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Fiktionen einer Liebe

Einatmen
»Das Ende der Melodie ist nicht deren Ziel; aber trotzdem: hat die Melodie ihr Ende nicht erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht ereicht«

(Friedrich Nietzsche: »Menschliches, Allzumenschliches«)

»Die Möglichkeit, dass ein Sprechakt einen früheren Kontext resignifiziert, hängt ihrerseits von dem Spalt ab, der sich zwischen dem ursprünglichen Kontext bzw. der ursprünglichen Intention einer Äußerung einerseits und den Effekten andererseits auftut, die diese Äußerung hervorruft.« (Judith Butler)

»Come Into My World«
Die Szene erinnert an alte S/W-Filme, besser gesagt an ein Gewusel hell-dunkler Bilder, rhizomatisch zusammengetragen aus Film Noir, Neorealismus, Nouvelle Vague und frühem Fassbinder. Ein Mann, eine Gitarre, Zigaretten, eine Liebe zu einer Künstlerin, die als Poster an der Wand und auf Schallplatten (CDs) am Boden verstreut den Raum beherrscht. Fast kitschig, aber das kann man über Jacques Lacans Liebe zu Perücken und Maskenbällen auch sagen. »Ich brauchte ein Zimmer, ein Bett, einen Tisch, einen Platz. Um zu bewundern und wieder zurückzugeben«, so Noël Akchoté. Tabula rasa als Version eines »Als wär’s das erste Mal«. So beginnt die CD auch mit knapp zehn Sekunden fast nicht hörbarem Brummen, das gleichsam einen Raum eröffnet, bevor überhaupt der erste Gitarrenton erklingt. »Ich mag es«, so Akchoté, »wenn eine Platte ein Intro hat. Das ist wie bei einem Film-Vorspann. Du hörst zuerst den leeren Raum, bevor die Handlung losgeht. Dann hörst du den Verstärker brummen.«

»Wouldn’t Change A Thing«
Um hier jetzt gleich keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen – »So Lucky« ist kein Jazz-Gitarren-Remix von Kylie-Minogue-Songs. Aber ähnlich wie sich BeBop als Geheimsprache nur aus dem Wissen um die Texturen von Swing-Songs entschlüsseln lässt (was auch eine große Liebe zu den dergestalt wild umspielten Melodien bedeutet), so entschlüsselt sich hier Pop als etwas, von dem zwar immer schon gewusst wurde, es steckt weitaus mehr dahinter als selbst immer angegeben wird, in Form einer Mehrwertproduktion sozusagen aus sich selbst heraus. Ohne große zeitgemäße Umwege, Kontextverschiebungen, Dekonstruktionen.

Noël Akchoté: »Der Grund für meine Liebe zu Pop-Songs liegt in meiner sehr nostalgischen Beziehung zu klassischen Broadway-Songs, die teilweise nur mit ihren Melodien eine Story erzählen konnten. Mein Background sind ja eher Jazz-Songs, aber bei den Kylie-Songs gab es eine neue Annäherung. Ich habe nichts neu arrangiert oder Harmonien verändert. Ich spiele nur die Melodien und die Akkordwechsel, teilweise sogar nicht mehr als den Basis-Bass. Die Herausforderung bestand darin keinen Stil nachzuspielen, sondern sich sozusagen mit Haut und Haar auf die Melodien bzw. auf eine Frau und ihre Songs einzulassen.«

»I Should Be So Lucky«
Also doch wieder ein Zusammentreffen einer Jazzsensibilität für Pop bzw. einer Popsensibilität für Jazz wo Theorie als angewandte Sprachforschung im Spiel entsteht? Die eigentliche Übersetzungsarbeit besteht jedoch in einem beide Genres verfremdenden Akt, der dabei gleichsam beider sublimes Ding als nicht enthüllbares Geheimnis enthüllt. Katholischer Neorealismus in blauen Noten.

Dazu Noël Akchoté: »Barney Wilen und Chet Baker schätze ich seitdem ich 14, 15 war. Das war schon eine Menge Jazz, aber nach zig Stunden des Zuhörens habe ich diese Melodien erkannt, zu schätzen und lieben und schließlich auch selber zu spielen gelernt. Das war ebenso mit Baden Powell und John Fahey. Seine Melodien sind wie Geister-Tänze nicht anwesender Melodien.«

Ähnliches könnte auch über »So Lucky« gesagt werden. Wir erinnern uns: Im Video zum Nick Cave/Minogue-Duett »Where The Wild Roses Grow« sehen wir sie am Schluss als im Wasser treibendes Zitat von John Everett Millais‘ präraffaelitischem 1852er-Gemälde »Ophelia« und in Baz Luhrmanns »Moulin Rouge« ist sie die grüne Absinth-Fee. Klingen nicht auch die besten Chet-Baker-Interpretationen alter Jazz-Songs wie vor einem Foto von Greta Garbo eingespielte Soundtracks zu Bette-Davis-Melodramen? Das Unheimliche war immer schon das Spiegelbild blinder Liebe.

»Cant Get You Out Of My Head«
Warum jetzt aber ausgerechnet Kylie Minogue? Ist das nur ein Spleen? Oder geht es angesichts von Mainstream-Medien die Pearl Jam-Konzertkritiken mit »Gitarren gegen Paris« (»Salzburger Nachrichten«) übertiteln oder in einem Verriss von Sofia Coppolas »Marie Antoinette«-Film (»Der Standard«) die Regisseurin als »Fräulein Coppola« niedermachen (wäre Luchino Visconti wohl nie passiert) doch um mehr?

Ja, aber nicht nur. Akchoté: »Sie ist genau aus dem Holz gemacht, aus dem schon immer die großen, zeitlosen weiblichen Stars gemacht wurden. Sie ist sehr stark. Ich halte sie ja auch für eine große Tragödin. Sie hat die 1980er überlebt, sie hat alles überlebt! Sie ist eine Entertainerin und keine Scheiß-Künstlerin, die zu allem und jedem ihren Senf dazu geben muss. Ich wäre glücklicher in einer Welt wo es weniger Künstler, Künstlerinnen und mehr Kunst gäbe.«

Ausatmen
»Ich weiß nicht, wie man Pop definieren soll. Für mich ist es eine Herangehensweise – man nähert sich den Dingen mit dem Vokabular des Pop.« (Sofia Coppola)

»Liebe ist geben, was man nicht hat, jemandem, der nichts davon will.« (Jacques Lacan)

Noël Akchoté: »So Lucky« (Winter & Winter, Release: Jänner 2007

Noël Akchoté Wikipedia

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Text
Didi Neidhart

Veröffentlichung
22.02.2007

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