Die Rückkehr der verratenen Versprechen

Ein Gespräch mit dem in Hamburg lebenden und arbeitenden Christoph Schäfer über Zeichnen als Wunschmaschine, Wege der Stadterforschung und politische Wetterwinkel.

ZEICHNUNGEN: CHRISTOPH SCHÄFER

skug: Du bist als embedded artist bezeichnet worden, als Künstler-Aktivist, der an sozialen Bewegungen, wie etwa in Hamburg bei stadträumlichen Auseinandersetzungen, von »Park Fiction« bis »Recht auf Stadt« teilnimmt. Wie stellst du diese Verbindung her?

Christoph Schäfer: Embedded, Künstler und Aktivist – diese Begriffe sind Fallen. Mir geht es um Aneignungsprozesse, um eine totalisierte Wunschproduktion, in der sich diese Identitäten auflösen. Manchmal gelingt es, dass künstlerische Mittel in einer Bewegung eine Funktion übernehmen können – oder eine ungewohnte Perspektive eröffnen. Wenn man dem Stadttheoretiker Henri Lefebvre folgt, werden wir alle im Verlauf der »urbanen Revolution« unser Alltagsleben in Dichtung verwandeln. Das bedeutet für mich auch, dass man auf die eigene Gelangweiltheit mit Umständen, Politsprachen und bürokratischen Bedenken reagiert, und sich immer wieder neue Herangehensweisen, Formen, Fluchten und Finten überlegt und sich in andere Milieus hineinbewegt.

In deinem Buch »Die Stadt ist unsere Fabrik«, das auch als eine Art zeichnerische ?bersetzung von marxistischer Stadttheorie funktioniert, gibt es einen Teil, der die jüngeren Kämpfe in Hamburg Bewegungstagebuch-artig aufgreift. Was war die Idee für das Buch?

Spector Books hat mich 2008 gefragt, ob ich nicht ein gezeichnetes, subjektives Stadt-Bewegungs-Buch machen wolle. Als Arbeitstitel hatten wir »Lefebvre 4 Kids« – so hei&szligt jetzt das erste Kapitel. Das Buch robbt sich durch dessen Begriffe, durch die Geschichte der Stadt vom Urschlamm bis zur »Recht auf Stadt«-Bewegung in Hamburg. Dieses pseudo-historische Panorama wird immer wieder durch Sprünge in Zeit und Raum durchkreuzt, und ich versuche eine Definition der urbanen Revolution zu umrei&szligen, durch Gespräche mit Freundinnen, durch Kellerlokale, Passagen, explodierende Slums, Militärstädte, Hausbesetzungen, durch zivilen Ungehorsam und verqualmte Nächte. Henri Lefebvre taucht als Stimme vom Tonband auf und Georg Simmel erscheint als Gespenst. Irgendwann im Sommer 2009 stockte die Arbeit am Buch für fast ein halbes Jahr, weil so wahnsinnig viel in Hamburg los war – ab Sommer gab es jede Woche eine au&szligergewöhnliche Aktion, Besetzung oder Walzerparade, und zwischendurch musste man diskutieren oder Sachen vorbereiten. Diese ganzen tollen kleinen Momente mussten natürlich rein, und machen jetzt fast das halbe Buch aus.

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Beide von dir besprochenen Projekte fokussieren auf die Stadt als Ort gegenwärtiger und zukünftiger sozialer Kämpfe. Bei »Auslaufendes Rot« hei&szligt es an einer Stelle: »Denn wir erfinden die Stadt, die Welt neu« und das Buch handelt von Phänomenen wie Gentrifizierung, lokaler Partizipation und der Stadt als demjenigen Ort, an dem postfordistische, »immaterielle« Produktionsweisen massiert anzutreffen sind. Kannst du diesen theoretischen Horizont zwischen Postoperaismus und Lefebvrescher Stadttheorie für deine Arbeit ein bisschen erläutern?

