»Gesäubert« von Sarah Kane, Marstall/Staatsschauspiel München, 22.03.09

Zerstörungsmühle.

Dealer oder Arzt? Täter oder Opfer? Schnee oder Asche? Aus mehrerlei Perspektiven stellen sich solche Fragen. Gleich zu Beginn von Sarah Kanes »Gesäubert«. Und ständig wieder. Und sobald einer Emotionen zulässt, steht er sowieso schon als Narr da. »… welche Macht die Liebe hat. Und wie sie uns zurrichtet …« steht im Infotext. Dabei sollte man sagen: Wie wir uns zurichten. Nicht die Liebe uns. Kann Liebe etwas verantworten? Geht es überhaupt um die Liebe in dieser Inszenierung? Eher um die Unfähigkeit zu Lieben. Es schneit Schnee oder Asche. Die Bühne eine Universität, gleichzeitig als Klinik und Gefängnis bezeichnet, sieht aus wie ein Nachtasyl oder ein Krematorium. Mit sieben Protagonisten wie in einer psychiatrischen Anstalt. Hysteriker, Psychotiker, Zurückgebliebene.

Vermutlich müsste man den Text anders sprechen. Es müsste künstlich wirkendes Pathos raus. Und das seltsam übertrieben Theatralische. Denke ich jedenfalls die erste Hälfe des Stücks. Leichter akzeptierbar scheint statt dessen die Dynamik zu werden, die durch überspitzende Ironie ins Spiel gebracht wird. Und durch die Tabledancerin jenseits der verbalen Sprache in abgehobener Höhe über der Bühne. Mehr als »Hilf mir.« sagt sie nicht. Keine intellektuelle Leistung freilich. Eine einstudierte, allgemeingültige Allerweltschoreografie. Und das Beste, was dem Arzt, Herr über die Psyche anderer, hier passieren kann. Eine klügere Möglichkeit schafft er sich nicht.
Ein Bücherhaufen liegt auf der Bühne. Bücher wie weggeworfen. Sich mit Bildung und Kultur zu befassen, scheint den Sinn verloren zu haben. Alle Beziehungsspiele führen so weit in den Wahn, dass sowieso Handlungsunfähigkeit besteht hinsichtlich irgendeiner Sublimierung oder Dialektik. Da wird nicht maßlos Liebe ausgelebt, wie der Infotext mitteilt, sondern maßlos Unvermögen.

Der, der normal zu handeln versucht, wird hoffnungslos in die Zerstörungsmühle gezogen und getrieben. Alles wird zerredet. Die Liebe ist zu nichts mehr gut, als dass man schließlich nackt dasteht und etwas Sex macht. Um dann wieder weiter alles zu zerredet. Mehr Kraft haben die Worte nicht mehr. Jeder hat auf seine Art gelegentlich Momente, in denen er ernsthaft in einem Buch zu lesen versucht. Was aber niemanden entschieden weiterführt. Wir haben es mit einem Kabinett zu tun, das ein paar skurrile Gestalten zur Schau stellt. Hilfesuchend, wahnsinnig, verwirrt, verstümmelt, transsexuell, sadistisch, masochistisch, halbtot, tot, verrückt, despotisch oder verbrecherisch. »Und wie es im hoffnungslosesten Moment der Hoffnung bedarf.«, endet der Infotext über »Gesäubert«. Nur bringt die Hoffnung keinen weiter in dieser Zerstörungsorgie. Und schon gleich gar nicht aus ihr heraus. Es sollte wohl noch etwas anderes geben als Hoffnung. Und eine andere Transzendierung als die, in diesem dirty play, das der Psychiater inszeniert. Sarah Kane aber hat das in diesem Drama nicht vorgesehen. Andere Perspektiven sind nicht zugelassen. »Sie können dir Schlimmeres antun als den Tod.«, heißt es im Text. Davon handelt das Stück.

Dabei ist die Herausarbeitung der Figur des Psychiaters das Entscheidende. Eine Person, die die Macht hat süchtig zu machen, zu verstümmeln, zu töten. Und diese Macht auch benutzt. Wobei der Mann dann selber austickt. Wie in Katatonie neben den Büchern liegt. Sexsüchtig masturbiert und schließlich auch die Tabledancerin zu seiner Sexpartnerin macht.
Er, der sich in seiner Arroganz und als Folterknecht auch mit in dieses Theater der Zerstörung ziehen lässt. Alle kontrolliert, klein hält und dabei ruiniert und selber das Niveau verliert. Ihn interessiert es hauptsächlich zwei Mechanismen in Gang zu setzen. Die Peeperin an der Stange zu sehen und einen Hebel zu ziehn, der ein laut knisterndes Geräusch erzeugt während gleichzeitig Körper auf dem Bühnenboden zu zucken anfangen. Es wird kein Elektroschock gezeigt. Doch dieses Geräusch, zuweilen mit sichbaren Lichtspuren im Raum, lässt kaum eine andere Assoziazion zu. Durchzieht wiederkehrend das ganze Stück. Pillen. Spritzen. Elektroschocks. Der Arzt verschwindet am Schluss im Off. »Hilf mir.«, eine männliche Stimme aus dem Off.

»Ohne die Erhellungen des Theaters werden sie bis es zu spät ist – wenn überhaupt -, nicht wissen, was passiert.«, schrieb Edward Bond im Artikel »Sarah Kane und Theater« in »Theater der Zeit« im Mai/Juni 1999. Und: »Der Zweck des Dramas ist, das Äußerste herauszufordern.« Soweit kann allerdings auch das Leben gehen. Sarah Kane brachte sich 1999 um. Nicht allzulang nach Entstehen von »Gesäubert«.
Dass die Inszenierung im Marstall die Kraft hat zu erhellen, spricht für den 30-jährigen Regisseur Andreas Wiedermann. Bühne und Kostüme von Violaine Thel sind als Elemente des Realismus gehalten . In der Lichtregie von Urs Schönebaum ist mit schmerzend-grellem Scheinwerferlicht im Gesicht zuweilen der Zuschauer im Fokus und nicht die Bühnenfiguren. Was als expliziter Hinweis darauf zu verstehen sein dürfte, dass dieses Theater der Zerstörung seinen Bezug zur Realität hat.

»Gesäubert« von Sarah Kane
Deutsch von Elisabeth Plessen, Nils Tabert und Peter Zadek
Regie: Andreas Wiedermann, Bühne und Kostüme: Violaine Thel.
Mit: Nicole Lohfink, Susanne Meyer, Christian Higer, Georg Hobmeier, Jörg Malchow, Herbert Schäfer, Franz Josef Strohmeier

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