© VBK, Wien 2010

Die Nähmaschinen-Partie Oder: Räume im Hals. Schnitt.

Sounds und Bilder der VALIE-EXPORT-Ausstellungen in Linz und Wien.

VALIE EXPORT Die un -endliche/ -ähnliche Melodie der Stränge, 1998 © VBK, Wien 2010
Video-Installation, Gesamtma&szlig variabel, Installationsansicht Golden Paley Gallery, 2000
Courtesy Charim Galerie, Wien, Foto: Scott Lindgren

Ein leicht zitternder, beruhigender Ton schwebt über der ganzen Ausstellung, der Filmprojektor surrt. Die Ausstellung »Zeit und Gegenzeit« von VALIE EXPORT im Lentos in Linz ist sanfter angelegt als die knallharte altrosa Partie im Belvedere in Wien. Sü&szlig schaut es aus, wie die Künstlerin mit ernstem Gesicht durch einen Durchgang hindurch schon aus der Weite unverständliche Zeichen sendet, gro&szlig auf Filmleinwand mit den Fingern Buchstaben formt und Wörter schreibt: Ein »Sehtext: Fingergedicht« (1968/1973) ist das. Kindersprache aus der Ferne. In einem Saal sind rundherum mehrere Schwarzwei&szlig-Filme gleichzeitig zu sehen. Man hört lautes Hämmern, Schlagen von Metall auf  Metall. In einem Film klopft jemand von innen mit blo&szligen Händen laut und rhythmisch an die Scheibe der Kamera, will heraus? »Tock, tock«, die Faust ans Glas von innen – leicht gruselig wirkt das. Daneben bläst und schnauft die Künstlerin schon, pustet sich und andere weg, ein »Liebesgedicht« (1970, 1973) soll das sein, ein »Hauchtext«, sie schnauft »umatum« im Anzug. Es ist alles dunkel in diesem Filmraum, dunkelgrau in hellgrau.

Rattern, Nadeln, Schmerz

Man kann nicht genau festmachen, was das Gruselige an VALIE EXPORTS Ausstellung im Belvedere ausmacht. Doch de facto schlendern einzelne BesucherInnen in abwartendem, aufmerksamem Ausstellungs-Modus hinein und rennen praktisch wieder hinaus. Es gibt nur einen Ein- bzw. Ausgang und man muss durch das einzige freundliche Arrangement »Fragmente der Bilder einer Berührung« (1994) hindurch, um hinein oder wieder heraus zu kommen. Dieses besteht aus Glühbirnen, die mit Hilfe eines Metallgerüsts in am Boden stehende Gläser getaucht werden und in verschiedenen Flüssigkeiten warme Farben (orange!, dunkelgelb!) erzeugen.

Am heftigsten ist der Raum in der Mitte mit den schwarzen Skulpturen, den Figuren von Georg Raphael Donner, die rundherum um eine Installation mit Bildschirmen stehen. Höfischer Barock, zukunftsweisender Proto-Klassizismus, rosa in rot, altrosa – das Licht flackert von den Bildschirmen, auf denen in riesig die Stimmritzen, die Glottis gezeigt werden. »Turbulenzen« tönt es und teilweise hört man Sätze heraus: »Die Stimme gehört mir. Die Sprache gehört mir. Meine Stimme hat keine Worte. Sie ist wortlos.« Räume im Hals, Schnitt. Pusteengelchen, Pustekuchen – es schlägt sich mordsmä&szligig, die Umgebung und die Kunst und passen irgendwie auch wieder gut zusammen. Spucketropfen glänzen auf den Glottis, glitzern im Erzeugungsorgan der Stimme, das mit einem Laryngoskop, einem Gerät zur Betrachtung des Kehlkopfes, aufgenommen wurde. »Die Stimme gehört mir. Meine Stimme hat keinen Ort, sie ist ortlos.« Im Garten vor dem Fenster steckt eine riesige Schere spitz im Schnee, »Die Doppelgängerin/The Double« (2010). BesucherInnen fotografieren sich lachend mit der Schere, man sieht das Obere Belvedere im Nebel.

