Festivaltagebuch - 19. 10. / Tag 4

Filmkritiken: „Fei-zao-ju“, „Calling Hedy Lamarr“
Shortcuts: „Tarnation“, „Darwins Nightmare“, „Dare mo shinari“
Veranstaltungen: Filmemacher an den Plattentellern I

„Fei-zao-ju“
Ein Erstlingsfilm von Wu Ershan, teilweise in  schwarzweiß gehalten und mit fragmentarischem Charakter.
Die Geschichte beginnt mit hyperrealistisch anmutenden Aufnahmen von einem Jungen in China. Leyi kidnappt eines Tages den kleinen Buben den er immer zu Schule mitnehmen soll, nachdem er kurz davor seinem Vater Geld gestohlen hat. Er hält ihn in einem verlassenen Haus gefangen. Seine Erpressungsversuche wirken stümperhaft.
Die Geschichte geht weiter mit einem Mann, der sich mit einem Rasiermesser in den Arm ritzt. Einem Mann, der von chronischer Schlaflosigkeit geplagt ist. Er schläft andernorts als nachts in seinem Bett. Er schläft bei der Massage ein. Er schläft im Auto, wo er von Polizisten zu Rede gestellt wird, und er schläft auf der Parkbank, wo ein Junge seine Tasche klaut.
Auf einmal nimmt die Geschichte, die bislang ruhig und nüchtern den Protagonisten bei ihrem Alltag zugesehen hat, eine Wendung. Der Mann wird zum brutalen Mörder. Danach raucht er in deren Wohnzimmer eine Zigarette. Viel Pathos sieht man nicht, der Mord ist auch nur ein Stück Alltag, so scheint es.
Der Film wirkt mitunter verwirrend und enthält sich einer Logik. Interessante Arbeit aus China, deren Faszination mitunter auch in seiner Sperrigkeit begründet liegt.

„Fei-zao-ju“, heute um 18:00 im Stadtkino.


„Calling Hedy Lamarr“
Eine österreichische Dokumentation von Georg Misch über eine österreichische Diva. Aus der Perspektive des Sohns wird die Geschichte der Hedy Lamarr erzählt. Eine feine Montagetechnik und innovative Methoden durchziehen den Film. Der Sohn kommuniziert mit Bildern der Vergangenheit. Über Telefone erzählen Freunde und Verwandte von ihren Begegnungen mit Hedy Lamarr, die ihrerseits bekannt dafür war, dass sie so gerne telefonierte. Oft stundenlang. Die Anfänge in Wien. Wo sie „Ekstase“ auf einen Schlag berühmt machte, weil eine damals berüchtigte Nacktszene vorkam. Kurze Zeit später emigrierte sie nach Amerika, auf der Flucht vor ihrem ersten Mann. Dort knüpfte sie an ihre beginnende Filmkarriere nahtlos an. Später traf Lamarr das gnadenlose Schicksal, das viele alternde Stars in Hollywood erleiden mussten. Hedy zog sich nach dieser Kränkung immer mehr zurück und verbrachte nunmehr einen Großteil ihrer Zeit am Telefon.

Ein Sohn der seiner Mutter näher kommen möchte, ihre Geschichte erzählen, bevor sie ganz vergessen wird, der davon träumt eines Tages einen Spielfilm über seine Mutter machen zu können. Uns wird dabei interessantes Filmmaterial zugänglich gemacht. Man erfährt auch von den Schattenseiten der Diva.
Hedy Lamarr, eine Frau, die ihre Kinder von sich schob und sie in Ferienlager und Internate schickte. Eine Frau, die panische Angst vor den optischen Erscheinungen des zunehmenden Alters hatte. Ihre Tablettensucht.

Kinder, die ihre Erlebnisse in Therapien verarbeiten. Die Therapie des Sohns ist der Film, den er über seine Mutter machen will. Über die Geschichte der Mutter erzählt sich aber auch die des Sohnes. Ein Sohn, dessen größter Traum es ist, ein Filmemacher zu sein, und nicht im Telefongeschäft arbeiten zu müssen. Ein Sohn, der gegen das Vergessen ankämpft. Im Laufe des Films entspinnen sich mitunter auch abstruse Nebenstränge, was einen ganz eigenen Charme mit sich bringt. Und wir lernen Hedy Lamarr auch als eine faszinierende Frau kennen, die ein Patent auf eine Erfindung für Raketenabwehr hat, auf deren Grundlage auch heute noch die Abwehrsysteme der USA basieren.Im übrigen lässt sich diese Technik auch beim Mobiltelefon wieder finden, womit wir wieder beim Telefonieren wären.

„Calling Hedy Lamarr“, heute um 20:30 im Stadtkino.


Shortcuts:

„Tarnation“ ist ein Film von Caouette, der sein Leben seit seiner Kindheit auf Super 8 und Video festhält. Dieses Material hat er mit Gus van Sants Hilfe nun zu einer Collage zusammengeführt.

Heute um 15:30 im Gartenbaukino.


„Darwins Nightmare“ ist eine ausgezeichnet recherchierte  Dokumentation von Hubert Sauper, der uns die gespenstischen Auswirkungen und Folgen der Globalisierung anhand des Fangs von Nil-Barschen vor Augen führt.

Heute um 20:30 im Gartenbaukino und morgen,  am 19. 10. um 18:30 in der Urania.


„Dare mo shinari“ ist der neue Film des Japaners Hirokazu, dem ein Spezialprogramm dieser Viennale gewidmet ist. Eine Mutter verlässt ihre vier Kinder. Der 12-jährige Akira wird als
Ältester in die Rolle des Verantwortlichen gepresst.

Heute um 17:30 im Gartenbaukino.


Veranstaltungen:

Filmemacher geben uns als DJs die Ehre und bespielen die Plattenteller. Heute werden Mark Milgard („Dandelion“), Minze Tummescheit („Jarmark Europa“) und Cui Z’ien auflegen Danach kümmert sich John Norman um die Musik. Moderiert wird von Dietmar Schwärzler.