East Man

»Red, White and Zero«

Planet mu/Cargo/Trost

Ich muss gestehen, dass ich hin- und hergerissen bin. Grundsätzlich gefällt mir das neue Album von Anthoney Hart alias East Man wirklich ausgezeichnet. Tolle MCs und auch die Tracks sind auf den Punkt produziert – eine Bank möchte man meinen. Und doch stimmt hier etwas nicht. Der Begleittext, verfasst von Paul Gilroy, einem der führenden Theoretiker der afrikanischen Diaspora in Großbritannien aus dem Umfeld von Stewart Hall, liefert einen ersten Hinweis. Darin ergreift Gilroy Partei für die Jugendlichen aus Londons gesellschaftlichen Rändern und beschreibt die vitale Rolle von Grime für die postkoloniale Zone. Alles schön und gut, doch die Akademisierung von Grime ist natürlich eine Gratwanderung. Ähnliche Versuche hatte es bereits im Dubstep gegeben und man wird heute kaum jemanden finden, der behaupten würde, dass dies der Entwicklung des Genres sonderlich zuträglich gewesen wäre.

Tatsächlich finden sich auf »Red, White and Zero« einige Dubstep-Anleihen, auch wenn das Album als Grime verpackt daherkommt. So erinnert »Safe« mit dem staubtrockenen Rap von Eklipse an die Hookline von Coki & Benga’s »Night« (2007), von den – auch in »Can’t Tell Me Bout Nothing« (mit den Vocals von Saint P) – als tragendes Groove-Element eingesetzten Breaks von Whizzbit’s »Breakdown« (2003) ganz zu schweigen. Auch »Cruisin’« (mit Darkos Strife) weist mit einer mächtigen Snare klar in Richtung Dubstep, während »Mission« (mit dem früheren Roll-Deep-Mitglied Killa P) beinahe als ein 2018er-Remake von The Bugs »Skeng« (2007) durchgeht (zu dem vor zehn Jahren genau dieser Killa P gemeinsam mit Flow Dan den Rap beigesteuert hatte). Während man diese Referenzen noch als Spezialistentum abtun könnte, gibt sich das geschickt gecuttete »Look & Listen« mit den Vocals von Darkos Strife erst gar keine Mühe, seine Wurzeln in Footsies »Scars« (2006) zu verbergen.

East Man bewegt sich durchaus geschickt durch das jüngere Hardcore-Kontinuum und nimmt sein Publikum auf eine irgendwie auch tolle Zeitreise durch das London des beginnenden Millenniums mit. Und doch frage ich mich, was abseits der Fülle an Best-of-Referenzen, eingebettet in State-of-the-art-Produktionstechniken, übrigbleibt und was dabei verloren geht. Die rohe, jugendliche Energie, die Grime bis heute spannend, aber für Außenstehende oft nur eingeschränkt konsumierbar macht, findet sich in »Red, White and Zero« nur mehr in Spuren. In diesem Sinne ist East Man ein rundes Album ganz im Sinne der UK-Hardcore-Tradition gelungen, das jedoch an der Bruchlinie zwischen Geschichtsbewusstsein und kultureller Aneignung dahin stolpert; in welche Richtung »Red, White and Zero« am Ende eher tendiert, hängt wohl auch von der/dem jeweiligen ZuhörerIn ab.