Die Nerven

»Fake«

Glitterhouse Records

Alles alles alles alles ist ein Problem und bleibt ein Rätsel für Max Rieger, Sänger der Band Die Nerven. Das macht er in den Texten des neuen Albums »Fake« deutlich. Das Problem, das Gewusel der Mannigfaltigkeit, die Möglichkeiten, die Erwartungen, der Haufen an Elend, der nun noch durch die Dimension des »Fake« erweitert wird. Eine Dimension, die all das, was ist, einfach ablehnt und der Lüge bezichtigt. Max Rieger drückt seinen Unmut in einfachen, bedeutungsschwangeren Phrasen aus, die seinen empfundenen Weltschmerz authentisch verkörpern sollen, was anfangs auch ganz gut funktioniert. Die ersten beiden Songs, »Neue Wellen« und »Niemals« sind wie Balsam für das melancholische Rocker-Ohr, man lässt sich gerne mitnehmen. Doch spätestens bei »Frei« gerät man ins Grübeln:

»Lass alles los
gib alles frei
nichts bleibt

Immer nur dagegen
immer nur dagegen
nie wirklich da

Immer nur dagegen
immer nur dagegen
aber gegen was?

Lass alles los
gib alles frei
nichts bleibt«

Es wirkt künstlich, leblos, es knallt nicht. Es gibt gesellschaftskritische Musik, bei der man in Stimmung kommt, die wütend macht, die verbindet. Hier ist das nicht der Fall, hier herrscht bloß Rührseligkeit, die man auch anderen deutschen Bands aus dem sogenannten Post-Punk-Spektrum attestieren kann. Rührseligkeit, die zu nichts führt als zu Party. Max Riegers sprachliches Werkzeug ist das der vereinfachenden Darstellung der Unübersichtlichkeit, aber damit wird halt auch alles zu einfach. Man erwartet keine Antworten oder Problemlösungen, aber selbst interessante neue Sichtweisen bleiben aus. Er stellt nur die bekannten Fragen, die man sich eben stellt, so wie man sie sich heutzutage eben stellt. Das Problem ist ja, dass man sich eigentlich gegen den ganzen Scheiß, der passiert, sträubt, ihn nicht ernst nehmen will, aber ernst nehmen muss, wenn man Teil der Welt bleiben will. Seine Reaktion ist jedoch die einfache: Ablehnung und eine selbstverliebte Wut, die sich gegen alles Falsche da draußen (Amazon, Ikea, Algorithmen, das System) richtet und dann darin endet, dass man sich in der WG hinter seinem Computer verschanzt und, mit den schönen Dingen beschäftigt, auf sein Ich zurückfällt (»Bin ich der einzige / bin ich der einzige, der weint?«).

Kann man machen, interessiert aber nicht. Das tun Tocotronic schon (textlich besser). Und Geschichten erzählen, die Wirklichkeit beschreiben, das erledigt Max Müller, Sänger der Band Mutter – Mutter aller bedeutungsschweren, kurzen deutschen Worte – bereits brillant. Schade, wo die Nerven doch instrumentell einiges zu bieten haben. Besonders der recht umtriebige Turbotrommler Kevin Kuhn (Karies, Wolf Mountains, Tim Bendzko) treibt den Sound in eine spannende Richtung. Besonders die fantastische Dynamik hat bereits die vorigen Alben ausgezeichnet. Aber auch die beiden Gitarren hauen hier und da ganz interessante Ideen aufs Parkett – und machen Spaß. Am Ende bleibt jedoch wenig hängen und alles beim Alten. Geiler Sound, wie live (es wurde tatsächlich live aufgenommen), aber eben auch nichts Neues. Es hilft halt nicht, nur schlecht gelaunt zu sein. Fazit: Nirvana ist längst nicht überwunden.

Die Nerven gastieren übrigens im Rahmen der »Fake« Tour am 29. April auch im Wiener Fluc, man kann sich also selbst ein Bild vom neuen Album machen.

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