© Michael Loizenbauer
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Die gesellschaftliche Maschine

Im Rahmen von imagetanz erkundet die Performance »youAI« von 17. bis 19. März 2023 Trainingsprozesse mit Sozial-Robotern. Tanz die Technik, Pepper!

Die Entwicklung humanoider Roboter ist voller Herausforderungen, die von der Mechanik bis hin zur Realisierung kognitiver Fähigkeiten reicht. Von menschlicher Intelligenz sind Roboter sowieso noch Dekaden entfernt. Immerhin sind sie mittlerweile in der Lage, in menschzentrierten Umgebungen zu agieren. Das Lernen aus der Beobachtung des Menschen ist ein Paradigma der Zukunft für die Roboter-Programmierung, und zwar nicht nur für Greifaufgaben, sondern auch für Ganzkörperbewegungen, und wirft viele Fragen auf: Brauchen wir humanoide Körper, um etwas über die menschliche Intelligenz zu verstehen? Kann Intelligenz ohne Körper existieren? Wird Robotik als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts wirklich entscheidend zur Verbesserung der Lebensqualität des Menschen beitragen können? Die Forschungsgruppe H.A.U.S. (Humanoids in Architecture and Urban Spaces) untersucht als interdisziplinäres Team performativ Sozial-Roboter. Im Rahmen von imagetanz präsentieren Christoph Hubatschke, Oliver Schürer und Eva-Maria Kraft (Tanz, Choreografie) gemeinsam mit der Schauspielerin Linda Pichler und begleitet von Musik von Rupert Huber und Thomas A. Pichler von 17. bis 19. März 2023 »youAI«, eine Performance mit Pep(per). Christoph Hubatschke (Philosoph und Politikwissenschaftler) und Oliver Schürer (Institut für Architekturtheorie und Technikphilosophie der TU Wien) haben für skug ein paar nicht-computergenerierte Fragen beantwortet:

skug: Die transdisziplinäre Forschung eurer Gruppe H.A.U.S. zielt darauf ab, über rein künstlerische, humanistische, soziale oder technische Fragen hinauszugehen. Entwicklungen, Erkenntnisse und Einsichten werden nicht nur nach sozialen oder technischen Zielsetzungen in ihrem Ursache-Wirkung-Zusammenhang bewertet, sondern auch in offenen lebensweltlichen Kontexten mittels öffentlicher Experimente und Performance-Kunst. Könnt ihr ein paar Beispiele dieser Kontexte und Versuche benennen?

H.A.U.S.: Wir machen alle denkbaren Kombinationen von künstlerischen Performances mit wissenschaftlichen Formaten wie Vorträgen, Diskussionen oder Workshops. Das geschieht in großen und winzigen Theatern, in Museen wie auch Galerien, auf schäumenden Festivals oder in verträumten Souterrains, auf wissenschaftlichen Konferenzen zur Zukunft der Arbeit, zur Digitalisierung. Auf einer Robophilosophy Konferenz hat die Gruppe H.A.U.S. einen Workshop eingebracht und philosophischen Diskurs mit Performance verhandelt. An einer Konferenz an der Universität der Bundeswehr haben wir einen Workshop über Assistenzsysteme abgehalten. Auftritte und Diskurse machen wir genauso in Privatgärten wie im öffentlichen Raum. Beispielsweise waren wir im Sommer 2020 mit einem offenen Anhänger unterwegs und haben auf mehreren Plätzen in der Stadt Wien performt, vorgetragen und diskutiert. Unser Publikum sind einmal Menschen, die im öffentlichen Raum als Passant*innen zufällig auf uns stoßen, ein andermal sind es wieder hochspezialisierte Fachleute in Domänen-Diskursen. 

Ihr forscht darüber, innerhalb von welchen soziokulturellen und räumlichen Beziehungen ein gemeinsames Lebensumfeld mit Sozial-Robotern möglich ist. Welche Hindernisse gibt es in der Vergesellschaftung von humanoiden Robotern und Menschen?