Der Horizont zur ?berwindung der Krise der auf Funktionales reduzierten Stadt der Nachkriegszeit lag für Lefebvre in einer durch den Surrealismus und die Pariser Bohème geprägten Vorstellung eines »dichterischen Lebens« – die Revolution der Städte also als Aneignung, als Genuss. Antonio Negri und Maurizio Lazzarato wiederum haben mit der »fabricca diffusa« und der »Immateriellen Arbeit« die sich-in-den-Raum-auflösende-Fabrik beschrieben, das schlüpfrige Terrain des Postfordismus, auf dem einerseits die Widerständigkeiten keinen Halt mehr finden – und andererseits genau solche Dinge wie Poesie, Kreativität oder die Erfindung von Haltungen, Kultur im weitesten Sinne – eine zentrale Bedeutung in der kapitalistischen Produktion von Wert bekommen. Jetzt hat es aber die »Recht auf Stadt«-Bewegung in Hamburg in kleinem Ma&szligstab geschafft, die Frage, in welcher Stadt wir eigentlich leben wollen, wieder auf die Tagesordnung zu setzen – weil zum Beispiel MalerInnen, die kaum jemals ein Bild verkaufen, ihre freundliche Besetzung des Gängeviertels mit Auseinandersetzungen um bezahlbaren Wohnraum und autonome Freiräume verknüpft haben. Die soziale Frage wird also, ganz im Sinne von Lefebvre, im Raum gestellt. Widerstand bekommt durch die Aneignung von Räumen einen Widerhalt. Und Resonanz, weil die Gegenseite durch das Gerede über »Creative Cities« oberflächlich begriffen hat, dass die Fähigkeit, Räume als Plattformen des Austauschs funktionieren zu lassen, für kapitalistische Wertbildung essentiell geworden ist. Wir erleben, glaube ich, die ersten Experimente, wie sich der Streik im Maschinenraum der Stadt, die unsere Fabrik ist, organisieren lie&szlige. Da sitze ich mit meinem uneinheitlichen Werk und peripheren Fähigkeiten mitten im Zentrum des Dilemmas. Die Musikszene übrigens noch mehr, weil die das Leitmedium all dieser Prozesse ist, und diese kommunikativen, raumerfindenden und plattformbildenden Fähigkeiten so virtuos beherrscht, dass alle anderen Industrien oder Kulturfelder ihr hinterherlaufen.

Du hast einmal beschrieben, dass für dich das Zeichnen ein Medium ist, um Dinge auszuloten, ohne unbedingt ein Produkt herstellen oder »nur« eine Idee umsetzen zu wollen. Kannst Du diesen Arbeitsprozess, der dir das ermöglicht, näher beschreiben? Und, warum dir das wichtig ist.

Weil ich diese instrumentelle Art, Idee und Umsetzung voneinander abzuspalten, Schei&szlige finde – das ist eine der Voraussetzungen für Arbeitsteilung, Ausbeutung und Schulsystem. Und bei mir funktioniert das auch nicht – wenn ich etwas wiederhole, dann wird es gleich eine Variation. Das ist wie beim Sprechen: Politiker, die andauernd dieselben abgedroschenen Sätze sagen, wirken ja nicht ohne Grund häufig wie mechanisch betriebene Leichen. Und dann gibt es Abende, da spielt man sich mit jemandem die Argumente und Geschichten hin und her, und die Gedanken verfassen sich beim Sprechen. Und so ähnlich funktioniert das bei mir beim Zeichnen – ich kann den Raum ausdehnen, in dem offen ist, ob ein Strich aus erzählerischen, diagramm-mä&szligig gedachten oder stilistischen Gründen aufs Blatt kommt.

Von au&szligen betrachtet ist mein Eindruck, dass es von Teilen der Hamburger Schule über »Park Fiction« zu den aktuellen Bewegungen personelle Kongruenzen gibt, das Dagegensein sich aber vielleicht von Kämpfen gegen Nationalismus wie bei den Wohlfahrtsausschüssen zu Auseinandersetzungen um öffentliche Güter wie Stadtraum verlagert hat. Gibt’s eigentlich für dich subkulturelle oder politische Kontinuitätslinien, die in Hamburg zu den aktuellen Situationen geführt haben?

