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Die Leere ist das Kriegsgefühl

Jede und jeder Einzelne ist der Verbundenheit in der Gemeinschaft würdig. Dieses verlorene, überlebenswichtige Gefühl muss derzeit für ukrainische Flüchtlinge neu erzeugt und aufgebaut werden. Denn Krieg bedeutet den Verlust und die Abwesenheit von Gefühlen.

Im Fernsehen ist immer wieder der Breaking Point zu sehen: Eine Journalistin stellt eine sehr allgemeine, ungenaue Frage, die aus der Ukraine geflüchteten Frauen nehmen sich Zeit für ihre Antwort und plötzlich folgt ein Tränenausbruch. Als ob ihnen erst in diesem Moment ihre Situation schmerzlich bewusst wird, sie die Trauer zulassen können, weil jemand fragt. »Was haben Sie verloren?« – »Ich verlor meinen Ehemann, meine Hunde, meine Katzen, mein Leben«, antwortete eine Frau, bevor sie die Augen zusammenkniff und zu weinen anfing. Die ganze innerliche Schutzmauer brach zusammen. Ist es schon sehr erstaunlich und zeigt den Gegensatz zum »normalem« Fernsehprogramm, dass nun vermehrt ganz »normale« Frauen im Fernsehen gezeigt werden, so ist die innerliche Erstarrung klar zu erkennen. Die Frauen befinden sich in einem Schockzustand und sind aufs Handeln, aufs Durchhalten fixiert. Eine mittelalte Frau mit Rucksack, die gerade in einen Autobus einsteigen wollte, drückte es klar aus: »Bis jetzt habe ich nichts gefühlt. Nun an der Grenze kommen die ersten Gefühle hoch, ich fühle wieder etwas.«

Hektik herrscht vor

In der Wiener Postgasse, von wo aus Autos und Lastwägen mit gesammelten Gütern an die Grenze zur Ukraine starten, ist die Situation ähnlich. Der englisch sprechende Ukrainer am Eingang schaut einen zwar an, scheint aber weit weg zu sein. Auch auf das vierte Mal dasselbe Fragen keine Antwort – man sieht, dass er sich konzentriert, aber seine Gefühle fahren wohl Karussell. In hektischer Eile wird derweil ein Auto beladen, die ältere Autolenkerin fährt sofort los. Hier schuften alle und keiner will reden. Ein Betriebsamkeitsrausch. Eilige Hackelei wie im Fieber. An einer Mauer brennen Kerzen und es sind Fotos von jungen Männern aufgehängt, die wohl gefallen sind. »Für unsere Helden« steht dabei. Mit Sprache und Worten kommt man hier an eine Grenze. »Der Krieg ist keine Sache der Gefühle. Er ist eine Sache der Abwesenheit von Gefühlen. Ebendiese Leere ist das Kriegsgefühl«, schreibt Georges Didi-Huberman in »Remontagen der erlittenen Zeit«. Ihm ging es um »diese ständige Dialektik zwischen einer erlittenen Erniedrigung und einer Arbeit der Würde, die in jedem einzelnen Detail auf jeden einzelnen Moment der Erniedrigung antwortet«. Der Blick des Erniedrigten auf den Erniedrigten würde »das Sehfeld öffnen«.

Der Schock geht weiter

Der in Flüchtlingslagern arbeitende Fotograf Augusti Centelles fasste seine Erfahrungen in Didi-Hubermans Buch so zusammen: »Man muss mit allen Mitteln darum kämpfen, seinesgleichen wiederherzustellen, da jeder einzelne der Verbundenheit mit der Gemeinschaft des anderen würdig ist.« Als Gegenmittel gegen die Zerstörung empfahl Centelles den Flüchtlingen, selbst »Formen zu produzieren und zu beherrschen, ein Repertorium überlebender, widerständiger Formen« zu erzeugen. Das ist genau das, was die Wiener Ukrainer*innen, aber auch viele Dorfbewohner*innen an den Grenzen Polens und Rumäniens gerade machen: Nach dem extremen existenziellen Schock, den sie erleiden mussten, über Gegenstände die Verbundenheit zur menschlichen Gemeinschaft wiederherstellen. Angesichts der Todesbedrohung von Brüdern, Söhnen und Ehemännern vor allem eine überlebenswichtige Aufgabe für die geflüchteten ukrainischen Frauen und Kinder. Wollen wir hoffen, dass die Ukrainer*innen auch das Reden und die Sprache wiederentdecken. Jetzt ist es noch zu früh, der Schock sitzt zu tief und geht fortwährend weiter.