Dabei muss immer kritisch hinterfragt werden, ob, warum und unter welchen Bedingungen humanoide Roboter überhaupt eingeführt werden sollen. Nehmen wir den Bereich der Pflege. Oft wird die Überalterung der Gesellschaft als ein Grund vorgebracht, warum soziale Roboter so wichtig sind, können sie doch – so die Erzählung – in Pflege-Settings eingesetzt werden. So werden Millionen an Fördergeldern in die Entwicklung dieser Maschinen investiert, während die Pflegearbeit wenig Anerkennung findet und völlig unterbezahlt ist. Die Einführung von humanoiden Robotern darf kein Selbstzweck sein. Vielmehr ist zu hinterfragen, welche unterstützende Arbeiten oder Tätigkeiten diese Roboter wirklich erfüllen können. Dies soll und kann nicht nur in Roboter-Labors entschieden werden. Hier muss auch mit jenen Menschen gemeinsam entwickelt werden, die mit diesen Robotern zu tun haben werden. 

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Ihr nennt den humanoiden Roboter, mit dem ihr forscht, Machina. Etymologisch betrachtet bedeutet Machina auf Latein Maschine, aber auch Betrug. Auf welche Art von Betrug spielt ihr da – vermutlich in Bezug auf technokratische Versprechungen bezüglich humanoider Roboter – an? Wie sehr haben eure techno-ästhetischen Experimente gängige Techniktheorien auch immer wieder in Frage gestellt?

Zur ersten Frage: Jede Technologie ist eine raffinierte Abweichung vom selbstverständlichen Lauf der Dinge, also eine List. Um an die Frage anzuschließen, kann man von einem erweiterten Ansatz sprechen: Der Bezug auf List stellt nicht die Täuschung in den Vordergrund, sondern die Kunstfertigkeit. Die Multivalenz von Kunstfertigkeit ist für uns relevant. Auf diese Weise kontextualisiert, sind sowohl Betrug als auch Kunstfertigkeit Eigenschaften der List. 

Zentrales Ziel unserer künstlerischen Forschung ist, Technikvorstellungen der Abgeschlossenheit und absoluten Autonomie zu hinterfragen. Denn weder ist die Technologie eigenständig und abgeschlossen, noch ist es »der Mensch«. Gerade in der künstlerischen Beschäftigung mit Technologien wird umso deutlicher, dass es weder »den Menschen« noch »die Technik« in dieser Abstraktheit gibt. Ein Reden über solche Allgemeinheiten entzieht sich auch stets den je konkreten Fragestellungen, den je konkreten Interessen und Problemen. Denn es geht nicht um einen Kampf des Menschen gegen die Technik, nicht um eine Furcht vor dem »Künstlichen«. Solche Formen der klassischen Technikkritik, wie sie Martin Heidegger in seiner Technikphilosophie formulierte, homogenisierten die Vielfalt der technischen Objekte mit einem entpolitisierten, abstrahierten Technikbegriff. 

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Technologien kann ganz direkt die Verschränkungen zwischen Menschen und Technologien aufzeigen und mit konkreten Vermischungen experimentieren. Dabei geht es eben immer um konkrete Menschen und konkrete Technologien und damit auch um konkrete politische und gesellschaftliche Fragen. Transdisziplinäre Arbeit mit und an Technologien ermöglicht es, diese hochkomplexen Fragen eben nicht nur rein theoretisch zu behandeln, sondern auch auf einer nicht-intellektuellen, aber nicht minder komplexen Ebene zu befragen. In Tanzperformances lassen sich so zentrale Positionen der Technikphilosophie nicht nur zeigen oder kritisieren, sondern auch neue Zugänge entwickeln und bearbeiten. Gerade Theorien, die nicht auf vereinfachte Vorstellungen von »der Technik« aufbauen, profitieren von künstlerischer Forschung enorm.

Humanoide Roboter bezeichnet ihr auch als Agenten. Ihr habt euch unter anderem die Forschungsfrage gestellt: Wie sollen wir humanoide Roboter behandeln – als Maschine, Werkzeuge, Apparate oder Instrumente? Welche Antworten habt ihr zwischenzeitlich gefunden?

