Tobias Preisig © Tobias Stritt

Die Entdeckung der Einfachheit

Tobias Preisig erkundet die Jazz-Welt auf der Suche nach einer ganz eigenen Sprache. Was er dabei erreicht hat, ist auf seinem Solodebütalbum »Diver« zu hören. skug hat anlässlich des Releases mit dem in Berlin und Zürich lebenden Musiker gesprochen.

Den jungen, in Zürich geborenen Violinisten Tobias Preisig zog es mit seinen diversen Formationen bereits durch viele Stationen der Jazz-Welt. Angefangen bei der Zusammenarbeit mit der Schweizer Jazz-Legende George Gruntz (Donald Byrd, Lee Konitz, Roland Kirk etc. pp.) über Auftritte auf dem Montreux Jazz-Festival (mit dem Organisten Stefan Rusconi) oder dem Tokyo Jazz Festival, Kollaborationen mit Colin Stetson oder dem Cinematic Orchestra bis hin zu seinem Soloalbum »Diver«, das jetzt auf Quiet Love veröffentlicht wurde. Solo spielt er seit über »drü Jahr« eine sehr eingehende, mit tiefschöpfender Spannung, von Elektronik unterstützte und bearbeitete Ambient-Musik. Traurig und kalt, dramatisch, perpetuierend zieht sie einen mit eindrücklichen Themen in eine düstere, schöne Tiefe. Der Opener »Néon« beispielsweise, minimalistischst, ist so eine Nummer. Auf dem Titeltrack treten zugleich melancholische und mit der Welt versöhnende Töne zusammen, Preisig lässt einen nicht allein, wo er einen mit hin nimmt. Der süße, verschwimmende Sound geht in »Collective« dann gänzlich auf, man verlässt die Reise und es war gut. Ende Oktober händigte Preisig skug in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die frischgepresste Platte auf einem S-Bahnhof irgendwo in Berlin aus, ein paar Tage später hatte er dann sein Release-Konzert in derselben Stadt und wir haben nochmal mit ihm gesprochen.

Tobias Preisig © Chroma

skug: Wie fühlst du dich nach deinem Release-Konzert?
Tobias Preisig: Oh, einfach nur erfüllt! Mein Label Quiet Love Records hatte ein ganzes Wochenende mit Konzerten seiner Künstler*innen in Zürich organisiert. Ich durfte in diesem Rahmen das Album live vorstellen. Es ist schon speziell, man behält diese Musik so lange in seinem kleinen Umfeld, pflegt und hegt sie, und jetzt darf sie die große, weite Welt entdecken. Ich bin sehr gespannt, wie die Reise weitergeht. Soweit sind die Reaktionen großartig, ich bin überwältigt, wo die Musik überall Gehör findet. Da sind Lieblingsradiostationen aus den USA dabei, da sind Blogs aus dem UK oder ein Magazin aus Polen und Musikerfreunde aus der ganzen Welt schreiben mich an. Ich hatte echt nicht mit solch ermutigenden Reaktionen gerechnet, nun freue ich mich auf viele Live-Shows, damit die Musik weiter wachsen kann.

Klassiker: Was hat dich zu deinem Album inspiriert?
Die Musik ist die Essenz eines Sammelsuriums meiner Erlebnisse: meine vielen Live-Konzerte an den unterschiedlichsten Orten, Konzerte, die ich selber anhöre, Musik, die mir Musikerfreunde vorschlagen, Kunstaustellungen, die ich besuche, Länder, die ich bereisen darf, Diskussionen mit Freunden. Somit kann ich unmöglich Namen nennen, sie würden dem Ganzen nicht gerecht. Aber ich stelle gerade eine Playlist zusammen, mit Musik, die mit dem Entstehungsprozess des Albums in Verbindung steht. Ich bin selbst überrascht, was dabei so alles auftaucht.

