Einladung an die Waghalsigen

Barbara Wakolbinger über Dorothee Elmigers sprachlich schöne Postapokalypse, mit der sie 2010 den zweiten Platz des Bachmann-Preises gewann. 

»Wir sind sie, die Jugend der Stadt.« »Wir« sind die Töchter Stein, die Erzählerin Margarete und ihre Schwester Fritzi. Sie sind die zu spät Gekommenen, der letzte Rest einer Stadt ohne Zukunft und ohne Geschichte. Ein Unfall im örtlichen Kohleabbau hat das Land düster, verbrannt und gleichsam brennend zurückgelassen; die Feuer unter Tage sind immer noch nicht gelöscht. Aus der Zeit vor dem Unfall wissen die Schwestern wenig, nur einzelne Fotos bieten Anhaltspunkte der Vergangenheit. Sie sind der Rest einer Generation, die geflüchtet ist, das brachliegende Land des nördlichen Kohlereviers zurückgelassen hat. Auch ihre Mutter ist geflüchtet – in eine Zukunft ohne Mann und Kinder. Wenig bleibt den Töchtern des Polizeikommandanten, aber beide lernen auf ihre Art mit der Isolation und der vom Menschen ausgebeuteten und zerstörten Einöde umzugehen und sie sich zu eigen zu machen. Während Fritzi auf immer weitschweifigere Expeditionen aufbricht, versucht Margarete durch Sprache zur Normalität zurückzukehren. Sie versinkt in Büchern und beginnt, so einerseits die Vergangenheit aufzuarbeiten und gleichzeitig ihre eigene Geschichte und Gegenwart festzuhalten. Denn die Worte »enthalten bereits, was wir mühsam zu finden und wiederholen suchen.«

Es ist eine Einladung in eine postapokalyptisch anmutende Landschaft der Isolation. Immer noch wird die Erde von den Maschinen der Kohlebergwerke dominiert, stillgelegte Fördergerüste durchschneiden verbrannte Erde und ru&szligigen Himmel. Erdspalten klaffen, das Fehlen und die Verlassenheit sind übermächtig. Die Hoffnungen und Wünsche der Schwestern, ihre Vergangenheit und Gegenwart kulminieren schlie&szliglich in der Suche nach dem Fluss. Vor unzähligen Jahren soll er durch das verwüstete Gebiet geflossen sein. Er soll die Feuer löschen und die Zukunft, oder zumindest die Möglichkeit einer Zukunft, symbolisieren. Elmiger vertraut ihre Figuren einem intertextuellen Flechtwerk an, in dem sie Zitate der klassischen Literatur ihren eigenen Spielregeln unterwirft. Durch die tagebuchähnliche Form entstehen so Erzählfragmente in klarer, nüchterner und unprätentiöser Sprache. Die Atmosphäre wird auch durch die Entscheidung getragen, den einzelnen Abschnitten im Layout viel Raum zu geben. Einzig manche Exkurse führen ins Leere, einige Male verliert sich Elmiger in ihren eigenen Sprachspielereien. »Einladung an die Waghalsigen« ist dennoch ein gelungenes Sprachexperiment mit den beinahe klassischen Themenbausteinen Suche und Rekonstruktion des Landes, der Sprache und der Mutter und somit der eigenen Herkunft und Identität trotz einer mehr als ungewissen, prekären Vergangenheit und Zukunft.

Dorothee Elmiger: »Einladung an die Waghalsigen«

Köln: Dumont 2010, 143 Seiten, EUR 16,95