»Recht auf Stadt«, »Komm in die Gänge«, »NoBNQ«, »Centro Sociale« wurden ma&szliggeblich von neuen Leuten angeschoben. Zwei Jahre zuvor wollten alle hier wegziehen: »trendy, teuer, langweilig – St. Pauli 2009« wie ein Heft von St. Pauli Fans hie&szlig – Smallville eben. Ich hatte, ehrlich gesagt, Angst, dass es hier nie wieder gelingen würde, die staatliche Politik herauszufordern. Aber im Laufe des Jahres 2009 hat sich das komplett gedreht – ich habe in drei Monaten mehr Leute kennengelernt, als in den zehn Jahren davor. Zum Glück gibt es Kontinuitäten – stilistisch, wie personell. Dinge wie »Not in our name Marke Hamburg« waren zwar wichtig und die Aktion kam genau zum richtigen Zeitpunkt, die Wahrnehmung in bestimmten Szenen ist aber überproportional. Sicher ist: In Hamburg geht ohne Pop gar nichts. Und es gibt in den Vierteln und Szenen ein unterschiedliches lokales Widerstandswissen und Organisationsvermögen, das plötzlich und unvermutet wieder aktiv werden kann.

Das Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 ist gerade zu Ende gegangen und du hast mit der Installation »Auslaufendes Rot« mitgewirkt. Könntest du die verschiedenen Elemente der subversiven Stadtbeflaggung, -beleuchtung, -beschreibung, -zeichnung des Projekts skizzieren und wie du damit versuchst, das soziale und politische Gedächtnis des Ruhrgebiets herauszufordern?

Hier hat sich im März 1920 der grö&szligte bewaffnete Volksaufstand im deutschsprachigen Raum seit dem Bauernkrieg entwickelt: Die »Rote Ruhr Armee« beendete den rechtsradikalen Kapp-Putsch und ging gleich zur sozialen Revolution über. Doch diese Ereignisse sind vergessen – oder verfälscht. So steht bis heute an der Ruhr ein »Ehrenmal« für die rechten Freikorps. Das wurde in der Nazizeit errichtet – und zwar durch General von Watter, der verantwortlich war für die Massaker der Truppe an den Arbeiterinnen und Arbeitern im April 1920.

Ehrlich gesagt hätte ich erwartet, dass Ruhr 2010 diese verstörende Denkmalssituation korrigieren würde, und das für die Kulturhauptstadtregion bedeutende Ereignis kritisch aufarbeitet. Doch nichts dergleichen ist passiert. Man zeichnet ein dissensfreies Bild des Ruhrgebiets als post-industrielle Kulturlandschaft. Geschichtsvergessen taucht man alte Industriebauten in farbiges Licht und schiebt sie so ins markenbildende Reich einer entpolitisierten Ästhetik.

Mit der Arbeit wollte ich testen, ob sich die Mittel des Stadtmarketings eignen, um die verschüttete politische Bedeutung von Orten wieder sichtbar zu machen. Durch die Einladung von Markus Ambach, mich am Projekt »B1/A 40 – Die Schönheit der gro&szligen Stra&szlige« zu beteiligen,  bekam ich die Möglichkeit, eine Arbeit direkt am Wasserturm Steeler Stra&szlige zu realisieren. Genau hier fand 1920 ein Gefecht zwischen Reaktionären auf der einen Seite und revolutionären Arbeitern auf der anderen statt, das mit dem Sieg der Arbeiter endete. Mein Gro&szligvater hatte sich damals, als junger Mann mit der aus dem Nachtschrank des Vaters geklauten Pistole aufgemacht, um sich auf Seiten der Reaktionäre in die Kämpfe einzumischen. So wurde das in der Familie erzählt. Die andere Seite der Geschichte bekam ich während des Zivildienstes von einem Patienten aus der Arbeiterklasse erzählt.

