Bildausschnitt aus dem Cover von Else Lasker-Schüler »Die Bilder«

Einbruch der Realität des Orients

Else Lasker-Schüler war eine Schöpferin lustiger Figuren und gleichzeitig eine Dekonstrukteurin alter Orient-Mythologisierungen. Empfehlung an das Jüdische Museum Wien!

Als sie endlich selber in Jerusalem lebte – die Schweiz hatte das Visum des NS-Flüchtlings nicht verlängert, konnte Else Lasker-Schüler ihre Projektionen über Orientalen, die alten Ägypter und die »wilden Juden« angesichts des Einbruchs der Realität schlecht aufrechterhalten und wandte sich »Indianerinnen« zu. Jerusalemer »Indianerinnen«. Else Lasker-Schüler war schon eine lustige Frau und vielseitige Künstlerin. Sie zeichnete wild und bunt und verwendete viele Symbole, die nach C. G. Jung dem »kollektiven Unterbewusstsein« der Menschen entstammen. Mit ihrem Orientalismus traf sie den Nerv der Zeit. Denn der christliche Westen hatte schon lange begonnen, sich von den anderen beiden monotheistischen Religionen abzugrenzen. »So begann die ›Orientalisierung des Orients‹ in der christlichen Kunst im 13. Jahrhundert, während sich der Brauch, Juden als turban- und dann kufiyatragende Orientalen darzustellen, spätestens im 15. Jahrhundert einbürgerte«, schreibt die Kunsthistorikerin Astrid Schmetterling im Katalog des Jüdischen Museums Frankfurt, das eine Schau der Zeichnungen Else Lasker-Schülers zeigte. Die Figur des Jesus wurde mit der Zeit immer europäischer und blonder. Lasker-Schüler nun meditierte künstlerisch über die Figur des »Jussuf, Prinz von Theben«, der den Josef aus der Bibel und den Yussuf des Korans in sich vereinigte und erweiterte. Wie auf Geschlechterrollen-Möglichkeiten hin.

Keine Selbstzerstörung

Else Lasker-Schüler verstieg sich sogar darauf, der »Prinz von Theben« zu sein, eine künstlerische Figur, die wohl ihr burschikoses, unternehmungslustiges, romantisches und abenteuersuchendes Ich verkörperte. Gezeichnete, exotische Selbstporträts. Aber im Gegensatz zu beispielsweise Ingeborg Bachmann, die in dem Roman »Malina« ihr »männliches Ich« in eine außenstehende Figur verlegte, das dann im Feuer mitvernichtet wird, bleibt bei Lasker-Schüler der Ansatz spielerisch. Nichts von Vernichtung, Zerstörung, Tod … Der zeitgleiche Nationalsozialismus kommt in ihren Zeichnungen nicht vor und deshalb wurde dem jüdischen Flüchtling manchmal Eskapismus vorgeworfen. Ich glaube aber eher, dass die Figuren des »Jussuf, Prinz von Theben« oder von »Abigail, dem Prinzen der Liebe«, Utopie-Versuche waren – ein Entwerfen von sich selbst, das gleichzeitig in die altägyptische Vergangenheit und in die ungewisse Zukunft gerichtet war. Ein Versuch, bei sich zu bleiben und schöpferisch zu denken. Dabei gleichzeitig Elemente verschiedener Religionen aufzunehmen – auf Versöhnung hin. Denn: »Die zunehmende Vermischung von Religion und Ethnos in der Kunst war Teil der allgemeinen Entwicklung von religiös zu rassistisch motivierten Ausschlussideologien«, schreibt Schmetterling. »Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden Juden und Orientalen – letztere aus europäischer Sicht zunächst von den Türken und dann, mit dem Schwinden der Macht des Osmanischen Reiches, von den Arabern verkörpert – zu mysteriösen und bedrohlichen, unberechenbaren und dämonischen Anderen gemacht, denen sich die Okzidentalen zivilisatorisch überlegen fühlen konnten.«

Keine Zwietracht säen

Gleichzeitig wurde aber »der Orient« mythologisiert und romantisiert, eine Schiene, die für Else Lasker-Schülers Kunst auch passte. OrientalInnen wurden so gleichzeitig zu Objekten des Begehrens und des Widerwillens, der Faszination und der Angst. Projektionsflächen für Träume und Sehnsüchte.

In Palästina gehörte Else Lasker-Schüler einer Minderheit an. Sie unterstützte den »Brit Schalom« (Friedensbund) und dessen Nachfolge-Organisation »Ichud« (Vereinigung), die »die Beziehung mit der arabischen Bevölkerung Palästinas zum Zentrum ihres politischen Denkens machten«. Nach dem Ersten Weltkrieg und seinen schrecklichen Folgen war sie misstrauisch gegenüber jedem Modell des Nationalstaates. »Und doch geht hier Jude und Christ, Mohammedaner und Buddhist Hand in Hand«, schrieb Else Lasker-Schüler in »Hebräerland«. »Das heißt, ein jeder begegnet dem Nächsten mit Verantwortung. Es ziemt sich nicht, hier im Heiligen Lande Zwietracht zu säen.«

Es wäre wunderbar, wenn das Jüdische Museum Wien einmal Else Lasker-Schülers Zeichnungen zeigen könnte.

Alle Zitate aus: Else Lasker-Schüler: »Die Bilder«, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
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