Tricky und Japan als Meilensteine musikalischer Umbruch-momente miteinander verbindet, ist ein Glanzstück des Musikjournalismus. In Fishers (manchmal überintellektualisierten) Worten wird die Musik greifbar: » … but where Burial’s music conjures urban scenes under »Blade Runner« perma-drizzle, [Trickys Album] »Maxinquaye« feels as if it is taking place in a desert as delirial and Daliesque as the initiatory space that the characters pass through in Nic Roeg’s »Walkabout«: the land is scorched, cracked and barren, but there are occasional bursts of verdant lushness …«.

Vielleicht ist Fishers Zitat von Simon Reynolds, wonach der Alltag beschleunigt, während die Kultur entschleunigt, der Schlüssel zur Lösung. Wo die Produktion von Inhalten der Beschleunigung des Marktes hinterher hinkt, ist es zu spät, auf eine Poprevolution zu warten. Dazu kommt, dass weder der Großteil dieser hier versammelten Texte neu ist, noch dass sie eine Erlösung von den Innovationsblockaden anbieten. Vielleicht ist das auch gut so. Das Sterben der zeitgenössischen Popmusik muss vielleicht auch beschleunigt werden. Die neue linkskritische Philosophie des Akzelerationismus gibt in diesem Fall Denkanstöße auch für popkulturelle Innovation. Am Ende ist Hauntology ein Problem der linearen Zeitwahrnehmung der westlichen Welt. Ein neuer Pop wird nicht aus derselben Linearität entstehen.

Mark Fisher: »Ghosts of My Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures«
Winchester: Zero Books 2014

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