Jedenfalls ist es so gelungen, im Sommer 2010 einen Wald aus roten Fahnen auf dem Dach des Wasserturms Steeler Stra&szlige in Essen Huttrop wehen zu lassen! Nachts wurde der Bau in rotes Licht getaucht, dann leuchteten die Flaggen über die ganze Stadt. Sehr gut auch vom Essener Rathaus aus zu sehen …
Auf dem Westfalendamm in Dortmund habe ich die Geschichte der Roten Ruhr Armee in Zeichnungen erzählt, eine Allee aus achtzig Plakattafeln. Die waren wie eine Wahlkampagne an Bäume montiert, die zwischen den verkehrsumtosten Spuren der B1 wachsen – man konnte aussteigen und sich die inmitten des Berufsverkehrs auf einem Spaziergang anschauen. An der Stelle hatten Arbeiter dem Freikorps Lichtschlag eine vernichtende Niederlage beigebracht. Für die Innenstadt habe ich eine Propaganda-Stra&szligenbahn mit Slogans versehen: »Brach – Brach – Wumm!« und: »Sprengen! Die ganze Bande in die Luft jagen!« – so ratterte die comicartig durch die Stadt. Alles Zitate aus dem »Rote Eine Mark Roman« »Sturm auf Essen« von 1930. Im Innenraum finden sich ausführlichere Texte, gute Ratschläge aus der Zeit der Revolte: »Hol? dir lieber eine Knarre, dann kannste mitreden, dat is heute der beste Ausweis bei solchen Debatten!«. Oder bis heute gültige Fetzen aus Manifesten oder Erklärungen der Märzrevolution, wie sie etwa der Vollzugsrat einer Zechenkolonie in Dinslaken formuliert hatte: »Wir verlangen das Paradies auf Erden und lassen uns nicht länger mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits abfinden.«

Ein Teil deiner Zeichnungen greift die historische Geschichte der Roten Ruhr Armee auf, bevor du zeichnend die Frage beantwortest, wie eine Rote Ruhr Armee heute aussehen könnte: dezentral, auf Rädern, in Callcentern werden Lebensmittel koordiniert, etc. Ein schönes Bild, das mit der imperativischen Form: »Du wirst Dich entscheiden müssen« auch appellativen Charakter hat.

Das ist eher eine Feststellung als ein Appell, weil ich glaube, dass wir uns beschleunigt auf Zeiten zubewegen, die einen ähnlich weichenstellenden Charakter haben, wie es die revolutionäre Frühphase der Weimarer Republik bis etwa 1923 hatte. Immer mehr Leute geraten in Bewegung, beginnen sich zu organisieren und spontan etwas zu bilden, das manchmal Ähnlichkeit mit den damaligen »Räten« hat.

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Du referierst ja auch auf Erhard Lucas Geschichte der Märzrevolution, in dem an einer Stelle darauf verwiesen wird, dass das Ruhrgebiet früher als innenpolitischer Wetterwinkel galt, also als Gebiet, in dem wegen der extremen sozialen Polarisierungen auch leicht etwas Besonderes passieren kann. Was ist aus dem Wetterwinkel-Status des RGs im postindustriellen Stadium geworden?

Das Ruhrgebiet ist ja im Zuge der Industrialisierung entstanden und war ein wildes Einwanderungsgebiet – die meisten von uns haben polnische oder italienische Vorfahren. Als wichtigstes Industriegebiet konnte ein gro&szliger Streik das ganze Land lahmlegen. Heute ist überall Wetterwinkel: eine just-in-time Produktion – etwa die von Opel – ist so fein über den gesamten Kontinent verteilt und so präzise getaktet – dass sie sich an vielen Stellen unterbrechen lässt. Aber auch Leute, die Kunst oder Musik, Wissen oder Orte produzieren, sind inzwischen so sehr an urbane Wertbildungsabläufe angeschlossen, dass sie genauso als »Wetterwinkel« funktionieren können – wenn sich ein Weg findet, die eigenen Kämpfe mit denen von Anderen zu verknüpfen.
Um auf die Rote Ruhr Armee zurück zu kommen – extrem spannend finde ich die Entdeckung, dass die Revolution im Ruhrgebiet von Leuten am Rand in Gang gesetzt wurde, die bis dahin gezwungen gewesen waren, die schlechtesten Bedingungen zu akzeptieren: ausgehend vom gewerkschaftlich nicht organisierten MigrantInnenmilieu in Hamborn entwickelten sich die ersten Demonstrationszüge und es wurden in wilden Streiks benachbarte Zechen blockiert. Diese Aktionen gaben der Sache eine revolutionäre Bewegungsdynamik – und nicht die gut organisierten Arbeiter, die die Gewerkschaften oder die leninistischen Einheitsparteien im Auge hatten.