Uns ist vor allem wichtig, mit den Anthropomorphisierungen von humanoiden Robotern, wie sie vor allem die Industrie immer wieder gerne forciert, zu brechen und diese kritisch in Frage zu stellen. Am Bau humanoider Roboter lässt sich vor allem eine Projektion und (Re-)Produktion bestimmter, oftmals höchst problematischer, Menschenbilder erkennen. Humanoide Roboter weisen vor allem deshalb solch eine starke Faszination und Wirkmächtigkeit auf, weil sie sich aufgrund ihres Aussehens und ihres einprogrammierten Verhaltens für viele Menschen eben nicht nur als reines Werkzeug oder bloßes Instrument darstellen. Diese Anthropomorphisierung der Maschinen, der humanoiden, mit AI-Systemen betriebenen Roboter, ermöglicht eine bestimmte Form von Umgang mit Technologien, birgt aber auch eine Reihe an Gefahren in sich. 

Humanoide Roboter sind und bleiben Maschinen. Mit dem Techniksoziologen Bruno Latour gesprochen sind technische Objekte immer Teil von sozialen Handlungen und auch selbst handlungsfähig, stellen Akteure dar. Erst mit und durch das gemeinsame Handeln mit diesen nicht-menschlichen Akteuren sind wir zu manchen Tätigkeiten fähig. Es werden aber auch manche Handlungsmöglichkeiten wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher. Technologien und technische Objekte sind demnach nicht neutral, in ihnen sind, wie der Technikphilosoph Langdon Winner betont, Politiken eingeschrieben. Bei humanoiden Robotern sind diese technikphilosophischen Ansätze genauso gültig. Humanoide Roboter handeln nicht einfach autonom, sie handeln in einem sozialen Umfeld mit unterschiedlichen anderen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen gemeinsam. Dabei haben soziale Roboter das Potenzial, im Sinne der feministischen Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway zu Companions zu werden.  

Diese humanoiden Roboter sind dafür vorgesehen, in unseren intimen Privaträumen zu operieren. Wie sehr müssten wir unsere unmittelbare Wohn- und Lebensumgebung anpassen, um ein gemeinsames Hausen zu ermöglichen?

Lustigerweise werden die Erzeuger*innen nicht müde, die menschliche Form als einen Vorteil von humanoiden Robotern hervorzuheben. Da geformt wie wir, kann alles so bleiben wie gewohnt. Sofern die Dimensionen in den Behausungen gemeint sind, ist das nicht unrichtig. Allerdings fordern die Funktionalitäten von Sensoren alles Mögliche an Materialverwendung, Formfaktoren und deren Kombinationen. Zum Beispiel: Annähernd spiegelnde Flächen verhindern die Steuerleistungen der Abstandssensoren. Oder zu stark differenzierte Lichtgradienten verhindern die Adaptionsleistungen der Kameras. Oder zu schmale materielle Ausprägungen von Elementen wie Stuhlbeinen, Heizkörpergittern u. ä. können von bestimmten Sensoren gar nicht erfasst werden. Heutzutage gilt es, eine beliebige Umgebung, im Hinblick auf Materialien und Dimensionen, auf die Funktionsweise eines Roboters abzustimmen. 

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Werden wir in Zukunft einen generellen Co-Kreationsprozess zwischen Menschen und humanoiden Robotern erleben oder bleibt dieser Bereich eher ein unleistbares technisches Nischenexperiment? 

Nachdem Roboter Geräte sind, die von Menschen ersonnen und erzeugt werden, kann bis in absehbarer Zukunft ausschließlich von Mensch-Mensch Co-Kreation gesprochen werden. Das soll uns als globale Gesellschaft keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass Mensch-Mensch Co-Kreation überraschend, grenzüberschreitend und zielführend sein kann. Es ist eine uralte Trope der Menschheit, die hier in der Erscheinung namens Roboter auftritt: Menschen bauen Maschinen, um Probleme zu lösen, die sie selbst nicht lösen können. Das ist das Konzept von Technologie als Stellvertreter. Eine Form von Wunschdenken, mit dem unschlagbaren Vorzug, menschliche Verantwortung abzugeben. Interessanterweise verlieren die Menschen in dieser metaphysischen Steigerung nicht nur ihr Verantwortungsgefühl, sondern auch die Autorenschaft über die Technologie. Technologie wird hermetisch, unverständlich, bedrohlich, böswillig sowie unausweichlich und muss folglich durch Opfer besänftigt werden. Opfer wie Arbeitslosigkeit, Altersarmut, regionale Schrumpfung, kriegerische Auseinandersetzungen, Wirtschaftskriege … ein Blick in ein News-Format freier Wahl gibt genügend Stoff, diese Liste weiterzuschreiben. 

