Die Entzauberungslaterne des Ingmar Bergman

»Laterna Magica« wählt Ingmar Bergman als den Titel seiner Autobiographie. Dabei sieht der schwedische Regisseur in seinem Schaffen meist ganz genau hin. 

»Zauberlaterne« lautet die ?bersetzung für jenes Projektionsgerät, das den prominentesten Vorläufer moderner Kinoapparatur darstellt, und eben jene »Laterna magica« wählte Ingmar Bergman (1918-2007) als Titel seiner Memoiren. Dabei ist der Schwede eher ein Meister der Entzauberung und seinem für Bühnen- und Leinwandarbeiten entwickelten, unverkennbaren Stil bleibt er auch in der Literatur treu. In seiner Autobiografie geht er als Autor vor wie als Filmemacher: Er thematisiert, was andere vermeiden. Selbst in seinen sehr privaten Familienportraits interessiert er sich primär für jene Stellen, an denen der Firnis bröckelt, Hintergründe sichtbar werden. Das Ensemble seines Leinwandpersonals findet sich in den Menschen vorskizziert, die seine Kindheit umrahmen. Auch die Pole Eros und Thanatos bestimmen sein Denken früh. Bereits auf der ersten Seite erhält er als todgeweihtes Neugeborenes die Nottaufe, stirbt dann beinahe an Unter- und schlie&szliglich falscher Ernährung. Seine erste Erinnerung, so vermutet er, sei, sich übergeben zu haben. Hat er den Leser mit der drastischen Einleitung erst überrascht, wechselt Bergman, wie später noch öfters im Buch, die Zeitebenen, springt in die Vorvergangenheit oder Gegenwart, wird zur verbindenden Erzählperson, die ihm Distanzierung von den jeweils vorangegangenen Schilderungen erlaubt.

Mit einer Laterna Magica beginnt sein künstlerisches Leben. Als sein Bruder den kinematographischen Apparat geschenkt bekommt, den sich eigentlich der Schuljunge Ingmar sehnlichst gewünscht hatte, tauscht er ihn gegen hundert Zinnsoldaten ein und erstmals bewegt sich im künstlichen Licht eine Figur nach Bergmans Zutun. Filmarbeit, so wird er später erkennen, ist für ihn eine im Detail geplante Illusion, Spiegelung einer Wirklichkeit, die ihm, je länger sein Leben andauere, immer illusorischer erscheine.
Zehn Jahre vor seinem Tod wird Ingmar Bergman 1997 mit der »Palme der Palmen« in Cannes zum »besten Filmregisseur aller Zeiten« gewählt. Zu jenem Zeitpunkt sind solche Superlative überflüssig, wird sein durchaus uneinheitlicher, also: vielseitiger Stil längst adoriert, zitiert, kopiert, plagiiert. Sein Filmschaffen enthält einige Meilensteine, die mittlerweile bereits die Sehgewohnheiten von Generationen mitgeprägt haben. In »Laterna magica« lassen sich viele Denkansätze zu seinen Filmsujets nachvollziehen. Geschrieben sind sie in einem Stil, der manchmal bereits in Richtung Woody Allen weist, je nachdem in welcher Couleur man ihn lesen möchte. Der Tod wäre scheu&szliglich, schreibt Bergman, das Danach unsicher. Der Bibelsatz, es gäbe in Gottes Hause viele Wohnungen, sei kein Trost: »Wenn ich es endlich geschafft habe, den Wohnungen meines Vaters zu entkommen, möchte ich nicht bei jemandem einziehen, der vermutlich noch schlimmer ist.«

Ingmar Bergman: »Laterna Magica, Autobiografie«, Berlin: Alexander Verlag 2011, 432 Seiten, EUR 24,90