Mich hat das ganze Konzept ein bisschen an Gruppen wie »Tactical Tourism« in Barcelona erinnert, bei denen das soziale und politische Gedächtnis des Anarchismus an wichtigen Orten seiner Kämpfe durch performative, interventionistische Stadtführungen abgerufen werden soll. Dort wird wiederum aber auch der touristische Blick, distanziert und passiv, aufgebrochen. Bei deiner Arbeit stelle ich mir das schwieriger vor, was in der Weise der nur inhaltlichen, aber nicht formalen Umkehrung von Stadtmarketing liegt. Was für eine Art von Intervention und was für eine Rezeption hast du dir dabei gewünscht/vorgestellt?  

Mich interessieren Hebelwirkungen – wie sich ein Spannungsverhältnis zwischen dem Imaginären und dem Status Quo herstellen lässt. Ob es im Ruhrgebiet überhaupt einen touristischen Blick gibt, der sich mit dem auf Barcelona gerichteten vergleichen lie&szlige, wage ich zu bezweifeln. Und das Aufbrechen des »passiv distanzierten Blicks mit performativen Mitteln« steht ganz oben auf der Agenda der Eventindustrie … Auch diese Mittel muss man dialektisch sehen und einsetzen. Im Ruhrgebiet organisiert etwa Ralph Klein achtstündige Stra&szligenbahntouren auf der Spur der Roten Ruhr Armee, also von Witten bis Dinslaken, mit öffentlichen Linienstra&szligenbahnen. Aber die Wenigen, die sich mit dem Thema befassen, merken, dass sie sich damit nicht durchsetzen können. Dominant ist weiter die von der Industrie und der SPD verfälschte Erzählung. Ich wollte mich gezielt auf genau dem Niveau auseinandersetzen, auf dem die Gegenseite spielt – die Geschichte einer sozialen Revolte unter den Bedingungen der Imagecity sichtbar machen.

Ein Problem wiederum, das in Barcelona diskutiert wird, ist, dass man dadurch manchmal der Imageproduktion einer Stadt als »subversive city«, als abweichend, interessant und kreativ zuarbeitet. Aber die Gefahr ist im Ruhrgebiet relativ klein, oder?

Allerdings, die könnten dort ein gerüttelt Ma&szlig an Subversion gebrauchen. So richtig die ?berlegung in Barcelona ist, sehe ich in Teilen der Linken das Problem, dass man sich mit schuldethischen Argumentationen selbst ohnmächtig denkt: wer sagt denn, dass subversives Marketing nicht auch ein Verhalten aufrufen oder einüben kann, das au&szliger Kontrolle gerät?

Eine andere Referenz, die ich in dem Zusammenhang des Projekts spannend fand, waren spectro-politics und spectro-geographies mit den ganzen Anschlüssen an hauntology, das Gespenstische, Abwesende im Raum: Gerade im Bezug auf alltägliche Orte der Arbeiterklasse oder solche der Kämpfe, die dadurch auf emanzipatorische Weise wieder aufgerufen werden sollen. Ist das ein Referenzraum, der dich interessiert?

Gespenster kommen nach meiner Erfahrung ja ungefragt und schmuggeln sich ohne anzuklopfen in den Alltag ein und verrücken einem die Möbel. Also insofern ist das eine Art, Leute zum Nachdenken zu bringen, die mir gut gefällt. In Delhi suchen Gespenster zum Beispiel gerne Häuser heim, aus denen Muslime vertrieben wurden – und die Hindus müssen heute, sechzig Jahre später, muslimische Zauberer beschäftigen, um die Gespenster zum Auszug zu bewegen. Ich fände es unbescheiden, daraus eine künstlerische Strategie abzuleiten. Ich beziehe mich auf Walter Benjamins Idee der Rückkehr der verratenen Versprechen einer vergangenen Epoche.

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An den Aspekt der Aktivierung anknüpfend: Dich interessiert der Muralismo von David Alfaro Siqueiros, da dieser mit der Prämisse arbeitet, das Bild eines revolutionären Künstlers sollte vom Betrachter in Betrieb gesetzt werden. Könntest du das in Bezug auf deine eigene Arbeit abschlie&szligend näher beschreiben?