Man hat manchmal das Gefühl, dass der Mensch unbewusst oder vielleicht sogar wahnhaft versucht, die menschenverursachte Auslöschung von Arten auf diesem Planeten mit einer schier unüberblickbaren künstlich erzeugten Waren- und Maschinenvielfalt zu kompensieren. Das sechste große, globale Massenaussterben von Lebewesen wird von einer Überfülle von Massenwaren und -maschinen begleitet. Wie seht ihr das? Hat sich generell die Definition von Leben oder Lebewesen im Rahmen der Beschäftigung mit Robotik und virtuellen Welten verändert?

Die Auslöschung von Arten und die Massenproduktion von Waren, darunter viele Maschinen, kompensieren einander wohl nicht, stehen aber in Zusammenhang. Beides sind Phänomene von Verarmung. Das eine ist Reduktion der Vielfalt der Lebensformen, das andere ein Aufbrauchen von Material. Während die vielbeschworene Energieproblematik potenziell gelöst werden könnte, ist das bei der Materialproblematik nicht der Fall. Deshalb wird die auch kaum politisch thematisiert. Lebendiges steht Unlebendigem gegenüber. Lebendiges kann sterben und sich reproduzieren. Unlebendiges ist nie tot und nie befruchtbar. Roboter und künstliche Intelligenzen sind fraglos eindeutig unlebendig. Aber wir stehen mit diesen Technologien in einer Beziehung des Affiziert-Werdens. Technologien stecken uns an, lösen bestimmte Verhalten und Denkformen aus. Viele konzeptuelle Ansätze von H.A.U.S. kommen aus den unzählbar vielen Relationen von Sich-Affizieren und Sich-Bewegen. Sie führen uns zu bestimmten künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsansätzen wie etwa dem »Doppelgänger«-Zyklus mit Ningyō Jōruri und Ningyō Buri. 

An der Schnittstelle von politischer Theorie und kritischer Technikphilosophie, besonders in Bezug auf soziale Bewegungen und neue Technologien, wo seht ihr Gefahren in einem zu naiven technokratischen Fortschrittsglauben?

Technologien werden oftmals als treibender Faktor gesellschaftlicher Veränderungen identifiziert, sei es die AI und die Veränderung der Arbeitswelt oder Social Media und die Veränderung von Protestbewegungen. Doch die reine Fokussierung auf Technologien führt schnell zu einer technikdeterministischen Vorstellung, also der Position, dass neue Technologien auch automatisch und notwendigerweise gesellschaftliche Veränderungen hervorbringen. Solch eine technikdeterministische Position ist jedoch höchst simplifizierend, weil sie einerseits gesellschaftliche Prozesse, die bestimmte Technologien überhaupt erst ermöglichen, ausblendet, andererseits aber auch Technik als gesellschaftlich losgelöst betrachtet. 

Doch wie die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari betonen: Jeder technischen Maschine geht stets eine gesellschaftliche Maschine voraus. Dies meint, dass die Frage nach technischem Fortschritt eben keine innertechnische ist, sondern immer auch eine sozio-ökonomische und politische. Warum bestimmte Technologien zu bestimmten Zeiten großen Einfluss haben, hat vor allem mit politischen und ökonomischen Interessen zu tun. Sich gegen eine technikdeterministische Vorstellung zu stellen, ermöglicht daher auch eine zielgerichtetere Kritik, denn es geht nicht um ziellose Maschinenstürmerei. Vielmehr müssen wir fragen, warum bestimmte Technologien überhaupt entwickelt und gefördert werden, aber eben auch, wofür sie eingesetzt werden könnten. Dabei kann es durchaus wichtig sein, die Entwicklung bestimmter Technologien aktiv zu hinterfragen oder auch zu bekämpfen. Sicher ist, dass von der Technik allein keine Rettung zu erwarten ist.

Links: https://h-a-u-s.org/ 

https://brut-wien.at/de/Programm/Kalender/Programm-2023/03/H.A.U.S

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