Du kommst ja »aus dem Jazz«, zumindest, wenn man Biografie, Preise und Stipendien besieht. Doch du hast einen sehr progressiven, modernen Weg eingeschlagen, den Künstler*innen wie z. B. auch dein Kollege Colin Stetson gehen, der sich sehr minimalistisch und auf Sound, Atmosphäre fokussiert. Was hat das noch mit Jazz zu tun?
Als 7-Jähriger hab’ ich mit meinem Vater und Großvater Schweizer Volksmusik gespielt, einfach so drauflos, auch wenn ich kaum zwei Töne kratzen konnte. Ich durfte mit ihnen mitspielen, sie haben mich aufgenommen und sogar zu Auftritten in lokalen Kneipen mitgenommen. Es war das selbstverständlichste Musizieren im Moment und nie ein Vortrag und Abliefern von geübten Kunststücken. Dies war für mich später der Jazz und dieses Gefühl suche ich auch heute noch in jedem Konzert, eigentlich jedes Mal, wenn ich Musik mache, sei es im Studio oder auf der Bühne. Ich werde oft gefragt, wo man diese Musik einordnen könne. Im besten Fall klingt die Musik irgendwann nach Jan Wagner, irgendwann nach Egopusher oder nach Tobias Preisig, und die Stilfrage bleibt außen vor und irrelevant. Natürlich ist es ein langer Weg bis zu diesem Bewusstsein, aber es ist die einzige Bezeichnung, die sich zu 100 % richtig anfühlt. Neulich spielte ich ein Solokonzert und jemand im Publikum meinte, diese Musik erinnere sie an Egopusher. Sie hatte die Band nie live gesehen und sie war sich nicht bewusst, dass sie ein Konzert von 50 % von Egopusher hört. Dies war der Beweis für mich, dass ich mich selbst nicht verstelle, sondern dass sich lediglich die Kombination und die Präsentation unterscheidet.

Für das neue Album ist Jan Wagner mit an Bord. Wie kam es dazu?
Seit langer Zeit entwickelte ich mein Solorepertoire an verschiedenen Live-Konzerten. Bei den Aufnahmen scheiterte ich jedoch regelmäßig, bis Alessandro, mein Bandkollege von Egopusher, mir empfohlen hat, meine Aufnahmen Jan Wagner zu zeigen. Kurz darauf traf ich Jan in Kreuzberg und dieser hörte viel größeres Potenzial in der Musik. Der Zufall wollte es, dass wir beide Zeit hatten, und wir vergruben uns sofort einen Monat lang im Studio. Es war, als hätte Jan die Schleusen des Staudamms geöffnet und die ganze angestaute Musik floss unangestrengt wie von allein. Jan brachte die Musik noch mehr auf den Punkt, schälte Unnötiges heraus und formte das Klangbild zu einer starken Einheit.

Wie hat sich Jans minimalistischer Sound noch auf deine Nummern ausgewirkt?
Dies war unsere erste Zusammenarbeit und sie war so inspirierend, dass wir auch jetzt schon an weiteren Sachen dran sind. Ich war unbewusst auf derselben Suche nach Reduktion und Intimität, die auch auf seinem Album zu finden ist. »Exploring simplicity« ist seit langer Zeit Teil meiner Suche, Reduktion aufs Wesentliche, sodass jeder Ton eine Bedeutung hat und seinen Stellenwert bekommt. Bei Jans Album »Nummern« empfinde ich dasselbe Gefühl. Somit hat es sicher auch mein Album inspiriert.

Das war auch mein Eindruck, nachdem ich die beiden Alben miteinander verglichen habe. Das passt nicht nur sehr gut, es verstärkt sich auch gegenseitig. Nun hast du ja mittlerweile auch live mit Jan gespielt. Wie war das? Wird es das noch öfter geben?
Unsere beiden Sets ergänzen sich hervorragend. Jan Wagner solo am Klavier, ich solo mit der Geige. An einem Abend haben wir einmal eine Zugabe gespielt, ein Stück namens »Approval«, bei dem Jan auch auf dem Album mitspielt. Es war wunderschön, zu erleben, wie diese zwei Welten aufeinandertreffen und, wie du schön sagst, sich so mühelos ergänzen. Ich hoffe, wir bestreiten noch viele gemeinsame Abende zusammen.