»Park Fiction« war ganz direkt als Plattform der Wunschproduktion und des Austauschs mit anderen konzipiert. Allerdings lehne ich es künstlerisch wie politisch ab, zum Verwalter der Wünsche oder Ideen von Anderen zu werden – ich finde es wichtig, eine Praxis aus dem eigenen Alltag heraus, subjektiv und mit einer eigenen Haltung zu entwickeln. Eine Arbeit wie »Auslaufendes Rot – Anti-Monument für die Rote Ruhr Armee« fand aber im Kulturhauptstadtkontext statt, der darauf angelegt ist, die Stimmen des Alltags zum Schweigen zu bringen und Kunst so zu framen, dass sie inhaltlich verpufft – da muss die »Partizipation« auf Augenhöhe mit der Macht passieren, sonst wird sie zum Mätzchen. Ich habe eher »Maschine gemacht« mit dieser Situation.
 

Christoph Schäfer: »Die Stadt ist unsere Fabrik / The City Is Our Factory«
Leipzig: Spector Books 2010, 304 Seiten, EUR 28,-

»Das Zeichnen als Wunschmaschine« ist auch der Titel eines Workshops, den Christoph Schäfer an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg vom 8.-27. 8. 2011 anbietet.
» www.summeracademy.at


In die Lücken sto&szligen

»Die Stadt ist nicht der Staat«, liest man neben einer zeichnerischen Annäherung Schäfers an die räumliche und soziale »Autogestion« der einige Jahrzehnte zwischen China und Hongkong strittigen und darum recht eigenwillig existierenden Kowloon Walled City. Man könnte viele der in diesem Buch aufgegriffenen Konzepte Lefebvres nehmen und weiterdiskutieren, im Falle der »Autogestion« oder Selbstorganisation/Selbstverwaltung bietet es sich angesichts der Menge an jüngeren Veröffentlichungen dazu besonders an. Denn, dass die Stadt nicht der – für Lefebvre ohnehin abzuschaffende – Staat ist, findet man als Idee auch in seinen Ausführungen zur Pariser Kommune, zu mexikanischen und portugiesischen shantytowns aber auch seiner Kritik des jugoslawischen, von oben verordneten, bürokratischen (Castoriadis) Wegs zur »Autogestion«. Interessant wird die Diskussion um den Begriff vor allem heute, wo, wie Klaus Ronneberger einleuchtend in Sabine Bitters und Helmut Webers wunderschönem Band zum Thema argumentiert, der top-down Staat des Fordismus gegen welchen die Graswurzel-Selbstorganisationsnormative ursprünglich ins Feld geführt wurden, so nicht mehr existiert. Die Schwachstellen des Staates, in denen die Räume für selbstverwaltete Fabriken, Nachbarschaftskomitees etc. sich entwickeln sollten, wurden ganz anders attackiert als von Lefebvre vermutet. Die Ablehnung des lassalleianischen Weges des Staatssozialismus, der immerhin noch sozialen Wohnungsbau anbot, gegen den Lefebvre wilde Siedlungen favorisieren konnte, hat sich stark transformiert, wie man wei&szlig. Aber ob sein Alltagsutopianismus (Brenner), der die Fissuren des Systems so erkennt, dass in ihnen etwas Neues entstehen kann, das Selbstorganisation beinhaltet und den Staat durch dezentrale, demokratische Strukturen ersetzt, damit obsolet ist, sei dahingestellt. Das Mögliche ist immer im Realen, wenn auch nur in Fragmenten.

Sabine Bitter & Helmut Weber: »Autogestion, or Henri Lefebvre in New Belgrade« Berlin: Sternberg Press 2009, 160 Seiten, EUR 19,-
Sabine Bitter/Helmut Weber: »Right, to the City« Salzburg: Edition Fotohof 2009, 192 Seiten, EUR 25,-
Henri Lefebvre: »Theoretical Problems of Autogestion« In: Neil Brenner/Stuart Elden (Hg.): State, Space, World. Minneapolis: University of Minnesota Press 2009, 330 Seiten, EUR 24,99
Neil Brenner: »Henri Lefebvre’s Critique of State Productivism« In: Kanishka Goonewardena et al (Hg.): Space, Difference, Everyday Life. Reading Henri Lefebvre. New York/London: Routledge 2008, 329 Seiten, EUR 41,99