Okwui Enwezo © Max Geuter

Flying Horse, Air Squad, First Lady

Der Direktor des Hauses der Kunst, Okwui Enwezor, ist leider vor Kurzem gestorben. Seine letzte Schau »Triumphant Scale« zeigt das Werk des Bildhauers El Anatsui, der Skulptur in der Fläche begriff und die Kettensäge als Metapher für die koloniale Zerstörung Afrikas sah.

Trauriger Besuch im Haus der Kunst München. Okwui Enwezor, der elegante und zurückhaltende Direktor, ist vor Kurzem gestorben. »Er ist seiner Krankheit erlegen«, sagt der Kassier beim Eintritt. »Seine Krankheit? Schwindsucht!« Nach einem neuen Buch eine klassische Krankheit von verhinderten Künstler*innen. Aber Enwezor lebte sich doch mit der Biennale Venedig, der Documenta11 und an anderen tollen Orten als Kurator und Förderer von Künstler*innen aus? Anscheinend war das trotzdem nicht genug, um in Deutschland und speziell in diesem historisch so belasteten Haus am Leben zu bleiben.

Nun ist die letzte von Enwezor konzipierte Schau in München, direkt neben dem Englischen Garten zu sehen und sie ist wieder großartig. Er hatte sich wirklich bemüht, diese monumentalen, pompösen Hallen aufzulockern, das Beige der Marmorböden farblich zu verwenden oder zu kontrastieren. Die Ausstellung »Skulptur als Relief« von El Anatsui passt nicht nur farblich hervorragend herein, benutzt den Platz, reicht auch in die Höhe und ist in ihrer Vielfältigkeit des Materials und der Ästhetik äußerst spannend. El Anatsui erfand zu Beginn im endlich unabhängigen Ghana in den 1970er-Jahren Holzteller als Bilder mit Figuren drin. Später stieg er von Holz auf Metall um und machte Kunst aus weggeworfenen Cassava-Reiben, deren Metall wiederum aus kolonialen Ölfässern stammte. Sehr schön auch die »Broken Pots«, die wie Wurzeln ineinander verschachtelt sind. Als El Anatsui nach Nigeria zog, begann er Skulptur dann aber als Fläche zu begreifen.

El Anatsui: »Gbeze«, 1979; Ceramic, manganese © El Anatsui. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Men’s Stoff: Alles Alkohol
Tausende von Schraubverschlüssen von Spirituosenflaschen. Die bunten, runden Dinger sind in Netze vernäht und verwebt. Die Kunstwerke sind ganz klein und fein gemacht, das muss eine Mörderarbeit gewesen sein. Rot, Gold, Silber. Die Tische mit den Kratzspuren aus der Erstellung der Kunstwerke stellt El Anatsui auch gleich aus bzw. von den Oberflächen der Tische abgenommene Drucke. (Erinnert mich an einen afrikanischen Künstler, der meinte, wir nehmen den Schrott, den Europa nach Afrika schickt, und verkaufen ihn teuer als Kunst zurück. Dann lachte er »dreckig«.)

Men’s Stoff: Alles Alkohol. Perfect Dry Gin, Liquor Headmaster, Ultimate, Squadron heißen die Alkvarianten mit klingendem Namen auf ihren Verschlüssen. Wie Traumfänger in Netze eingearbeitet. Die französische Fahne ebenfalls. El Anatsui stammt aus Mali, unterrichtete aber an der Kunstuniversität in Lagos. »Architektur als Raum. Durchsichtigkeit und Undurchsichtigkeit« nennt sich die große Halle. Zwischen den deckenhohen Netzen kann man spazieren gehen. Die Welt durch einen Filter betrachten. Auf den Netzen sind zum Teil Figuren aus Silberfolie montiert. El Anatsui hatte in den 1980er-Jahren ein »Erweckungserlebnis« (Katalog) mit einer Kettensäge! Als Werkzeug zum Holzschnitzen! »Er lernte mit der Aggressivität der Schneidemaschine umzugehen.« Er sah die als Metapher für die koloniale Zerstörung Afrikas!

El Anatsui: »Dusasa II and Man’s Cloth«, 2019 (from left to right); Ausstellungsansicht Haus der Kunst, Foto: Maximilian Geuter

Revolution und Rebellion
Flying Horse, Air Squad, First Lady – was für lyrische Namen für Alkoholflaschen. Romantische Verklärung von Alk in Afrika – kommt die auch aus der Kolonialzeit? Wer hat alle diese Namen erfunden, wer hat all diesen »Spirit« ausgesoffen, um die Verschlüsse für Kunst freizugeben? Ich erinnere mich deutlich an Enwezors erste Schau 2012 in München, »Rise and Fall of Apartheid«. Fotos aus der Befreiungsbewegung in Südafrika. Rebellion, Revolution, Feier und Trauer. Wie die Leute mit Schildern an der Straßenkreuzung standen und protestierten. Die sahen so stolz aus, einsam vor den Autokolonnen. Mir steckt unprofessionellerweise ein Schluchzen in der Kehle, das erst aufhört, als ein Wächter schimpfend eine Frau mit Kinderwagen nicht durch die Netze fahren lässt. So schade um den stolzen Direktor, der sich ziemlich einsam in Europa durchschlug. Ich sah ihn immer alleine, selbst unter Menschen – er hatte so eine Art Wolke um sich herum, eine Schutzzone.

Ganz am Anfang, als ich hörte, dass der Pariser Kunstzeitschriftenherausgeber Okwui Enwezor das im Auftrag von Adolf Hitler erbaute Haus mit den kleinen, denkmalgeschützten Hakenkreuzmustern an der Terrasse übernehmen wird, dachte ich mir, oh je, hoffentlich passiert ihm nichts. Auch wenn ich die einzige bin, die das vermutet, aber ich denke, das Haus hat ihm die Energie entzogen. Man müsste es nach oben öffnen, die Architektur gewalttätig aufbrechen, die schlechte Energie nach oben entweichen lassen. Zur Strafe.

El Anatsui: »Second Wave«, 2019; Installation an der Fassade des Haus der Kunst, Foto: Jens Weber, München

Link: https://hausderkunst.de/ausstellungen/elanatsui

Ulrike Moser: »Schwindsucht. Eine andere deutsche Gesellschaftsgeschichte.« Matthes & Seitz; Berlin 2018.

In Erinnerung an Emeka Jones, Ditutu Bukasa, Kande, der ein Kinderheim im Kongo erbaute und so früh starb, und Seibane Wague.