Durch die Kalaschnikow-Installation der Moskau-Biennale (»Achtung, nicht in die Ülwanne hinein fallen«, sagt der Wächter) hindurch kommt man zur Hauptattraktion: Die Nähmaschinenpartie! Auf 45 Monitoren von hoch gestellten Bildschirmen rattern ganz spitz die Nadeln von Nähmaschinen einförmig vor sich hin. Man darf zwischen ihnen herum gehen. Das laute Rattern beruhigt und beunruhigt gleichzeitig. Nadeln, Schmerz. Innere Bilder tauchen auf: Jemand, der sich schneidet, die Narben auf den Armen von Mädchen mit Gewalterfahrung ?? »Die un-endliche Melodie der Stränge« (1998) hei&szligt die auf Dauer schwer auszuhaltende Geräuschkulisse.

»Die Monotonie und Unentrinnbarkeit der Arbeit, die seit Beginn der Industrialisierung und Massenproduktion vorwiegend von Frauen ausgeführt wird, findet hier eine Metapher«, steht an der Wand, »??der Ausstellungssaal mutiert zur Werkhalle.« Und: »Die Gefahr, die von diesem Gegenstand ausgeht, ist gleicherma&szligen gegen die Näherin gerichtet wie auch selbst von ihr bewirkt.« »Tuff, tuff« ertönt es aus dem Nebenraum.

In Linz gibt es eine Installation mit riesigen motorbetriebenen Nadeln, die auf Metallkolben von der Decke herunter fahren und ein sehr lautes Geräusch erzeugen, Stahlspitzen picksen und stechen zu und durch. Diese darf nur unter Führung eingeschaltet werden. »Möchten Sie noch mehr?«, fragt die koreanische Museumswärterin und schaltet »Nadel« (1996/97) noch einmal ein. Auch in Linz gibt es eine Glottis-Aliens-Film-Installation: »Die Macht der Sprache« (2002). »Die Frage nach dem Schweigen«, hört man, »??löst sich nach der Spur«, hört man, »bemisst sich nach der Spur«, hört man. Die Sprache wechselt hypnotisch und rhythmisch von links nach rechts auf den Lautsprechern. »Die Macht der Sprache bemisst sich nach der Spur, die sie hinterlässt.« Links: »Lange nach dem Schweigen.« Rechts: »Noch lange.«

Unheimliche Schrecken

Am gruseligsten auf »unterirdische, untergründige« Weise sind aber die einfachen Zeichnungen mit Bleistift in Wien, die auf simple Weise in einer Papierbildserie Gewalt gegen Kinder andeuten und darstellen. Dazu am Boden dieses Raumes die Fotos von durch Strom getöteten Menschen plus eine Hand in einem Film, die ins Stromkabel greift. Glasscherben, von Nägeln durchbohrte Hände ?? – als ob ein Kind mit der Kindheit angemessenen, »schwachen« Mitteln auf etwas Unheimliches, eine drohende oder existierende Gefahr hinweisen will. Es kann sich nicht ausdrücken, nur andeuten, aufzeigen. Ein geschrecktes Kind, das seine Schrecken aufzeigt und andere als Warnung vorsorglich aufschrecken will?

Es ist gro&szlige Kunst, bei den BesucherInnen starke Emotionen zu wecken, egal in welche Richtung die gehen. Sich fürchten? Kinderkram? Wir haben verlernt, Unheimlichkeit im realen Leben wahrzunehmen und zu bekämpfen. In den Medien wird allein die Erotik der Dominanz und die Erotik der Angst verbreitet – eine lustvolle Grusel-Inszenierung. VALIE EXPORT hält dagegen. Aber gewisse Leute, »Täter« genannt,  müssen sich leider viel zu wenig fürchten, sonst würden sie anders handeln.

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VALIE EXPORT ?glottis?, 2007 © VBK, Wien 2010
Ausstellungsansicht, Belvedere, Wien 2010, Performance Film, 
32-teilige DVD-Installation, im Rahmen der Arbeit: THE PAIN OF UTOPIA. DER SCHMERZ DER UTOPIE, Biennale di Venezia 2007, Gesamtma&szlig variabel | Foto © AnnA BlaU

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VALIE EXPORT ZWANGSVORSTELLUNGEN, 1972/1977/2010 © VBK, Wien 2010
Ausstellungsansicht, Belvedere, Wien, 2010, Installation
2 Fotografien auf Holzrahmen montiert, alte Zimmertür, Glasscherben, Schlittschuhe, Ülkanister mit Altöl 220 x 125 x 170 cm
Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien | Foto © AnnA BlaU