Emile Parisien Quartet: Wider die Arroganz in der Kunst.

Schlagzeuger Sylvain Darrifourcq macht die Augen zu und wartet auf seinen Einsatz. Er ist ein dünnes rokkokoartiges Bürschchen mit wei&szligem Rüschchen-Hemd, schwarzer Krawatte und Topffrisur. Die nicht zu experimentelle, sondern eher traditionelle Musik des Emile Parisien Quartet aus Frankreich passt gut zu dem schiffsinnerenartigen Berio-Saal im Konzerthaus mit seinen Holzpaneelen in rotbraun. Der Schlagzeuger legt sein Werkzeug wie ein Melodieinstrument an, liefert sich einen Wettstreit mit dem Klavier und deutet dem Tontechniker mehrmals »Daumen runter« – das Klavier ist ihm zu laut. Auf den Lippen des Bandleaders Emile Parisien, rothaarig mit Rossschweif, liegt ein Lächeln, wenn er nach seinem Saxophonsolo schleunigst und eifrigst von seinem Trommler überrundet wird.

Keine Revolutionäre

FramboiseEsteban_EmileParisienQuartet01_1024x1024.jpgDiese Konstellation des Wettkampfes ist auch das Einzige, was mich anfangs an Coltrane erinnert, an dem laut Einladung die Band zu messen wäre. Denn im Porgy und Bess bei dem Konzert von Ravi Coltrane, einem Sohn des gro&szligen Coltrane, hatte sich dessen gro&szliger afroamerikanischer Schlagzeuger ähnlich in den Vordergrund und die anderen an die Wand gespielt- mit minutenlangen wirbelnden Soli, Dekorationen, Schleifen und Bändern sein technisches Können demonstriert. Ravi schob seine Brille auf die Nase und hatte damals ein ähnliches Lächeln im Gesicht. Resignativ? Belustigt? Der dekorative »Zeugler« schien mit seinem vielteiligen Instrument auch immer mehr in die Mitte der Bühne zur rücken, was zugegebenerma&szligen mechanisch nicht möglich ist.
Hoffnungsvolle Elemente im Emile Parisien Quartet sind hingegen der flei&szligige Bass-Handwerker am Kontrabass und der dicke Junge in schwarzem Hemd, mit Goldbrille und breitem Lächeln, der mit einer Hand in sein Klavier greift und auf den Saiten spielt und mit der anderen lange Läufe hinlegt. Schön wird es immer, wenn es minimalistisch wird, der Schlagzeuger sich zurück hält und die Melodien hervortreten können, wie bei »Extrakt de Wagner«. Dann versteht man, warum Emile so rasant aufgestiegen ist von seinem Konservatorium in Toulouse in den Jazzhimmel und der Musterknabe Grö&szligen wie Arnold Schönberg oder Igor Strawinski »als Ideengeber« (Programmheft) für sich reklamiert. »Die haben die Lektion der klassischen Moderne gut gelernt, Free Jazz trifft auf komplizierte klassische Moderne, kann aber nicht heraus und davon fliegen«, schätzt mein Begleiter, ebenfalls ein Musiker, aber Elektrone. »Der Free Jazz ist voll im Kanon des Jazz, da auszubrechen ist schwer. Diese ?bertalentierten schleppen die Tradition mit und die Mathematik mit ihren sehr komplizierten Harmonien und Sinustönen. Aber Free Jazz war auch eine Revolution – wie können die hier Revolutionäre sein? Es hat nicht so diesen Befreiungscharakter. Trotzdem, das Sax ist schön – Lester Bowie trifft auf Jaques Tati.«
Apropos »trotzdem«: Am Ende sehne ich mich nach dem fröhlichen Chaos der Lounge Lizards, die zwar auch verkopft spielen, aber dank ihrer Genialtität mit Hilfe ihrer Instrumente ihre Musik immer wieder ironisieren können. Aber das liegt wohl daran, dass ich persönlich in Paris von einem brasilianischen Schlagzeuger Triolen lernte und mit Leuten aus der Clownschule in der Metro spielte und leider nie die Jazzakademie besuchte. Und völlig uncool: Die Filmmusik aus dem Zeichentrickfilm »Das gro&szlige Rennen von Belleville« mit den lachenden Alten und den explodierenden Kröten ist meine Hintergrundmusik für diese Kritik.

»Teil 2 der Prolo-Schlagzeug-Kolumne
Peter Rosmanith im Ensemble Otto Lechner & Windhund & Zumari Horns from Zanzibar im Porgy & Bess am 7. 6. 2010 (Began in Africa III)
http://www.skug.at/article4931.htm

Teil 3 der Prolo-Schlagzeug-Kolumne
Uli Soyka, mit Combo 12. 4. 2012. Im Wiener Café Kreuzberg.

favicon

Home / Musik / Konzert

Text

Veröffentlichung
09.05.2012

Schlagwörter


Ähnliche Beiträge

Scroll to Top