Deutschland - deine Pophelden: »Tocotronic Chroniken«

An Kraftwerk lässt sich exemplarisch beobachten, wie das konsequente Weitermachen unvermeidlich erst zu Kanonisierung, dann Institutionalisierung und letztendlich gar zu Musealisierung führt. Die Einstürzenden Neubauten haben diesen Prozess, der dabei vom Subkulturspektakel zum Hochkulturevent führte, längst schon und mit beeindruckender Schnelligkeit durchlaufen. Hier geht es nun um jene Band im Triumvirat der Bands im Pantheon der deutschen Gegenwartsmusik, die gerade dabei ist, ins Stadium offizieller Approbation einzutreten – die Ex- Hamburger Diskurs- und mittlerweile Berliner Hauptstadt- rocker-Burschen von Tocotronic.

Vor zwei Jahren, zum zwanzigsten Jahrestag der Bandgründung, erschien ihr großartiges Album »Wie wir leben wollen«, das sie zwar mit einem Manifest begleiteten, ansonsten aber ohne jedwelches Jubiläumsbrimborium auf den Markt brachten. Begleitend erschien im kleinen Leander-Verlag unter dem Titel »This Book is Tocotronic« allerdings ein giftgrüner Broschurband, in dem 26 Fans, Freunde und Kollegen, bekannte und unbekannte Namen, sehr subjektiv über ihre Beziehung zur Band oder zu einzelnen Alben berichteten – mal per erzählerischem Text, mal als autobiografische Erinnerung, aber auch in Form kurzer Comics. Wie üblich bei solchen Unterfangen variiert die Qualität der Beiträge beträchtlich, was dem Band aber insgesamt nicht wirklich schadet.

Symbolträchtig zum 1. Mai ist dieses Jahr nun nicht nur das elfte Studioalbum erschienen, ohne Titel und in minimalistischem Rot gehalten, sondern zudem ein geradezu monumentaler, ebenfalls in schlichtem Rot gekleideter Bildband von immerhin 1,249 kg Gewicht. »Die Tocotronic-Chroniken« eigenen sich also nicht gerade für eine ablenkende Lektüre im Zug, sondern wollen vielmehr daheim aufmerksam studiert werden. Und wer sich auf dieses Studium einlässt, den erwartet eine bunte Mischung aus unveröffentlichten Bandfotos, interessanten Presseberichten, Protestschreiben von Michael-Ende-Fans, Abbildungen von frühen Merchandise-Artikeln und so weiter. Man erfährt unter anderem, dass Blixa Bargeld 1996 gegenüber der sozialistischen Zeitung »Junge Welt« bekennt, den Namen Tocotronic noch nie gehört zu haben (und ihn zudem doof zu finden). Oder dass ein Redakteur der »Frankfurter Allgemeine Zeitung« zu »KOOK«-Zeiten beständig Tocotronic-Titel und -Textzitate als Ûberschriften verwendete (was der bürgerlichen Leserschaft des Blattes freilich kaum auffiel). Manchen Tocotronic-Anhängern hingegen war vielleicht nicht klar, dass der Slogan des Debütalbums, »Digital ist besser«, gar nichts mit moderner Musiktechnologie zu tun hat, sondern sich auf Armbanduhren mit Digitalanzeige bezieht, die ab den 1980ern auf den Markt kamen. Und so weiter.

Zunehmend auf die Nerven geht einem aber leider der permanent auf voll aufgedrehte Ironie-Modus von Jens Balzer, der zu jedem Album einen sogenannten »Essay« verfasst hat. Lieber hätte man mehr Songtextexte abdrucken sollen als eben nur einen pro Album. Balzers neunmalkluger Schreibmodus soll natürlich die ironische Haltung der Band reflektieren (und seine journalistische Formulierungs- kunst ausstellen), der Band wird dadurch aber zu einem Fanboy-Buch für andere Fanboys. Die Hörer von Tocotronic – das steht zu hoffen – dürften aber so intelligent sein, dass sie ein Buch verdienen, in dem die Band angelegentlich auch mal kritisch betrachtet wird. Sich selbst (mehr eben als nur ironisch) in Frage zu stellen, Widersprüche zuzulassen und auszuhalten – gerade das wären doch die eigentlichen Stärken von Tocotronic, von denen aber diese der Kanonisierung dienende Werkschau insgesamt dann doch zu wenig hat.

Tocotronic & Jens Balzer: »Die Tocotronic Chroniken«. Berlin: Blumenbar Verlag 2015, 384 Seiten, EUR 51,30